Ich war Hitlerjunge Salomon

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2022
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Julian Hübecker
9

Sachbuch-Couch Rezension vonFeb 2022

Wissen

Ungeschönt und emotional. Sally Perel ist ein faszinierender Mensch, der noch im hohen Alter alles tut, um seine Geschichte zu verbreiten.

Ausstattung

Die Fotos sind wichtig, um einen Eindruck über jene Zeit zu gewinnen. Ein paar mehr wären schön gewesen.

Ein Schaf unter Wölfen

Die Flucht vor den Nazis aus dem besetzten Polen haben Hunderttausende versucht, die meisten aber wurden geschnappt und in Ghettos gepfercht. Richtung Osten war die Devise – dort sollte es für Jüdinnen und Juden sicher sein. Auch der 16-jährige Sally macht sich auf den Weg. Doch als er von deutschen Truppen aufgehalten wird, zwingt ihn sein Überlebenswille zu einer folgenschweren Lüge ...

„Jupp, der Hitlerjunge, und Salomon, der Jude, vertrugen sich wie Feuer und Wasser. Dennoch existierten beide in demselben Körper, in derselben Seele.“

Seine Mutter schärfte ihm ein: „Du sollst leben“, bevor sie ihn wegschickte. Sally blieb nichts anderes übrig, als zu fliehen und seine Familie, seine Heimat zurückzulassen. Im Osten, dort wo die Russen sich den Nazis entgegenstellten, würde er sicher sein. Doch kurz vor seiner Ankunft werden er und andere Flüchtlinge von Wehrmachtssoldaten aufgehalten. Jeder einzelne wird kontrolliert, Juden werden auf der Stelle erschossen. Auch Sally ist Jude – doch aus einem Impuls heraus gibt er sich als Volksdeutscher zu erkennen. Das Unglaubliche geschieht: Die Soldaten glauben ihm, schauen noch nicht einmal nach, ob er beschnitten ist.

Es ist das Jahr 1941 als aus Sally Perel Jupp Perjell wird und sich schnell das Vertrauen der Soldaten erobert. Sie nehmen den Jugendlichen in ihrer Mitte auf, behüten und beschützen ihn. Jupp hilft seinerseits als Dolmetscher aus, da er perfekt Russisch und Deutsch spricht und so Kriegsgefangene befragen kann. Schließlich wird er sogar von einem hohen Offizier adoptiert und auf eine HJ-Schule geschickt. Hier wird die sogenannte Hitlerjugend unterrichtet und als Volksdeutsche erzogen. Stets muss Jupp mit der Angst leben, als Jude mitten im Wespennest enttarnt zu werden. Die Jahre unter den Feinden prägen ihn, und auch seine beiden Egos Jupp und Sally tragen einen ständigen Wettstreit in seinem Inneren aus.

„Die Jugend von heute ist nicht verantwortlich für die Gräueltaten der Nazis, aber sie wird es sein, wenn es wieder zu solchen kommt.“

Es ist eine unglaubliche Geschichte, die Sally Perel erst in den 1980ern niedergeschrieben hat. Zu groß war die Angst, verteufelt zu werden, da er mitten unter den Feinden gelebt hat, während seine jüdischen Verwandten Unaussprechliches erleben mussten. Doch diese Erzählung ist ein wichtiges Zeugnis und steht für Millionen von Einzelschicksalen, für Menschen, die während des Holocaust gestorben sind oder aber ihre eigenen unglaublichen Überlebensgeschichten erlebt haben. Sally Perel (der bis heute in Schulen Vorträge hält) macht auch zu Anfang das Versprechen, nichts zu beschönigen. Seine Ängste und widerstreitenden Gefühle kommen authentisch rüber.

Dazu gibt es noch einige Fotos, die einen Eindruck vermitteln, wie Sally als Schaf unter Wölfen gelebt hat. Eines zeigt ihn sogar kurz nachdem die Wehrmachtssoldaten ihn unter ihre Fittiche genommen haben. Das alles macht das Buch zu einem der wichtigsten Zeugnisse. Kein Wunder, dass es 1990 verfilmt wurde.

Fazit

Das Buch fesselt von der ersten bis zur letzten Seite. Sally Perels Geschichte ist unglaublich, seine niedergeschriebenen Emotionen sind spürbar. Eine unbedingte Leseempfehlung für alle Interessierten nazideutscher Geschichte.

Ich war Hitlerjunge Salomon

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