Spinnst du?

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Kathrin Walther
8

Sachbuch-Couch Rezension vonApr 2022

Wissen

Ausstattung

Psychische Erkrankungen für Einsteiger und Fortgeschrittene

Über viele Krankheiten wird ungern gesprochen. Bei „normalen" Erkrankungen wie einer Erkältung, einigen organischen Problemen, einem Knochenbruch oder orthopädischen Leiden mag das anders sein, doch vor allem psychische Erkrankungen sind in vielen Bereichen noch immer ein Tabuthema. Viele Betroffene fürchten von ihren Mitmenschen ansonsten stigmatisiert und in eine Schublade gesteckt zu werden, was auch in vielen Fällen passiert. Erkrankungen wie Depressionen, Essstörungen oder auch Zwangsstörungen werden oft auch noch nicht ernst genommen und sogar von einigen Ärzten hören Betroffene teilweise Ratschläge wie „Ruhen Sie sich mal ausgiebig aus!“, „Essen Sie einfach mehr!“ oder „Überwinden Sie sich doch mal, es wird schon nichts passieren, wenn Sie Ihre Hände nicht ständig waschen.“

Sonja Koppitz kennt diese Reaktionen aus eigener Erfahrung, denn sie ist selbst an einer wiederkehrenden Depression erkrankt. In ihrem Hörbuch zum gleichnamigen Buch erzählt sie einerseits von ihren eigenen Erlebnissen, andererseits fließen viele sachliche Informationen aus Gesprächen mit Experten und Berichte anderer Betroffener in ihr Werk ein. Auf diese Weise entsteht ein vielschichtiges Bild über die Verbreitung psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft und ihr Umgang mit den diversen Krankheiten, wobei gleichzeitig viele Missstände aufzeigt werden.

Ein Tabu, das keins sein sollte

Das Hörbuch ist in mehrere, große Kapitel aufgeteilt, die sich jeweils mit verschiedenen Themengebieten beschäftigen. Den Rahmen stellt Sonja Koppitz´ Besuch in der Psychiatrie dar, in der sie unter anderem zur Recherche für ihren Podcast mit Betroffenen, Ärzten und Therapeuten sprach.

Zu Beginn erzählt sie jedoch von ihrer eigenen Depression, wobei sie ihre Gedanken und Fragen mit den Hörern teilt, bevor sie mit „Woche 1: Das erste Mal in der Psychiatrie“ startet. Hier geht sie zunächst grob auf psychische Erkrankungen in der Gesellschaft ein, bevor sie die verschiedensten Leiden von A wie Angst bis Z wie Zwang ausführlich vorstellt.

In „Woche 2: Psychisch Kranke/Gesunde – Menschen wie du und ich“ erfährt der Hörer viele neurologische Hintergründe, wobei die Abläufe im Gehirn sowie genetische und epigenetische Zusammenhänge betrachtet werden. In „Woche 3: Reden, Korbflechten und wieder reden – bringt’s das?“ geht es um Behandlungsmöglichkeiten, angefangen bei Gesprächen mit Therapeuten über medikamentöse Behandlungen, persönliche Rechte bis hin zu Psyche und Psychiatrie der Zukunft.

„Woche 4: Zurück ins Leben“ bildet den Abschluss. Hier wird beschrieben, wie es nach der Therapie oder dem Krankenhaus weitergehen könnte, wie eine Teilhabe in der Gesellschaft aussehen kann und welche Möglichkeiten für Betroffene bestehen. Auch für Angehörige gibt es viele Informationen, in denen es nicht nur um den Umgang mit den Erkrankten, sondern auch um Selbstfürsorge geht. Auch werden in diesem Teil viele berühmte Persönlichkeiten vorgestellt, die trotz oder gerade wegen ihrer Erkrankung erfolgreich waren, was einerseits Mut macht, andererseits jedoch auch erschreckt, da viele in früheren Zeiten Opfer ihrer Erkrankung wurden.

Ein Buch für Betroffene, Angehörige und Interessierte

Durch die Mischung aus persönlichen Erfahrungen, Gesprächen mit Betroffenen und Experten und eine große Menge an Fakten sowie Sachwissen lässt sich das Buch trotz einer großen Ladung an Informationen gut hören. Durch die vielen verschiedenen Bereiche, über die Anja Koppitz erzählt, spricht sie ein breites Publikum an. Zwar liegt der Fokus in weiten Teilen auf dem Thema Depression, allein schon aufgrund ihrer eigenen Erkrankung, doch kommen auch viele andere Erkrankungen zur Sprache, zudem betreffen Bereiche wie Therapie, Recht oder auch das Leben mit der Erkrankung viele Erkrankte gleichermaßen, wobei es keine Rolle spielt, ob die Diagnose Depression, PTBS, Zwangs-, Ess- oder Angststörung lautet. Durch die Einblicke in den von vielen Vorurteilen behafteten Bereich „Psychiatrie“ nimmt sie Betroffenen Ängste und zeigt, dass es dort viel „normaler“ zugeht, als weithin angenommen.

Doch auch Angehörige finden viele hilfreiche Informationen. Die Autorin baut Verständnis für die Erkrankten auf, gleichzeitig weist sie jedoch auch darauf hin, wie hilflos viele Angehörige sich fühlen und dabei darauf achten müssen, selbst nicht zu kurz zu kommen. Das Buch eignet sich auch für „nur“ Interessierte, die bisher wenig Berührungspunkte mit diesem Themenbereich hatten, wobei bei einem Anteil von über 25% der Erwachsenen, die von einem psychischen Leiden betroffen sind, wahrscheinlich jeder jemanden kennen wird. Diese immens hohe Zahl an Betroffenen zeigt, dass psychische Erkrankungen kein Tabu mehr sein sollten.

Der Hörbuch-Version lässt sich gut folgen. Man merkt, dass Anja Koppitz das Sprechen an Zuhörer durch ihren Beruf als Radiomoderatorin gelernt hat, was sich an ihrem gut verständlichem Sprechtempo, ihrer angenehmen Stimme und ihrer deutlicher Aussprache erkennen lässt. Da viel Faktenwissen einfließt, wäre ein Inlett in der CD-Hülle schön gewesen, in dem sich zumindest das Inhaltsverzeichnis des Buches mit Angabe der zugehörigen Tracks hätte finden lassen, welches eine grobe Orientierung zum Hörbuch vermittelt und hilft, einzelne Abschnitte zum Nachhören wiederzufinden.

Fazit

Ein gelungenes Hörbuch, das zeigt, dass psychische Erkrankungen mit einem Anteil von 25% erkrankter Erwachsener keine Seltenheit sind, wie viele immer noch glauben. Das Hörbuch trägt hoffentlich dazu bei, dass das Thema enttabuisiert wird, Vorurteile abgebaut werden und die Stigmatisierung der Betroffenen aufhört.

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