Die Unschuld der Opfer

Erschienen: Mai 2021

Couch-Wertung

9
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Yalom hat sich nicht nur die Kindheitserinnerungen jüdischer Mitmenschen erzählen lassen, sondern auch Bekannte und Freunde, die keine Juden sind, gebeten ihre Erlebnisse zu schildern.

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Carola Krauße-Reim
Das Leiden der Jüngsten im Krieg

Sachbuch-Rezension von Carola Krauße-Reim Jul 2021

Marilyn Yalom (1932-2019) war eine vielfach ausgezeichnete amerikanische Kulturhistorikerin, die neben ihrer akademischen Tätigkeit auch zahlreiche Sachbücher schrieb. Die Fertigstellung von „Die Unschuld der Opfer“ war ihr nicht mehr vergönnt, doch sie legte „die abschließende Bearbeitung des Manuskripts“ in die Hände ihres Sohnes Ben, der diese Arbeit als „ein wunderbarer, emotional hoch intensiver Akt der Verbundenheit mit ihr“ empfand. Marilyn Yalom selbst gab als Intention für dieses Buch an: „Ich nehme an, ich habe dieses Buch deshalb geschrieben – jetzt, lange Zeit nach dem Ende des zweiten Weltkriegs -, weil ich schon mein Leben lang das Gefühl mit mir herumtrage, in der Schuld der Millionen von Menschen zu stehen, die an meiner Seite litten“.

Sieben Kindheitserinnerungen werden erzählt

Yalom hat sich nicht nur die Kindheitserinnerungen jüdischer Mitmenschen erzählen lassen, sondern auch Bekannte und Freunde, die keine Juden sind, gebeten ihre Erlebnisse zu schildern. Und so erzählen Alain, der mit seiner Mutter aus Paris in „ die freie Zone“ floh; Philippe, der als Halbwaise in der von den Deutschen besetzten Normandie lebte; Stina, die von ihrer Mutter über einen Fluss aus Finnland nach Schweden und wieder zurück gerudert wurde; Susan, die zwar protestantisch getauft, aber dennoch genealogisch als Jüdin galt und mit ihrer Mutter nach England floh; Winfried, der Sohn einer deutschen nationalsozialistisch gesinnten Familie; Robert, der als Jude in Ungarn überlebte und Marilyn selbst, die zwar Jüdin war, aber in Amerika den Krieg nur indirekt erlebte.

Unterschiedliche Geschichten mit dennoch einer Essenz

So unterschiedlich die Erinnerungen auch sind, haben sie doch alle, bis auf Marilyns eigene, einen Kern gemeinsam – die Abwesenheit der Väter und die veränderte Rolle derMutter. Die Frauen mussten zwangsweise den Platz der Männer einnehmen, sei es in der Gesellschaft oder in der Familie, wo sie oft die einzig verbliebene Autorität waren. So sind die Geschichten der Kinder auch immer die ihrer Mütter. Ein weiterer sich wiederholender Aspekt ist die Flucht aus der Heimat ins Ungewisse. Yalom geht der Frage nach, wie diese Kindheiten wahrgenommen wurden und welchen Einfluss sie auf das weitere Leben der heute schon Betagten hatten. Sie war sich bewusst, dass Kindheitserinnerungen trügen können, doch können sie durch Schriftstücke, Gespräche mit Familienangehörigen oder auch Fotos verifiziert oder auch manifestiert werden. „Die Unschuld der Opfer“ ist ein Appell an die Menschlichkeit und gegen das Vergessen oder, wie Meg Waite Clayton in ihrem Vorwort sagt: „Zu vergessen bedeutet, dass der Schrecken der Geschichte sich wiederholen kann… Und so ist Die Unschuld der Opfer auch ein Aufruf, die heutige Situation genau zu betrachten, wachsam zu sein, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln, wenn es mit der Trennung von Familien beginnt, dem Schließen von Grenzen...“

Eine andere Sicht auf den zweiten Weltkrieg

Berichte über den zweiten Weltkrieg und die Shoah gibt es in Massen, doch hier kommen Erwachsene zu Wort, die den Schrecken als Kinder erlebt haben. Ihr Leiden macht sie auch zu Opfern, denn es hatte natürlich weitreichenden Einfluss auf ihr ganzes weiteres Leben. Die erlittenen Traumata währen ewig und kommen manchmal erst durch einen auslösenden Moment wieder ins Bewusstsein. Diese ganz persönlichen Geschichten werden sehr unterschiedlich erzählt, sind aber immer extrem emotional und intensiv. Manche werden durch Fotos ergänzt, andere müssen ohne auskommen. Ich hätte mir mehr Bilder gewünscht, von den Kindern aber auch aus heutiger Zeit. Aber natürlich könnte das ein Einblick in intime und private Bereiche ermöglichen, die vielleicht geschützt werden sollen. Auch so berühren die Erzählungen, denn Kinder sind, wie der Buchtitel schon sagt, unschuldige Opfer. Die Auswahl der Erzähler macht dieses Buch zu etwas Besonderem, denn sie ist weit gefächert und lässt so einen Blick auf ganz unterschiedliche Menschen zu, die in verschiedenen Ländern den Krieg erlebt haben und unterschiedliche kulturelle Hintergründe aufweisen. Gerade auch Marilyns eigene Kindheitserinnerungen an den Krieg in Europa sind interessant, zeigen sie doch eine Wahrnehmung aus der Ferne. Erst durch ihren Aufenthalt in Europa ab 1952 änderte sich zwangsläufig ihre Sicht. Einen solchen Bericht kannte ich bisher noch nicht.

Fazit

„Die Unschuld der Opfer“ lässt einen Blick auf „Kindheit im zweiten Weltkrieg“ zu. Sieben Erwachsene erzählen von ihren Erlebnissen. Wer sich für diese Zeit und ihre Auswirkungen interessiert, sollte dieses Buch lesen, denn die Sichtweise der damaligen Kinder auf den Krieg, auf die Vertreibung und die Shoah ist eine notwendige Ergänzung zu den Berichten der damaligen Erwachsenen.

Die Unschuld der Opfer

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