Ich blieb in Auschwitz

  • Piper
  • Erschienen: Januar 2020
Ich blieb in Auschwitz
Ich blieb in Auschwitz
Wertung wird geladen
Julian Hübecker
10

Sachbuch-Couch Rezension von Julian Hübecker Nov 2021

Wissen

Noch im Lager schreibt Eddy de Wind seine Erlebnisse auf. Das Erlebte ist dadurch so echt und real. Dass es bereits über 75 Jahre her ist, macht es nicht weniger zeitlos.

Ausstattung

Im Nachwort gibt es schließlich noch zusätzliches Material, das von den Nachfahren de Winds zusammengetragen wurde

Unfassbar schmerzvoll zu lesen

Gemeinsam mit seiner Frau kam Eddy de Wind im September 1943 nach Auschwitz. Bekannterweise wurde der Lagerkomplex im Januar 1945 durch die Russen befreit. Eddy entschied sich jedoch, zu bleiben und seine Erfahrungen schriftlich festzuhalten. Entstanden ist ein Bericht, der unter die Haut geht – so sehr, dass man ihn zwischendurch zur Seite legen muss, um den eigenen Schrecken zu verarbeiten.

„Das Leben dreht sich im Kreis und besteht aus zwei Phasen: die vom Morgen- bis zum Abendgong und die vom Abend- bis zum Morgengong. Ertönt der Morgengong, erwachen die Sinne und legen die Seele in Fesseln. Dann ist es vorbei mit den paradiesischen Zuständen.“

An dieser Stelle sei gesagt, dass nicht das Buch an sich bewertet werden soll; das ist auch gar nicht gerechtfertigt. Dieser Erlebnisbericht gilt als einer der unverfälschtesten Zeugnisse des Holocausts, da Eddy de Wind noch in Auschwitz das Erlebte niederschrieb und es daher noch nicht durch eventuelle Verarbeitungen des Gedächtnisses verändert werden konnte. Als solcher soll das Buch auch behandelt werden. Eddy trug durch das Erlebte ein so tiefes Trauma davon, dass er sich zeitlebens nicht davon erholte. Daher schrieb er noch im Lager seine Aufzeichnungen aus der Sicht der imaginären Figur Hans, der Eddys Geschichte erlebte.

„Das ganze deutsche Volk ist verantwortlich. Jetzt, wo es den Krieg verliert, wird es seine Anführer verleugnen. Hätte es den Krieg jedoch gewonnen, hätte niemand gefragt, mit welchen Mitteln der Führer das erreicht hat und wo die ganzen Kommunisten und Juden geblieben sind.“

Der Großteil des Buches beschreibt die Zeit zwischen der Ankunft und der Trennung von seiner Frau Friedel bis zur Befreiung 1945. Sowohl Eddy als auch Friedel überleben die anfängliche Selektion, da sie weder zu jung noch zu alt zum Arbeiten waren. Als studierter Mediziner war Eddy zudem wertvoll für die Krankenbaracken – was ihm vermutlich das Leben rettete. Doch der Verbleib seiner Frau, die ausgerechnet in einer Baracke als Krankenschwester arbeiten musste, wo auch Josef Mengele seine grausamen Experimente verfolgte, trieb ihn um und verleitete ihn zu waghalsigen Aktionen.

Auch wenn er wiederholt dem Tod ins Auge sah, kam er stets mit Blessuren davon. Als Auschwitz schließlich befreit wurde, versteckte sich Eddy, da die Deutschen die Insassen, die noch laufen konnten, auf einen Todesmarsch Richtung Westen trieben, auf dem noch viele Tausende starben. Eddy nutzte die Befreiung, um eben jenen Bericht aufzuschreiben, der nun in über 20 Ländern verlegt wurde und auch in Deutschland ein wichtiges Zeugnis ist.

Im Nachwort gibt es schließlich noch zusätzliches Material, das von den Nachfahren de Winds zusammengetragen wurde und das Bild schließlich vervollständigt.

Fazit

Ein Buch, das man nicht „zum Vergnügen“ oder zwischendurch liest. Das Geschriebene trägt die Tragik und den Schmerz mit jeder Zeile und sollte mit Respekt behandelt werden. Als Zeugnis deutsch-jüdischer Geschichte ist es einzigartig und wichtig, um nicht zu vergessen.

Ich blieb in Auschwitz

Eddy de Wind, Piper

Ich blieb in Auschwitz

Ähnliche Sachbücher:

Deine Meinung zu »Ich blieb in Auschwitz«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Sachbuch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Film & Kino:
Chernobyl

Der Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl gehört zu den wohl größten modernen Desastern. Das aus heutiger Sicht für viele sicherlich etwas abstrakte historische Ereignis wird in dieser Serie plastisch, real und fühlbar gemacht. Titelbild: © Sky UK Ltd/HBO

zur Serien-Kritik