Kosmos großer Entdecker

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Michael Drewniok
9

Sachbuch-Couch Rezension vonAug 2022

Wissen

Ausstattung

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Notizbuch und Bleistift kennzeichnen wahre Entdecker

Bleistift, Pinsel, Farbe und ein möglichst robustes Notizbuch: Dies war die Primär-Ausstattung eines „Entdeckers“, der die ‚weißen‘ Flecken auf den Landkarten dieser Erde bereiste, um dort monatelang auszuharren. Diese Entdecker - keineswegs sämtlich männlich! - hielten in Wort und Bild fest, was sie in der Fremde fanden.

 

Der Fotoapparat gehörte vor 1850 nicht zum Inventar. Durch intensive Betrachtung und möglichst detailgetreue Abbildung sorgten die Reisenden dennoch für Bilder, die nicht nur die Daheimgebliebenen begeisterten, sondern auch heute durchaus bestehen können. Nicht nur die Qualität der Zeichnungen und Gemälde, sondern auch die Tatsache, dass sie Pflanzen, Tiere und auch Menschen in zeitgenössischen Umfeldern festhalten, die so heute nicht mehr existieren, macht sie zu wertvollen Zeugnissen für die moderne Forschung.

 

Einen unglaublichen Einsatz legten diese Entdecker an den Tag! Dabei stellten ihre Aufzeichnungen, Notizen und Skizzen nur einen Teil ihrer Tätigkeiten dar. Sie schleppten Gepäck und schlugen Lager an oft unwirtlichen Orten auf, sammelten Erdproben, pressten Pflanzen zwischen mitgebrachte Löschpapierbogen, lasen Steine auf - und schossen auf sämtliche Tiere, die sich nur tot zeichnen ließen bzw. präpariert in die Heimat gebracht werden konnten.

 

Blick in zerfledderte Schatz-Mappen

 

Sie schwitzten oder froren, hungerten und dursteten, waren krank und einsam, wurden von feindseligen Einheimischen verfolgt und manchmal umgebracht; Insekten saugten ihre Wasserfarben (und ihr Blut), Stürme warfen Sand auf entstehende Gemälde (oder gar die Künstler zu Boden), in klirrender Kälte fror die Farbe auf dem Pinsel: Endlos ist die Liste der Leiden, die in diesem „Kosmos grosser Entdecker“ zur Sprache kommen!

75 reisenden Entdeckern und Entdeckerinnen schaut das Autoren-Duo Huw Lewis-Jones und Kari Herbert über die Schultern und in zahlreiche Archive, wo die kostbaren Notizbücher wie Schätze gehütet werden - kein Wunder, denn sie sind prall gefüllt mit ein- und erstmalig gewonnenen Daten, Karten und Bildern. Je länger so ein/e Reisende/r unterwegs war, desto angstvoller wurden diese Bücher gehütet. Der Verlust gesammelter Proben war schmerzhaft, aber die Essenz einer Entdeckungsfahrt beinhalteten die schriftlichen Aufzeichnungen, die notfalls in einer Jackentasche oder einem Rucksack transportiert bzw. gerettet werden konnten, während das Schiff sank oder die kostbaren Proben anderweitig verschwanden. Erst wenn auch die Notizbücher verlorengingen, war eine anstrengende, gefährliche Reise buchstäblich für die Katz.

Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart spannen die Autoren den Bogen. Jede Generation verinnerlichte den Hang bzw. Zwang zur Aufzeichnung. Selbst im Zeitalter der Digitalfotografie hat das ‚altmodische‘ Skizzenbuch keineswegs ausgedient. Immer wieder und zu allen Zeiten betonten die Entdecker ihren Wert - nicht nur als Medium der Registrierung, sondern auch als Instrument der Selbstreflexion: Oft blieb den Autoren nur die Flucht in ihre Notizen und Zeichnungen, wenn schlechtes Wetter oder Krankheit sie im Lager festhielt. Die Niederschrift wurde zum Selbstgespräch, gab Trost und Ablenkung - und sagt später Interessantes über den Zeitgeist der Reisenden aus.

Reisen, um (etwas über sich) zu lernen

Selbst Laien (oder Ignoranten) kennen die Namen derer, die in diesem Buch kurz (und alphabetisch) vorgestellt werden: Bruce Chatwin, James Cook, Charles Darwin, Thor Heyerdahl, Alexander von Humboldt, David Livingston - Sie sind als kühne Entdecker bekannt und haben ihre Erlebnisse zu Papier gebracht. Nun überraschen sie zusätzlich durch künstlerische Qualitäten. Hinzu kommen Männer und Frauen, deren Namen zu Unrecht vergessen wurden und die hier zu ihrem Recht kommen.

Obwohl die einzelnen Beiträge knapp gefasst sind, belegen die Autoren, dass kein Meister vom Himmel gefallen ist: Selbst ‚echte‘ Künstler durchliefen eine Entwicklung, bis sie zeichnerisch auf den Punkt kamen. Selbstverständlich präsentiert uns dieses Buch einen Querschnitt durch mehrere Jahrhunderte ‚unmittelbarer‘ Zeichenkunst. 407 meist farbige Abbildungen bieten den Leseraugen ein wahres Fest. Die Ausarbeitung und damit Interpretation der Skizzen erfolgte oft erst nachträglich, weshalb gerade die Skizzen ungeschönt die Vor-Ort-Situation widerspiegeln.

„Skizze“ ist allerdings ein dehnbarer Begriff. So waren viele Entdecker unterwegs, als die von ihnen festgehaltenen Bau- und Kunstwerke noch nicht ‚ausgegraben‘ und dabei zerstört oder geraubt waren. Manche Zeichnungen sind die einzigen Belege für die ursprüngliche Farbigkeit von Statuen oder Fresken, die heute verblichen und zerfressen sind - oder überhaupt nicht mehr existieren. Letzteres gilt auch für die Bilder von frühen Begegnungen mit ‚einheimischen‘ Völkern, die den Kontakt mit der ‚Zivilisation‘ nicht lange überlebten.

Der faszinierte Mensch

Sie notierten und zeichneten an den Polen, auf den höchsten Berggipfeln, tief unter der Wasseroberfläche und sogar auf dem Mond. Alle betonen sie den Wert ihrer Aufzeichnungen - für sich und als Versuch, andere Menschen an ihren Erlebnissen teilhaben zu lassen. Natürlich schoss Alan Bean unzählige Fotos, nachdem er als vierter Mensch überhaupt im Dezember 1969 seinen Fuß auf den Mond gesetzt hatte. Dennoch fertigte er später großformatige Gemälde an, die nicht nur Fakten, sondern vor allem die Einmaligkeit der Anwesenheit auf einer fremden Welt Ausdruck verleihen sollten.

Huw Lewis-Jones und Kari Herbert lassen auch noch lebende Entdecker zu Wort kommen, die den Einsatz von Papier und Bleistift begründen. Die Unmittelbarkeit einer vor Ort festgehaltenen Erfahrung lässt sich nicht übertreffen. Sie prägen später ausgearbeitete Berichte, Tagebücher oder Bildbände, weil sie die Erinnerung an jene Momente wachrufen, in denen mit der Hand geschrieben oder gezeichnet wurde.

Als Buch weist „Kosmos grosser Entdecker“ nicht nur einen seltsamen deutschen Titel, sondern auch ein ungewöhnliches Format auf: 20 cm ist es hoch, aber 28 cm breit. Dies greift das Format jener Journale auf, die von besagten Entdeckern bevorzugt wurden, weil sie darin Küstenverläufe, Gebirgsketten u. a. Panoramen besser festhalten konnten. Natürlich war dies keine Pflicht; Entdecker nutzten jedes Format und bekritzelten notfalls, was ihnen unter die Finger kam. Ihre eingerissenen, fleckigen Werke veranschaulichen die Anstrengungen, unter denen sie entstanden. Oft blieben von kühnen Entdeckern nur diese ‚vorläufigen‘ Datenspeicher zurück. (Selbstverständlich verzichten Lewis-Jones und Herbert nicht auf den Abdruck jener letzten Zeilen, die der 1912 in seinem Zelt gestorbene Robert F. Scott für die Nachwelt formulierte.)

Fazit

Wegen des ungewöhnlichen Formats schwierig zu lesendes, aber prall vor allem mit zeitgenössischen Bildern aus Forschungsjournalen gefülltes, knapp, jedoch kundig kommentiertes, auf hochwertiges Papier gedrucktes Werk, in dem man sich verlieren kann.

 

Kosmos großer Entdecker

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