Isolde - Richard Wagners Tochter

Isolde - Richard Wagners Tochter
Isolde - Richard Wagners Tochter
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Carola Krauße-Reim
10

Sachbuch-Couch Rezension vonOkt 2022

Wissen

Zu dem schon Bekannten kommen neue Erkenntnisse aus dem Privatarchiv der Familie Beitler hinzu, die Rieger ihrem sowieso schon umfangreichen Kenntnisstand hinzufügt

Ausstattung

Mit vielen Fotos versehen, durch eine Stammtafel ergänzt und mit einer ausführlichen Bibliographie im Anhang ist das Buch bestens ausgestattet

Die Intrigen des Wagner-Clans

Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger ist dafür bekannt, sich dem Themenkreis „Frauen und Musik“ zu widmen. In ihrem viel diskutierten Buch „Frau, Musik und Männerwirtschaft“ prangerte sie die Benachteiligung von Frauen im Musikbetrieb und der Musikpädagogik an und bemängelte die Verweigerung, Frauen in der Musik als Thema wissenschaftlicher Forschung zu machen. Sie selbst hat bereits einige Biografien veröffentlicht, die diesem Mangel abhelfen sollen. So hat sie sich u.a. Minna Wagner, der ersten Frau Richard Wagners und Friedelind Wagner, seiner Enkelin gewidmet. Auch jetzt geht es um ein Mitglied von Wahnfried – Isolde, das erste Kind Richard Wagners.

Wagner und sein Vermächtnis

Cosima war noch mit Hans von Bülow verheiratet als sie zuerst Isolde, dann Eva und schließlich Siegfried zur Welt brachte – alles Kinder von ihrer großen Liebe Richard Wagner. Während Siegfried nach der Scheidung den Nachnamen Wagner erhält, müssen die Mädchen den alten Namen beibehalten. Nach Richard Wagners Tod führt seine Frau Cosima ein strenges Regiment in Bayreuth, sowohl was den Festspielbetrieb angeht als auch im häuslichen Bereich. Der Mythos „Richard Wagner“ wird aufgebaut, alles hat sich Wahnfried und dem Kult der Festspiele unterzuordnen. Zuerst klappt das auch noch ganz gut, die Diskussion von Problemen verhindert Cosima. Doch als Isoldes Ehemann, Musiker und Dirigent Franz Beidler, einen Dirigiertermin während der Festspiele verweigert, eskaliert die schon angespannte Lage völlig. Bald werden öffentliche Diskussionen über die Abkunft Isoldes geführt, die ihren Status als Tochter Richards öffentlich manifestiert haben will; die Homosexualität Siegfrieds kommt ins Spiel und die Frage der Erbfolge stellt sich. Isolde erkrankt unter dem Druck, wird von ihrer Familie komplett ausgeschlossen, böse Gerüchte und infame Behauptungen gegen sie werden in die Welt gesetzt, bis Isolde vollkommen entkräftet stirbt.

Die Demontage einer Kult-Familie

Selbst wenn man sich schon mit der Familie Richard Wagners beschäftigt hat, könnte es sein, dass man hier auf Neues trifft. Rieger bekam erstmals Zugang zu dem Privatarchiv der Familie Beitler, in dem sich zahlreiche Briefe von Cosima, Isolde und Franz befinden. Sie lassen einen differenzierteren Blick auf die Vorkommnisse als bisher möglich zu und können einiges vielleicht in ein anderes, besseres Licht rücken. Denn bisher wurde Isolde oft als verwöhnte, selbstgerechte und zerstörerische Tochter gesehen, die sie aber so wahrscheinlich nicht war. Die erschreckenden Vorgänge in Wahnfried, wie Cosima den Familien-Clan der Wagners gerne nannte, werfen kein sehr gutes Licht auf dessen Mitglieder, deren Nachkommen noch bis in unsere heutige Zeit dem Clinch nicht abgeneigt sind. Nach der Lektüre kommt man nicht umhin, die Familie und die Bayreuther Festspiele mit anderen, eventuell kritischeren Augen zu betrachten.

Detailliert und fesselnd

Eva Rieger befasst sich sehr detailliert mit dem Leben Isoldes. Der mit vielen Fußnoten versehene Text (Bibliographie befindet sich im Anhang) wird nach dem Zerwürfnis schon fast zu einem Thriller, den man kaum aus der Hand legen kann. Die Autorin schreibt wissenschaftlich, aber dennoch kann man dem Text ohne Probleme folgen. Allerdings muss man auch zugeben, dass es Wagnerianern oder zumindest Kennern der Materie einfacher fallen wird, dem Geschehen zu folgen. Die Werke Wagners, die Festspiele, die Dirigate Siefrieds und Beitlers spielen eine große Rolle und die Abläufe werden fast schon minutiös aufgearbeitet.

Erfrischende Abwechslung bringen da die zahlreichen Fotos im Mittelteil des Buches, die aus Namen Personen machen. Die Familienmitglieder können zudem anhand einer Stammtafel im Anhang besser in Relation gebracht werden. Auf dieser Tafel werden auch die Schwiegerkinder und Enkel Richard Wagners genannt, von denen gerade Winifred eine unrühmliche Rolle während des Dritten Reiches spielte. Auf diese Phase und überhaupt auf die Zeit nach Isoldes Tod geht Rieger noch kurz ein und macht mit diesen knappen Ausführungen vielleicht Neugier auf mehr von Wahnfried und seinen Mitgliedern.

Fazit

Eine Biografie so fesselnd, wie ein Thriller! Eva Rieger rückt Isolde in ein neues Licht und bringt damit Wagnerianer und Musikfreunde überhaupt zum Nachdenken – über die Familie Wagner, die Festspiele und die Rolle der Frau in dieser Zeit.

Isolde - Richard Wagners Tochter

, Insel Verlag

Isolde - Richard Wagners Tochter

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