Okay, danke, ciao!

Erschienen: April 2021

Couch-Wertung

9
Wissen
Ausstattung

Wissen

Obwohl vornehmlich ein Erfahrungsbericht, vermittelt das Buch dennoch wichtige Informationen und Denkanstöße – nicht zuletzt aufgrund der Expertise von Professor Bock.

Ausstattung

Im Anhang findet sich eine kurze Erläuterung verschiedener psychischer Erkrankungen sowie eine Übersicht hilfreicher Links und Anlaufstellen.

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Yannic Niehr
Hast du Zigaretten?

Sachbuch-Rezension von Yannic Niehr Apr 2021

«Okay, danke, ciao!» Meist beschränkt sich ihre Konversation auf nur wenige Minuten, und beinahe immer bekommt sie diese Worte zum Abschied. Dabei kennen sie sich doch nun schon recht lange – hätten sie auch anfangs nicht gedacht, welche Wellen das Ganze schlagen würde …

Im Mai 2017 begegnet Katja Hübner, in der Musikbranche tätige Grafikdesignerin, auf einer Parkbank nahe einer Hundewiese bei sich zuhause im Hamburger Schanzenviertel einem Obdachlosen. Der junge Mann, der – wie sie bald erfährt – Marc heißt, wirkt verwahrlost und geistig nicht ganz auf der Höhe. Doch schon bald geht er ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie besucht ihn beinahe täglich, gibt ihm Zigaretten oder kauft ihm etwas zu essen. Doch irgendwann reicht ihr das nicht mehr: Sie will wirklich etwas bewegen, Marc helfen.

Und so beginnt eine Odyssee durch alle sozialen Netze und deren Bürokratiedschungel – vorbei an Polizei, Streetworkern, Sozialpsychiatrischem Dienst –, um Marc dabei zu unterstützen, ein neues Kapitel aufzuschlagen …

„We were put on this earth to learn, watch, observe and brightly burn …”

In diesen etwa 180 Seiten, die sich locker und flott an einem Stück durchlesen lassen, beschreibt Katja Hübner ihre Erfahrungen, die über den Zeitraum von etwa drei Jahren von einer zufälligen Begegnung und einer Impulsentscheidung zu einer unerwarteten Freundschaft und einem echten Wandel im Leben eines jungen Mannes führen, der schon ganz unten angekommen war. Obdachlose werden häufig als Problem im Stadtbild, selten jedoch als Menschen wahrgenommen. In dieser Hinsicht ist dieses Buch ein echter Augenöffner, erfährt die Autorin doch auch über Marcs Hintergrund eine Menge: so z.B., dass er früher Musiker war und in einer Band spielte, aufgrund seiner Psychosen jedoch schon früh in Schwierigkeiten geraten ist. Sie nimmt Kontakt zu Marcs Familie auf, setzt alle Hebel in Bewegung – und es ist anfangs deprimierend, mitanzusehen, wie schwer echtes Helfen zum Teil gemacht wird.

Aufgrund von Katja Hübners Beruf ergeben sich eigenartige Szenen, in denen sie auf einer Aftershow-Party mit Udo Lindenberg feiert – ein seltsamer Kontrast zu dem Elend, das sie gleichzeitig hautnah kennengelernt hat und das sich tagtäglich in unzähligen Einzelschicksalen auf den Straßen abspielt. Hübners Text kommt es zugute, dass sie bislang wenig schriftstellerische Erfahrung hatte: Das Buch liest sich wie ein tagebuchähnlicher Bericht, ihre Schilderungen sind nüchtern und erfrischend ehrlich und direkt, gleichzeitig aber auch voller Humor. Unterstützung erhält sie schließlich von Professor Thomas Bock, dem Leiter der Sozialpsychiatrischen Ambulanz des UKE, der auch das Nachwort des Buches verfasst hat. Gemeinsam begleiten sie Marc auf seinem Weg. Das ist nicht immer leicht, denn sie muss dabei auf dem schmalen Grat zwischen echter Hilfe und einem Sich-Aufdrängen balancieren. Nachdem Marc sich jedoch dazu bereiterklärt, sich einweisen zu lassen (und damit vermutlich dem Kältetod entgeht), geht es aufwärts, und jeder weitere Schritt nach vorn liest sich rührend und zutiefst beeindruckend. Wie schön, dass man schließlich einmal von einer Art Happy End im wahren Leben sprechen kann.

Fazit

Okay, danke, ciao! ist ein Appell, nicht wegzuschauen. Es erinnert daran, wie gut es den meisten von uns doch eigentlich geht und dass man dafür dankbar sein sollte. Gleichzeitig verdeutlicht es, dass auch Menschen mit einer psychischen „Störung“ ihre eigene Geschichte und ihre eigene Sicht auf die Welt mitbringen, die nicht weniger wertvoll ist als die jedes anderen, und das man nicht jedem das enge Korsett der Normalität aufzwingen kann oder gar sollte. Durch die persönliche Natur des Textes gelingt es Katja Hübner darüber hinaus auch noch, einen zum Hinterfragen der eigenen Vorurteile zu bewegen – und zum Nachdenken darüber, wie man selbst etwas bewirken kann. Denn dass individuelle Bemühungen etwas bewirken können, das hat die Autorin hiermit unter Beweis gestellt. Ein wahrhaft wichtiges Buch!

Okay, danke, ciao!

Okay, danke, ciao!

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