Hegel: Der Weltphilosoph

Erschienen: März 2020

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Sebastian Ostritsch hat mit seiner Biografie über Georg Wilhelm Friedrich Hegel ein ebenso lesbares wie lesenswertes Buch vorgelegt. Aber er bietet seinen Lesern damit auch schwere Kost an, denn ausgiebige Ausflüge in die Hegelsche Gedankenwelt gehören natürlich dazu

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275 Seiten - plus Literaturliste und Anmerkungen

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Andreas Kurth
Ein Lebenslauf, gespickt mit tiefgreifenden Gedanken

Sachbuch-Rezension von Andreas Kurth Aug 2021

Georg Wilhelm Friedrich Hegel gilt als der wichtigste Vertreter des deutschen Idealismus. Der schwäbische Philosoph war laut Sebastian Ostritsch der letzte seiner Zunft, der ein philosophisches Gesamtgebäude vorgelegt hat. Sich mit seinem Leben und Werk eingehend zu befassen, und in einer populärwissenschaftlichen Biografie die Grundzüge darzulegen, ist daher eine echte Herkules-Aufgabe - wie der Leser bei der Lektüre des recht anspruchsvollen Buchs schnell merkt. Der Autor widersteht dabei der Versuchung, ein monumentales Werk über den monumentalen Denker vorzulegen, sondern hält sich mit 275 Seiten - plus Literaturliste und Anmerkungen - erfrischend zurück. Aber diese Seiten haben es auch in sich, denn neben Hegels Leben widmet sich Ostritsch eben auch dem Denken des Schwaben, und das ist mehr als verwinkelt angelegt.

Hegel stirbt im November 1831 überraschend in Berlin. Ob an der Cholera oder einer anderen Krankheit ist nicht abschließend geklärt. Bevor er in Berlin zu höchsten akademischen Weihen aufstieg, macht Hegel eine berufliche Odyssee durch, die ihm keineswegs gefallen hat. Er stammt aus einer Familie von Juristen und Beamten, also einem durch und durch bürgerlichen Haushalt in Stuttgart. Der in der Schule als Streber bekannte Hegel studiert Theologie und Philosophie am Tübinger Stift, setzt sich mit dem berühmten Immanuel Kant auseinander. Geprägt wird er dann durch Diskussionen mit seinen Zimmergenossen während des Studiums - Hölderlin und Schelling. Wichtig für sein späteres Denken sind aber auch die Revolutionen in Amerika und im nahen Frankreich.

>>In seiner Geschichtsphilosophie hat Hegel die Französische Revolution als welthistorisches Ereignis begriffen und sie sowohl als den “herrlichen Sonnenaufgang” von Vernunft, Freiheit und unveräußerlichen Bürgerrechten als auch selbstzerstörerischen Gesinnungsterror ergründet. Darüber hinaus spielten die revolutionären Geschehnisse in Frankreich auch in Hegels politischer Philosophie eine wichtige Rolle. Dort boten sie ihm nämlich reichhaltiges Anschauungsmaterial für das zentrale Problem, wie sich Gemeinwille und Einzelwille, kollektive und individuelle Selbstbestimmung, Gemeinwohl und Einzelinteresse miteinander versöhnen lassen.<<

Bevor er in die akademische Welt eintauchen kann, macht Hegel eine Zeit als Hauslehrer bei wohlhabenden Familien durch, damals offenbar die einzige Alternative zum Pfarrdienst. Sieben Jahre lebt er so in Bern und Frankfurt, nutzt die Zeit, um sich mit Spinoza, Hume, Rousseau und anderen zu befassen. Insofern sind es dann doch keine verlorenen Jahre für Hegel, sondern nach Auffassung von Ostritsch durchläuft sein Denken in dieser Zeit einen Reifeprozess. Schließlich bekommt Hegel doch einen Lehrauftrag, und zwar in Jena. Fichte hat dort eine Professur, Goethe zieht die Fäden, der deutsche Idealismus wird unter anderem von Schiller geprägt. In Jena ist die Keimzelle der Romantik, ein insgesamt stimulierendes Umfeld. Der Spätzünder Hegel nutzt das, gibt das Kritische Journal der Philosophie mit heraus. Ab 1805 ist er außerordentlicher Professor - allerdings ohne Gehalt, er lebt vom väterlichen Erbe.

Hegel verfasst die “Phänomenologie des Geistes”, sein erstes eigenständiges Werk. 1807 kommt dann das vorläufige Ende der akademischen Karriere - das Geld ist schlichtweg alle. Er nimmt eine Stelle als Redakteur der Bamberger Zeitung an, ist allerdings schnell unzufrieden, und schon 1808 wird Hegel Rektor des Nürnberger Gymnasiums. Schulreformen bringen die humanistischen Gymnasien hervor, daneben gibt es nun lebensweltlich orientierte Realschulen. Der Philosoph leistet also Pionierarbeit am Gymnasium - unter finanziell und organisatorisch katastrophalen Bedingungen.

1811 heiratet er Mari von Tucher, zwei Söhne gehen aus der Ehe hervor. 1812 verfasst Hegel dann den ersten Band der “Wissenschaft der Logik”, ein insgesamt kolossales Werk, wie Sebastian Ostritsch befindet. Der Autor geht durchaus kritisch mit Hegel um, stellt fest, dass es der Philosoph seinen Lesern nicht gerade leicht mache, ihm zu folgen. Zu abstrakt und verworren waren Hegels Gedankengänge zuweilen für seine Zeitgenossen. In der akademischen Lehre wurde das noch durch seinen schwäbischen Dialekt verschärft, was sich auch zeigt, als er 1816 endlich einen Lehrstuhl für Philosophie in Heidelberg bekommt.

>>Wie schon in Jena dauerte es auch in Heidelberg eine Weile, bis die Studenten mit Hegels behäbiger Eigenart und seiner ungelenken Ausdrucksweise warm wurden. Der Zauber von Hegels Persönlichkeit lag in der Tiefe seines Geistes und nicht an der Oberfläche seines Auftretens. Hegels Genie war echt. Anders als ein von überhöhter Geltungssucht getriebener Mittelmaßmensch musste er sich nicht durch genialisches Benehmen inszenieren.<<

Sein wichtigstes Werk in dieser Zeit ist die “Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse”. Die Inhalte dieses Werks entfaltet Hegel dann in seinen Heidelberger und später Berliner Vorlesungen. Heidelberg ist schön, aber laut Ostritsch eben nur Provinz. Und als 1818 endlich der Ruf nach Berlin erfolgt, ist Hegel nur zu gerne bereit, ihm zu folgen. Im Zuge der Stein-Hardenbergschen Reformen wird die Bildung in Preußen erneuert. Hegels Vorlesungen vor Publikum in Berlin sind dann laut Ostritsch “Expeditionen in geistige Extremregionen”. Der Philosoph wird in der preußischen Hauptstadt zu einer Art “Popstar”, aber auch für seine vermeintliche Nähe zum Staat heftig kritisiert. Ab 1829 ist Hegel dann Rektor der Universität, und in seine Berliner Zeit fällt auch das Abfassen der Rechtsphilosophie. Ostritsch bezeichnet es als Mythos, dass Hegel als preußischer Staatsphilosoph bezeichnet wurde, denn er habe nicht das Preußen seiner Zeit beschrieben. In seinem Fazit am Ende des Buches zeichnet der Autor schließlich ein differenziertes Bild von Hegel und seiner Wirkungsgeschichte.

Fazit:

Sebastian Ostritsch hat mit seiner Biografie über Georg Wilhelm Friedrich Hegel ein ebenso lesbares wie lesenswertes Buch vorgelegt. Aber er bietet seinen Lesern damit auch schwere Kost an, denn ausgiebige Ausflüge in die Hegelsche Gedankenwelt gehören natürlich dazu, auf deren Erörterung ich allerdings verzichtet habe - das würde den Rahmen doch zu sehr sprengen. Der Autor schildert, wie Hegel das Reich des Denkens für seine Mitmenschen ergründet und so der Menschheit zugänglich gemacht hat. Dieses Buch ist nicht zum Wegschmökern geeignet, geht weit über eine gewöhnliche Biografie hinaus, fordert die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Wer sich darauf einlässt, lernt eine faszinierende Gedankenwelt kennen, die ihn möglicherweise lange fesseln wird.

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