Willkommen im 21. Jahrhundert

Erschienen: März 2020

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Fischer als kundiger Beobachter analysiert die aktuelle europäische und Weltpolitik und zieht daraus seine Schlussfolgerungen.

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Andreas Kurth
Ein kompaktes, ideenreiches und überaus lesenswertes Debatten-Buch

Sachbuch-Rezension von Andreas Kurth Nov 2020

Joseph Fischer, den Deutschen nur als Joschka bekannt, hat seine politischen Erfahrungen und Erlebnisse als Politiker in mehreren Büchern verarbeitet. Mir haben vor allem seine Werke über seine Zeit als deutscher Außenminister gut gefallen, aber auch sein neues Werk ist für politisch und zeitgeschichtlich interessierte Leser mehr als lesenswert. In “Willkommen im 21. Jahrhundert” schildert der ehemalige Frankfurter Sponti die Rolle Deutschlands und Europas in der sich dynamisch neu entwickelnden Weltordnung an der Schwelle zum dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.

In seiner ausführlichen Einleitung “Trump und die Folgen” macht er vor allem deutlich, welche Auswirkungen die Politik - oder besser Nicht-Politik - des Dilletanten im Weißen Haus auf diese neue Weltordnung hat - egal, ob es uns gefällt oder nicht. Fischer vertritt die Meinung, man dürfe Trump nicht auf seine Rolle als Polit-Clown reduzieren, dazu sei die Bedeutung Amerikas in der Welt immer noch zu groß.

“Trumps Außenpolitik entbehrt jeglicher kalkulierender Vernunft, wie die gescheiterten Atomgespräche mit Nordkorea, aber auch die Lage im Nahen Osten zeigen. Donald Trump, der 45. Präsident der USA, ist tatsächlich eine Revolution! Es fällt schwer, sich diese Tatsache einzugestehen, aber dieser Mann stellt die Welt, vor allem die westliche, gerade auf den Kopf, ohne dabei zu wissen oder gar auch nur ansatzweise zu überschauen, was er tut.”

Das zweite Kapitel, „Europas erzwungene gaullistische Wende”, nimmt seinen Ausgangspunkt an der Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel von 2018, die Europäer müssten ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Damit setzt er die rote Linie, die sich durch das Buch zieht. Der Untertitel des Werks: “Europas Aufbruch und die deutsche Verantwortung”, gibt hier die Richtung vor. Das Kapitel “Die deutsche Frage - zwischen Furor teutonicus und Pazifismus” erörtert die deutsche Haltung zu welt- und europapolitischen Fragen. Vor allem geht es Fischer um die Teilhabe an militärischen Aktionen der internationalen Gemeinschaft. Er kann da auf eigene Erfahrungen zurückblicken, schließlich war er zum Zeitpunkt der deutschen Beteiligung am Kosovo-Krieg gerade deutscher Außenminister, und hat diese Beteiligung von Bundeswehr-Soldaten maßgeblich bei den Grünen mit durchgesetzt.

Joschka Fischer geht es dann in erster Linie um die digitale Revolution und ihre Folgen für die Geopolitik. Nach Agrar- und industrieller Revolution sei die dritte fundamentale Umwälzung mit noch größeren Folgen für die Politik auf der ganzen Welt verbunden. Dabei müssten die sozialen Fragen, auch in Europa, entsprechend verträglich gestaltet werden, so seine Forderung.

Es werde sich auch die Frage stellen, wer damit besser umgehe. China oder der Westen? Europa oder die USA? Nach Auffassung des Autors gibt es keine einfachen Antworten auf diese Fragen.

Mehrfach betont Fischer, dass es in seinen Augen besonders wichtig ist für Europa, Priorität auf die digitale Souveränität zu legen. Andernfalls drohe dauerhafte Abhängigkeit, von anderen Nationen oder von global operierenden Konzernen.

Als größte Herausforderung für den Westen sieht Fischer jedoch den systemischen Angriff auf die individuelle Freiheit, auf das von ihm so bezeichnete Fundament der westlichen Demokratie.

Aus diesem systemischen Widerspruch zwischen einer westlichen Freiheitskultur und einer chinesischen konfuzianisch geprägten, mit repressiven Mitteln erzwungenen Harmoniekultur wird der eigentliche Systemwiderspruch im 21. Jahrhundert bestehen, der auch geopolitische Folgen haben wird. Und dieser Widerspruch zwischen Freiheits- und Harmoniekultur reicht tiefer als die totalitäre Tradition der Kommunistischen Partei und ist in Ostasien und Südostasien nicht nur auf China begrenzt.

Eine eurasische Orientierung lehnt Fischer als Scheinalternative für Europa kategorisch ab, wie er länger ausführt und begründet. Vielmehr sei der Aufstieg Chinas ein weiterer Grund, warum Europa souverän, vor allem digital souverän werden müsse. Damit kann aus Sicht des erfahrenen Außenpolitikers auch ein neuer Transatlantismus verbunden sein.

Fazit:

Wenn ein durch und durch politischer Mensch wie Joschka Fischer ein Buch über die politischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts schreibt, schlagen sich seine eigenen Überzeugungen natürlich im Text nieder. Dennoch muss man ihm zugutehalten, dass seine Schlussfolgerungen und Thesen - jedenfalls nach meiner Auffassung - keinesfalls grün eingefärbt sind.  Vielmehr zeigt sich hier, wie Fischer als kundiger Beobachter die aktuelle europäische und Weltpolitik analysiert, und daraus seine Schlussfolgerungen zieht. So ist ein kompaktes, ideenreiches und überaus lesenswertes Debatten-Buch entstanden. Ob man seiner Meinung folgt, oder eine andere Sichtweise entwickelt, ist jedem Leser selbst überlassen. Aber Stoff für angeregte Diskussionen bietet das Werk mehr als genug.

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