Gefangene der Zeit

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Gefangene der Zeit

Erschienen: November 2020

Erschienen: November 2020

Couch-Wertung

10
Wissen
Ausstattung

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Die Sammlung von Reden und Aufsätzen ist gespickt mit Erkenntnissen und Zusammenhängen, die auch für historisch interessierte Leser/innen neu oder überraschend sind. Jedes einzelne Kapitel lädt zur weiteren Reflexion und eigenen Recherche ein

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Andreas Kurth
Ein Fundus an bedenkenswerten Fakten

Sachbuch-Rezension von Andreas Kurth Jun 2021

“Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump” lautet der vielversprechende Untertitel der interessanten Aufsatzsammlung von Christopher Clark. Der in Großbritannien lebende Australier lehrt in Cambridge Neuere Europäische Geschichte und ist in Deutschland bereits seit einigen Jahren als Autor lesenswerter Sachbücher bekannt. Die in diesem Band versammelten Reden und Aufsätze hat Clark ausgewählt, weil sie Themen behandeln, die seine gesamte Tätigkeit geprägt haben, seit er mit dem Studium begann, wie der Autor in seinem Vorwort ausführt. Es geht um Religion, politische Macht und das Bewusstsein der Zeit.

Religiöse Traditionen würden das menschliche Bestreben in den größtmöglichen Kompass einordnen, so Clark, das habe ihn schon immer interessiert. Politische Macht verbinde Kultur, Wirtschaft und Persönlichkeit mit Entscheidungen. Und das Studium der Zeit habe ihn ebenfalls schon immer fasziniert, weil es den Sinn für Geschichte präge.

Diesen interessanten Sammelband muss man nun nicht wie ein zusammenhängendes Werk lesen, sondern, man kann sich die einzelnen Aufsätze ganz nach Geschmack herausziehen. In “Der Traum des Nebukadnezar oder Gedanken über die Macht” reflektiert der Autor beispielsweise darüber, wie sich Macht in verschiedenen historischen Kontexten zeigt. Er schlägt dabei einen Bogen vom babylonischen Reich bis in die Neuzeit, über das Mittelalter und verschiedene Diktaturen bis zur modernen Demokratie. Hier zeigt sich einmal mehr, dass Clark nicht nur Historiker ist, sondern wie viele Wissenschaftler, die sich mit neuerer Geschichte befassen, auch politikwissenschaftlich analysieren und beschreiben kann.

Ein weiter Bogen von Issus nach Jena

Ebenfalls einen weiten Bogen schlägt Clark im Kapitel “Welche Bedeutung hat eine Schlacht?”. Ausgangspunkt ist ein Vortrag für Wissenschaftler, die sich getroffen haben, um über die Schlacht von Hastings zu diskutieren. Der Sieg des Herzogs Wilhelm von der Normandie legte den Grundstein für die normannische Eroberung Englands. Der Autor schafft allerdings eine deutlich weitere Verbindung - zwischen der Schlacht bei Issus 333 vor Christus, und der Schlacht bei Jena 1806. Clark macht deutlich, dass Schlachten für alle, die keine reinen Militärhistoriker sind, nur dann als Untersuchungsgegenstand interessant sind, wenn sie in den Wandel und Fluss von Geschichte eingebettet werden. In diesem Sinne wird die Schlacht bei Hastings zu den 15 fast ausschließlich europäischen Schlachten gezählt, die den Lauf der Geschichte beeinflussten.

>>Eine diagnostische Herangehensweise an Schlachten ist ein Merkmal der modernen, kriegführenden Kulturen. Allerdings muss man sagen, dass vor allem Niederlagen auf diese Weise untersucht werden, nicht Siege. Das Scheitern ist ein weit besserer Lehrmeister als der Erfolg. Ein Paradebeispiel ist die Schlacht von Jena.<<

Damals galt diese Schlacht als entscheidend, so Clark, weil sie mit der zweiten Niederlage beim nahe gelegenen Auerstedt zur Zerstückelung Preußens führte. Langfristig wurden diese Folgen jedoch relativiert, der Sieg gegen Frankreich im Krieg der 6. Koalition brachte Preußen den größten Teil der verlorenen Ländereien zurück. Bedeutend war Jena, weil nach der Niederlage eines der stolzesten Heere Europas eine grundlegende Militär- und Verwaltungsreform in Preußen ausgelöst wurde - was langfristig nach mehreren Kriegen in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in die Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 mündete.

“Von Bismark lernen?”, “Liebesgrüße aus Preußen”, und “Der Kaiser und sein Biograph” sind weitere Kapitelüberschriften, die deutlich zeigen, dass sich Christopher Clark eingehend mit Deutschland beschäftigt hat. Inhaltlich und von den Zeitabschnitten her ist “Gefangene der Zeit” ein weiter Bilderbogen, den man eben in aller Ruhe und abschnittsweise lesen kann. Das ist sogar empfehlenswert, denn jedes einzelne Kapitel lädt zur weiteren Reflexion und eigenen Recherche ein.

Fazit:

Christopher Clark ist nicht nur ein gewissenhaft forschender und recherchierender Geschichtswissenschaftler, sondern er schafft es auch immer wieder, seine Gedanken ebenso spannend wie nachvollziehbar zu Papier zu bringen. “Gefangene der Zeit” ist nicht sein erstes Buch, das in Deutschland auf den Markt gebracht wurde, aber es wird ebenfalls eine große Leserschaft finden. Die Sammlung von Reden und Aufsätzen ist gespickt mit Erkenntnissen und Zusammenhängen, die auch für historisch interessierte Leser/innen neu oder überraschend sind. Ein Fundus an bedenkenswerten Fakten, die zur weiteren Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema anregen. Clark bietet die perfekte Lektüre für einen nachdenklichen Abend am Kamin oder auf der Terrasse - man kann hier herrlich in seinen klugen Überlegungen versinken.

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