Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen

Erscheint vsl.: September 2020

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Wissen

Der journalistisch-persönliche Tonfall gepaart mit einem groben Überblick thematisch einschlägiger sozial- und geisteswissenschaftlicher sowie historischer Erkenntnisse funktioniert sehr gut, und die Gliederung ist übersichtlich und sinnvoll. Hasters Argumentation ist nicht immer unproblematisch, wichtige Diskussionsanregungen sind aber gegeben.

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Das Coverdesign ist schlicht, aber ansprechend. Ansonsten finden sich ein Quellenverzeichnis und ein nützliches, umfangreiches Glossar.

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Yannic Niehr
Über "Othering", "White Gaze" und "Empowerment"

Sachbuch-Rezension von Yannic Niehr Jul 2020

Die Debatte um Rassismus in all seinen Formen und Ausprägungen ist aufgrund der aktuellen Umstände so hochgekocht, dass sie uns gesellschaftlich auf lange Sicht begleiten wird und endlich geführt werden muss. Systemisch und institutionell verankerter Rassismus ist historisch bedingt, beginnt aber oft im Kleinen und pflanzt sich in vielen Alltagshandlungen fort. Die Kölner Journalistin Alice Hasters hat sich dem Thema angenommen und beleuchtet Zusammenhänge, die vielen vielleicht gar nicht bewusst sind, stellt aber auch eigene Diskriminierungserfahrungen kritisch dar. Damit wirkt das Buch wie eine Art deutschsprachige Antwort auf den britischen Bestseller Why I’m no longer talking to white people about Race von Reni Eddo-Lodge.

„Viele waren der Meinung, dass Thema Rassismus wäre schon Hunderte Male durchgekaut worden. Mir kam es so vor, als ob eine ernsthafte Diskussion darüber noch nicht mal angefangen hatte.“

Ganz bewusst geht Hasters von persönlichen Erfahrungen als Aufhänger aus, um anhand dieser die historischen Zusammenhänge zu beleuchten oder Kontexte zu liefern. Das Buch gliedert sich in verschiedene Abschnitte. Im ersten wird zunächst erklärt, was Rassismus alles sein kann und was nicht, und wie er sich im Alltag zeigt. Besonders interessant ist vor allem der zweite Abschnitt, der sich mit Ungleichheiten im Bildungssystem befasst – sowohl was Chancen und Möglichkeiten, als auch die eigentlichen Inhalte angeht. Das Thema der Körper und ihrer politischen Zuschreibungen wird im dritten Abschnitt erläutert, wohingegen die letzten zwei Abschnitte – zum Feld Liebe sowie zum Feld Familie – die wohl persönlichsten und introspektivsten darstellen (in ersterem geht es um das Thema Dating, wobei Hasters eine Art gedanklichen, konfliktbeladenen Dialog aufzieht mit einem imaginierten, potenziellen Partner; in letzterem geht es um Hasters Verhältnis zu ihren Großeltern, die so unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und Vergangenheiten entstammen, und ihren Versuch, dies unter einen Hut zu bringen). Innerhalb dieser Abschnitte werden zahlreiche weitere Themenkomplexe (Intersektionalität, (Un-)Sichtbarkeit und Repräsentation, verschiedenste Formen der Stereotypisierung u.v.m.) unterhaltsam, wenn auch manchmal etwas kurz und knapp abgehandelt.

„Dinge, die wir nicht lernen, können wir nicht kritisch behandeln.“

Der persönliche Tonfall ist bewusst gewählt und macht das Buch aus. Es liest sich dadurch geistreich, aber nicht ohne die dem Thema angemessene Schärfe. Auf die ein oder andere Art und Weise emotional besetzt ist schon der Begriff Rassismus wohl für jeden, doch das Erzeugen eines gewissen Unwohlseins ist von der Autorin durchaus intendiert. Trotz des in manchen Ohren vermutlich provokant klingenden Titels ist das Buch alles andere als eine Klageschrift oder Moralpredigt. Eine kollektive Schuld für eine individuell nicht begangene Tat kann es kaum geben, wohl aber legt Hasters eloquent nahe, dass zu einem gesunden Geschichtsbewusstsein ein gewisses Fein- und Verantwortungsgefühl dazugehören sollte. Besonders auf die deutsche Kolonialgeschichte geht sie diesbezüglich ein: Denn es wird hierzulande zwar sehr viel historische Aufarbeitungsarbeit betrieben, aber nicht, was dieses Kapitel der Geschichte betrifft - es wird sozusagen „übersprungen“, womit ein wichtiger Baustein in der Debatte um Rassismus fehlt. Ausgespart werden im Schulunterricht oftmals auch die problematischeren kulturellen Beiträge mancher berühmter Dichter und Denker, z.B. solche, die mit der Erfindung der „Menschenrassen“ zusammenhingen – einer Fiktion, die bis heute allen Widerständen zum Trotz fortbesteht. Aufgrund solcher blinder Flecken können gewisse rassistisch geprägte Ansichten und Konstrukte bis heute unbewusst unsere Wahrnehmung und unser Handeln beeinlussen und werden in den Köpfen perpetuiert. Diese Passagen sind sehr erhellend und mit die gelungensten des Buches. 

„Nur weil Dinge unausgesprochen bleiben, heißt es nicht, dass sie keine Nachwirkungen haben.“

Gelegentlich schießt Hasters übers Ziel hinaus und zieht sehr breite, etwas gewagte Schlüsse. Auch sind ihre Ausführungen nicht immer in dem Maße stringent mit Theorie unterfüttert, die man sich gewünscht hätte – das liegt allerdings schon in dem erwähnten persönlichen Stil begründet, der sich wie ein roter Faden durch den Text zieht und diesen zusammenhält. Ein ausführliches Quellenverzeichnis im Anhang bietet aber weitere Möglichkeiten, sich umfassend über die angeschnittenen Themen zu informieren. Hilfreich ist außerdem ein Glossar mit Begriffserklärungen, vor allem da Hasters sich häufig Termini aus den englischsprachigen Geisteswissenschaften bedienen muss, da das Deutsche schlichtweg (noch) nicht über eine ausreichende Nomenklatur verfügt.

Fazit:

Schnell gerät man beim Lesen fast automatisch in eine Art Rechtfertigungsmodus – nur um im nächsten Moment umzuschalten und die dem zugrunde liegenden Motive einmal genau zu betrachten. Vermeintlich unumstößliche Begebenheiten kritisch zu hinterfragen ist die einzige Möglichkeit, echtes Umdenken herbeizuführen. Alice Hasters selbst gibt auf den letzten wenigen, sehr starken Seiten zu, dass das alles andere als leicht ist. Die Welt ist komplex, und wie genau dieser Prozess aussehen soll, kann niemand beantworten – auch sie nicht. Anfangen muss wohl jeder bei sich selbst. Aber, wie Hasters treffend formuliert: „Komplexität ist keine Ausrede.“ Ein guter Anfang wäre zweifellos, von Rassismus betroffenen Personen ihre Gefühle und Erfahrungen nicht abzusprechen – und einfach mal zuzuhören.

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen

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