Absolut lesenswert!
In den letzten Jahren hat die Lage in Afghanistan leider für viele negative Nachrichten gesorgt. Doch der Staat am Hindukusch hat eine lange Geschichte und ein reiches Kulturerbe. Kabul war einst eine mondäne Metropole, in der ab 1969 die Reichen und Schönen im neu eröffneten Hotel Intercontinental abstiegen. Heute ist das Hotel in Staatsbesitz, doch es thront noch immer über Kabul und seine Angestellten sind nach wie vor stolz, dort arbeiten zu können. Lyse Doucet erzählt von genau diesen Menschen, deren Leben so eng mit dem Intercontinental verknüpft war und ist - und liefert damit eine sehr persönliche Sicht auf die Geschehnisse in Afghanistan seit 1969 ab.
Lyse Doucet
Die kanadische Journalistin und Kriegsberichterstatterin kam 1988 zum ersten Mal nach Afghanistan und stieg natürlich im Intercontinental ab. Eigentlich wollte sie vom Abzug der sowjetischen Truppen berichten, doch sofort hatten die Menschen, die im Hotel arbeiteten, ihr Herz erobert. Der Staat Afghanistan war von nun an aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. Heute ist Doucet „Chefkorrespondentin für internationale Angelegenheiten bei der BBC“, doch kehrt sie immer wieder nach Afghanistan zurück und steigt dann natürlich im „Interconti“ ab.
Geschichte und Schicksale
1969 war Afghanistan noch eine konstitutionelle Monarchie. Das änderte sich 1973 mit dem Sturz des Königshauses durch Mohammed Daoud Khan. Von da an folgten mehrere Revolutionen, ein Bürgerkrieg, der Einmarsch der sowjetischen Truppen und die zweifache Machtübernahme durch die Taliban. Dazwischen gab es nur kurze Zeiten der Ruhe und Freiheit. Lyse Doucet dokumentiert den Verlauf der afghanischen Geschichte anhand der Leben von zahlreichen Mitarbeitern des Hotels. Sie erlebten die guten und schlechten Zeiten hautnah und lassen uns damit direkt und sehr persönlich an den wechselhaften Zuständen in Kabul teilhaben. Das Hotel Intercontinental erscheint wie eine konstant existierende Insel, der die Machtwechsel scheinbar nichts anhaben können. Doch auch hier haben die Politik Einfluss. Angestellte, wie die Köchin Abida, der Restaurantleiter Mohammed Aqa oder Hazrat, der für die VIP-Etage zuständig war, stehen mit ihren Erlebnissen dabei stellvertretend für das ganze afghanische Volk. Sie machen durch ihr Leben und ihre ganz eigenen Erfahrungen das überaus interessant Sachbuch zu einer sehr persönlichen Biografie des Staates Afghanistan.
Unvergessliche Menschen
Während des Lesens wird klar, dass man die vorgestellten Menschen so schnell nicht vergessen wird. Eng ist ihr Leben mit dem Hotel verbunden, das nicht nur Arbeitsstelle ist, sondern fast schon eine Art Familienmitglied ist, so stark ist die Identifikation. Deshalb trifft jeder Machtwechsel die langjährigen Mitarbeiter zutiefst und ihre Erlebnisse, Gedanken und Ängste werden greifbar. Ganz besonders persönlich kann es für die Leserschaft werden, wenn man die zahlreichen Fotos der Angestellten im Mittelteil betrachtet. Jetzt bekommen u.a. Qudus, Amanullah, Malai und Sadeq ein Gesicht und damit eine greifbare Identität. Andere Abbildungen zeigen z.B. die unterschiedlichen Machthaber oder Fotos im Zusammenhang mit dem Hotel Intercontinental, welche die Stimmung vor Ort sehr gut einfangen. Leider fehlt eine Zeittafel im Buch, die die ständigen Machtwechsel übersichtlicher machen würde, denn solche gab es in Afghanistan in mehr oder weniger kurzen Abständen seit 1973.
Fazit
Wer sich für Afghanistan interessiert, sollte dieses Buch lesen! Lyse Doucet verdeutlicht mit dem Hotel Intercontinental und den damit verbundenen Schicksalen seiner Angestellten die Geschichte des ganzen Staates während der letzten Jahrzehnte. „Hotel Kabul“ ist damit eine sehr persönliche „Biografie“ Afghanistans, die ebenso beeindruckend und gut lesbar ist.



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