Miss Dior

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Carola Krauße-Reim
10

Sachbuch-Couch Rezension vonMai 2022

Wissen

Fundierte Recherche führt zur Biografie einer Frau, die nur durch die Betrachtung Dritter möglich ist

Ausstattung

Sehr viele Fotos ergänzen den gut verständlichen Text und Angaben zu den Quellen lassen eigene Nachrecherche zu

Der Versuch einer Biografie

Justine Picardie arbeitete beim „Observer Magazine“ und den britischen Ausgaben von „Vogue“ und „Harper‘s Bazaar“. Unter ihren Büchern wurde vor allem die Biografie von Coco Chanel hoch gelobt und zu einem Bestseller. Mit „Miss Dior“ entführt sie uns abermals in die Szene der Pariser Haute-Couture.

Christian Diors kleine Schwester

Christian Dior war einer der größten französischen Modeschöpfer. Sein Imperium umfasst heute Luxusgüter aller Art, die Haute-Couture ist weiterhin tonangebend. Dior hatte vier Geschwister, sein Liebling darunter war die kleine Schwester Catherine, die Patin stand für den Namen seines berühmten Parfüms – „Miss Dior“.

Catherine hatte allerdings nur sehr wenig mit dem Berufsleben ihres Bruders zu tun. Während dieser über Umwege zur Mode kam und sich in diesem Bereich erst langsam als Zeichner etablierte, wird die Person Catherine Dior vor allem durch ihre Zugehörigkeit zur französischen Résistance interessant. Als sehr agiles Mitglied gab sie ohne Furcht Informationen weiter. Doch 1944 wurde sie verhaftet, gefoltert und auf dem letzten Transport aus Paris nach Ravensbrück deportiert. Sie überlebte, doch war für ihr ganzes Leben durch die erlittenen Qualen gezeichnet. Leider gibt es nur sehr wenige Informationen über Catherine Dior, die über ihre Erlebnisse - bis auf ganz wenige Ausnahmen - nie gesprochen hat und auch sonst eine sehr zurückhaltende Frau war. Sie genoss lieber ihr Privatleben, als im Rampenlicht zu stehen.

Fundierte Recherche und persönliche Eindrücke

Picardie hat versucht, das Leben von Catherine so weit wie möglich zu rekonstruieren. Ihre Recherche war extrem umfangreich, führte sie an die Orte von Catherines Leben und Martyriums; aber aus erster Hand, sprich durch den Nachlass von Catherine selbst, war nur sehr wenig über diese Frau zu erfahren.

Aus diesem Grund orientierte sich die Autorin am Leben ihres berühmten Bruders Christian, der immer sehr eng mit seiner Schwester verbunden war und dessen Werdegang wesentlich umfangreicher dokumentiert ist. Daraus ergibt sich eine Biografie, die nicht die eigentlich zu betrachtende Person in den Mittelpunkt stellt, sondern deren Leben größtenteils im Hintergrund durch Dritte und durch historische Zeugnisse nachvollzogen wird.

Picardie geht sehr ausführlich auf die gefährliche Arbeit der Résistance ein, zeichnet Personen nach, die dadurch mit Catherine eng verbunden waren. Diese lassen Rückschlüsse auf sie zu, oder, sprechen sogar von ihr. Die Autorin besuchte Ravensbrück und die anderen Orte der Gefangenschaft von Catherine und schildert in oft sehr persönlichem Ton ihre Empfindungen während ihrer Visiten. Sie gibt Berichte von anderen Frauen der französischen Résistance wieder, die auf das Leben von Catherine im Lager und auch auf deren Verfassung nach der Befreiung blicken lassen.

Die Zeit nach dem Krieg wird hauptsächlich durch die Biografie von Christian Dior geprägt, der sein Modehaus aufbaut und bei „Miss Dior“ und wahrscheinlich einigen Kreationen seines „New Look“ Inspiration durch seine Schwester fand. Durch diese Art der Rekonstruktion der Biografie von Catherine Dior lernen wir auch sehr viel über Christian, die Résistance, das Leben in den Lagern und den Umgang mit deutschen Kriegsverbrechern nach dem Krieg. Catherine selbst verhält sich in ihrer Erwähnung dabei so zurückhaltend im Hintergrund, wie zu ihren Lebzeiten als oft unerkannte Schwester des großen Christian.

Etwas verstörend sind die Passagen, in denen die Autorin über ihre Beziehung zur Geisterwelt spricht oder ihre emotionalen Empfindungen an sehr persönlichen Orten von Christian und Catherine, etwa seinem Schreibtisch oder ihrem Schlafzimmer, wiedergibt. Die Grenze der Neutralität ist hier oft überschritten, jedoch wird gerade durch diese Textstellen deutlich, welche sonst verschlossenen Bereiche der Autorin zugänglich gemacht wurden, die als ehemalige Chefredakteurin von „Harper‘s Bazaar“ und Redakteurin von „Vogue“ immer noch Möglichkeiten zu haben scheint.

Viele Fotos runden die Biografie ab

Picardie hat es geschafft, unzählige Fotos der Familie Dior auszugraben. Dazu kommen zahlreiche ergänzende Fotos, die den Textteil angenehm auflockern und aus Namen und Orten Gesichter und Schauplätze machen. Allerdings sind der Autorin doch, trotz exakter Recherche, einige Fehler im Text unterlaufen. So wird u.a. gesagt, Marschall Pétain wäre 1940 48 Jahre alt gewesen – eindeutig ein Zahlendreher. Außerdem behauptet die Autorin, in einem Artikel vom 13.8.1953 würde von „Protesten wegen Lebensmittelknappheit und Preissteigerungen in Ostberlin“ berichtet, die wurden aber bereits am 17.6.1953 blutig niedergeschlagen. Auch die Bemerkung, Grace Kelly hätte nach ihrer Verlobung 1956 (die sie in einem Dior-Kleid beging) nur noch kurz zu leben gehabt, ist doch sehr verwunderlich, da die Fürstin 1982 verstarb. Das sind nur einige Fehler, die mir aufgrund meines Hintergrundwissens aufgefallen sind. Inwieweit es auch welche in den restlichen Passagen des Buches gibt, kann ich leider nicht beurteilen. Doch sind sie (fast) verzeihlich, da die Informationen insgesamt so interessant sind, dass sie das Leben von Catherine und auch von Christian sehr lebhaft und nachvollziehbar schildern.

Fazit

Justine Picardie gibt einen Einblick in das Leben von Catherine Dior, der Welt der Résistance und der Haute-Couture, wie es ihn so noch nie gab. Ausgedehnte Recherche und viele Fotos machen die Lektüre zu einem Genuss, auch wenn sich einige kleine Fehler eingeschlichen haben. Eine Biografie, die Mode-Fans genauso fesseln dürfte, wie Geschichts-Interessierte.

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