Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um

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Carola Krauße-Reim
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Sachbuch-Couch Rezension von Carola Krauße-Reim Dez 2021

Wissen

Nadia Wassef liefert langatmige und teilweise wirre Memoiren ab, die zudem nicht ein einziges Foto aufweisen. Lediglich Buchhändler könnten von den Problemen ihrer ägyptischen Kolleginnen angesprochen werden.

Ausstattung

Die Geschichte von Diwan beschränkt sich auf einen unbebilderten Text, der zudem etwas unkoordiniert herunter geschrieben zu sein scheint und leider nur sehr wenig fesselt.

Die Geschichte des „3. Ortes“ mitten in Kairo

Nadia Wassef stand mehrfach auf der Forbes-Liste der 200 erfolgreichsten Unternehmerinnen im Nahen Osten. Zusammen mit ihrer Schwester Hind und Freundin Nihal gründete sie, ohne Vorkenntnisse und Businessplan, den ersten modernen Buchladen in Kairo – die Geschichte der Diwan-Bookstores begann. Mit dem vorliegenden Buch erzählt sie von dem steinigen Weg, der sowohl Erfolg als auch Niederlagen bereithielt.

Kairo und seine Buchhandlungen

Bis 2002 gab es in Kairo nur zwei Sorten Buchläden: die staatlich kontrollierten, in denen zerfledderte Bücher unsortiert und unter einer dicken Staubschicht auf Leser hofften und die kleinen Schreibwarengeschäfte, die neben Zeitungen und Zeitschriften auch einige Bücher im Programm hatten. Wer toppaktuelle oder ausländische Bücher suchte, musste z.B. auf den Laden der „American University Kairo“ zurückgreifen. Das wollten Nadia, Hind und Nihal ändern und eröffneten „Diwan“, den westlich angehauchten Buchladen in Zamalek, in dem nicht nur Ordnung unter den aktuellen und fremdsprachlichen Büchern herrschte und es ein Café gab, sondern, der auch, nach dem Wunsch des Inhaberinnentrios, zum „3. Ort“ für alle Kunden werden sollte - ein Platz zum Ausruhen und Austauschen, an dem es keine Vorurteile, keine Frauenfeindlichkeit und keine Diskriminierung geben sollte. Nach und nach kamen weitere Filialen dazu; manche florierten, andere nicht und mussten wieder geschlossen werden, doch immer waren die Diwan-Frauen mit Feuereifer bei der Arbeit.

Ein Spiegel der ägyptischen Gesellschaft

Die Probleme, die das Frauenteam zu bewältigen hatte, sind ein Spiegel der ägyptischen Gesellschaft: Bürokratie, Bestechlichkeit, Frauenfeindlichkeit und Machismo sind nur einige, die ihnen das Leben schwer machten. Neben der Geschichte rund um die Diwan-Bookstores erhält der Leser damit auch Einblick in den ägyptischen Alltag und seine Wandlung, gerade in den letzten zwanzig Jahren, allerdings immer aus der Sicht einer wohlhabenden Frau der oberen Mittelschicht, die zwar die Probleme der armen Bevölkerung sieht, sie aber nicht kennt.

Nüchtern, distanziert und mit viel zu selten aufblitzendem Humor schildert Wassef die Umstände mit denen Diwan zu kämpfen hatte - von den fehlenden öffentlichen Toiletten für Frauen über ebenso nicht-existente IBAN-Nummern bis hin zu Kunden, die ein Buch zurückgeben wollen, weil es ihnen nicht gefallen hat.

Leider schafft es die Autorin nicht, den Leser mitzunehmen auf diese abenteuerliche Reise. Immer wieder ergeht sie sich in schon Gesagtem, erklärt dem unwissenden Nicht-Ägypter manch Alltägliches zu wenig und vieles Fachspezifische zu ausführlich.

Von Kochbüchern bis Management

Man muss sich fragen, für welchen Personenkreis Nadia Wassef dieses Buch geschrieben hat. In den Kapiteln, in denen es sehr ausführlich um die Bücher geht, die man im Diwan finden kann, dürften sich nicht-ägyptische Leser wenig angesprochen fühlen, denn die Titel und auch deren inhaltliche Ausrichtung gelten natürlich den Interessen und dem Geschmack der örtlichen Kundschaft.

Und an den Kapiteln, in denen es um die geschäftlichen Seiten des Buchhandels in Ägypten geht, könnte höchstens ein Buchhändler Gefallen finden, denn ISBN-Nummern und festgehaltene Lieferungen sind nicht wirklich interessant. Und so muss man als Otto-Normal-Leser die wenigen interessanten und fesselnden Passagen im Buch suchen und finden. Aber es gibt sie, gerade wenn es um die Geschichte des Landes geht, das nicht zuletzt im Arabischen Frühling einen großen Wandel versuchte.

Warum gibt es keine Fotos?

Diese Frage habe ich mir mehr als einmal während dem Lesen gestellt. Die Örtlichkeiten in Kairo dürften nur den wenigsten Lesern bekannt sein, also warum nicht ein Foto von der Straße des 26. Juli zeigen oder eine Karte Kairos mit den Filialen von Diwan? Oder die Buchläden selbst, das immer wieder erwähnte Café, das moderne Interieur, die einheitlich gekleideten Angestellten (die es in Massen zu geben scheint), die berühmten Einkaufstaschen mit dem einzigartigen Logo oder die drei Inhaberinnen? Das hätte die Geschichte viel lockerer und ansprechender, ja im wahrsten Sinne des Wortes, anschaulicher gemacht. Doch all das fehlt, die Geschichte von Diwan beschränkt sich auf einen unbebilderten Text, der zudem etwas unkoordiniert herunter geschrieben zu sein scheint und leider nur sehr wenig fesselt.

Fazit

Ich hatte mir eine spannende und fesselnde Geschichte über die Entstehung der Diwan-Bookstores in Kairo erhofft, doch Nadia Wassef liefert langatmige und teilweise wirre Memoiren ab, die zudem nicht ein einziges Foto aufweisen. Lediglich Buchhändler könnten von den Problemen ihrer ägyptischen Kolleginnen angesprochen werden, alle anderen werden wahrscheinlich von diesem Buch enttäuscht sein.

Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um

Nadia Wassef, Goldmann

Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um

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