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Crane bietet einen alternativen Ansatz in der Glaubensdebatte und rekurriert dabei auf eine Fülle anderer zeitgenössischer sowie teils auch klassischer Denker, deren Thesen er präzise zusammenzufassen in der Lage ist. Dennoch fehlt es insgesamt ein wenig an Substanz.

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Einband und Covergestaltung sind passend und ansprechend. Ansonsten sind – abgesehen von einem Anhang mit Anmerkungen und Quellenverzeichnis – keine Extras o.Ä. enthalten.

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Yannic Niehr
Die Suche nach Sinn unterscheidet sich grundlegend von der Suche nach wissenschaftlichem Wissen

Sachbuch-Rezension von Yannic Niehr Jun 2020

Geißel der Menschheit oder Heilsversprechen? Hoffnungsspender oder Selbstbetrug? Persönliches Credo oder Politikum? Die Religion hat die Menschheitsgeschichte von Anfang an begleitet. Spannungen zwischen den großen monotheistischen Glaubensrichtungen sowie geopolitische Konflikte lassen sie jedoch oftmals in einem kontroversen Licht dastehen. Gerade heute sind ihre Kritiker lauter denn je, verteufeln die Praktizierung eines Glaubens gern als irrationales, rückwärtsgewandtes Relikt aus der Vergangenheit, dass dem Fortschritt im Wege steht. Tim Crane, selbst bekennender Atheist, reiht sich in diese Kritik mit ein, möchte dabei allerdings einen neuen Ansatz wählen und konstruktivere Perspektiven eröffnen. Sein Buch zeigt auf, dass die Religionskritik vieler seiner Zeitgenossen (die er die „Neuen Atheisten“ tauft) am Kern der Sache vorbeigeht. Mithilfe einer neuen Interpretation möchte er eine andere Art der Koexistenz vorschlagen…

„Religion ist der systematische und praktische Versuch, sich selbst mit dem Transzendenten in Verbindung zu bringen…“

Crane gliedert sein Buch in mehrere Abschnitte, denen ein zusammenfassendes Vorwort voransteht. In jedem dieser Abschnitte fasst er die Ansichten sowohl zeitgenössischer Denker als auch älterer geisteswissenschaftlicher Strömungen zusammen und setzt sich kritisch mit diesen auseinander. Zunächst legt er dabei die aktuelle Religionsdebatte dar und schildert den atheistischen Standpunkt. Es folgt eine Überleitung in die Grundlage seines Buches, nämlich seiner Definition dessen, was den religiösen Glauben ausmacht: eine Kombination aus religiösem Impuls (Sinnsuche und Transzendenz) sowie Identifikation (Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die ein bestimmtes Set an Praktiken etc. teilt). So widmet er sich – dem Titel entsprechend – weniger der Prüfung des Wahrheitsgehaltes religiöser Überzeugungen, sondern eher deren individueller wie kultureller Bedeutungen, und erklärt auf dieser Grundlage viele zentrale Glaubensbegriffe (wie z.B. das „Heilige“) neu. Vor diesem Hintergrund gehen viele Kritiken seiner Zeitgenossen seiner Ansicht nach am Kern der Sache vorbei, da sie sich z.B. auf das kosmologische, übernatürliche, theistische Element der Religion versteifen und/oder allen Gläubigen eine Irrationalität unterstellen. Natürlich muss in dem Kontext auf Gewalt eingegangen werden, die im Zuge religiöser Streits entstehen kann – dies erörtert Crane im Folgeabschnitt. Auch hier gibt er sich jedoch relativierender und versöhnliche als andere Neue Atheisten und argumentiert, dass die Rolle der Religion bei der Entstehung menschlicher Gewaltpotenziale oftmals falsch oder übersteigert dargestellt wird, was er hier sehr anschaulich und einleuchtend vermittelt. Der letzte Abschnitt enthält schließlich sein Hauptanliegen und ist eine Auslassung über den Begriff der Toleranz und darüber, wie eine weniger konfrontative Haltung auf Seiten der Neuen Atheisten beiden Seiten zu Gute kommen würde.

„Wenn wir uns mit der Religion als einem psychologischen oder gesellschaftlichen Phänomen beschäftigen, sollten wir unsere Aufmerksamkeit nicht auf das richten, was der aktuellen wissenschaftlichen Denkweise als ‚kontraintuitiv‘ erscheint, sondern darauf, wie die Teilnehmer an der Praxis Religion selbst ihren Glauben sehen“

Tim Crane hat seine Hausaufgaben gemacht: seine Argumentation kann er nur deshalb so stringent und überzeugend aufbauen, weil er die ihm vorausgehenden Positionen gut kennt und dazu in der Lage ist, sich differenziert mit ihnen auseinanderzusetzen. Der geisteswissenschaftliche Impetus ist dabei, die verhärteten Fronten in der Debatte aufzuweichen. Cranes Meinung nach bringt eine paternalistische, bekehrende und/oder fundamentalistische Richtung des Neuen Atheismus niemanden weiter. Seinen Appell für gegenseitigen Respekt und mehr Toleranz (wie er im letzten Abschnitt erörtert, etwas völlig anderes als Zustimmung oder Akzeptanz!) baut er auf seiner eigenen Definition des Glaubensbegriffs auf, der das Zusammenspiel von religiösem Impuls und Identifikation in den Mittelpunkt stellt und dadurch neue Herangehensweisen an die Religion eröffnet. Leider wirkt es ein bisschen so, als wäre Crane vom Endpunkt dieses Kernanliegens ausgegangen und hätte den Rest des Buches davon ausgehend rückwärts entwickelt. Seine Argumente sind war schlüssig, aber häufig etwas einseitig, und obwohl er sich verständlich, aber auch wortgewandt auszudrücken vermag, geht er nicht so sehr in die Tiefe, wie man es sich von diesem Werk hätte wünschen können. So fehlt einem als Leserin z.B. ein zusammenfassender (und vielleicht auch selbstkritischer) Schlussabschnitt. Auf diese Weise hat das Buch gelegentlich Aufsatzcharakter, und ist nicht eine ganz so runde Sache wie erhofft. 

Fazit:

Die Bedeutung des Glaubens ist Tim Cranes Versuch, einen geisteswissenschaftlichen Gegenentwurf zu den radikalsten Neuen Atheisten (der Name Dawkins drängt sich einem sogleich auf) anzubieten. Dies gelingt ihm größtenteils auf eingängige Weise, was auch in der deutschen Übersetzung gut rüberkommt. Sein Schreibstil ist ansprechend, jedoch wenig unterhaltsam, und lässt einen mit dem Wunsch nach mehr zurück. So gerät das Buch letztendlich nicht zu der revolutionären Glaubenskritik, die man sich hätte wünschen können, sondern eher zu einem kleinen Denkanstoß, der eventuell etwas ins Rollen bringt … vielleicht aber auch nicht.

Die Bedeutung des Glaubens

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Letzte Kommentare:
26.08.2020 12:12:57
Openuser

Das schlanke Büchlein umfasst nur 186 Seiten. Trotzdem würde ich mir wünschen, der Autor hätte das Buch noch kompakter gemacht, ein Essay, maximal 10 Seiten, die Gedanken sollten sich darin unterbringen lassen. Denn so. wie das Buch geschrieben und übersetzt ist, könnte man schnell über die entscheidenden Aussagen hinweglesen.

Sehr wichtig ist die Definition von Religion, wie Crane sie versucht: Religion ist ein systematischer und praktischer Versuch, um Sinn und Bedeutung in der Welt zu finden, und zwar in Form einer Beziehung zu etwas Transzendentem.

Das Buch ist im wesentlichen der Versuch, diese Definition zu erläutern. Dabei grenzt sich Crane immer wieder vom neuen Atheismus (Dennett, Dawskins) ab, die sich seiner Meinung nach allzu sehr an dem kosmologischen Gedanken abarbeiten, dass Gott das Universum geschaffen hätte. Darauf will Crane die Religion nicht reduziert sehen.
Crane untersucht nicht, ob Religion oder Atheismus wahr sind. Vielmehr möchte er zeigen, was religiöse Ideen für Menschen bedeuten können. Denn es gibt 2,2 Mrd. Christen, 1,6 Mrd. Muslime, und 1 Mrd. Hindus weltweit, d.h. 4,6 von 7 Mrd. Menschen weltweit sind Anhänger einer dieser Religionen. Offensichtlich können wir Religionen nicht mit wissenschaftlichen Belegen und philosophischen Argumenten wiederlegen.
Crane verucht daher, Religionen insgesamt zu verstehen. Gläubige und Atheisten sollen sich besser gegenseitig verstehen. Darum geht es im Buch. Ein Habermas geht heute viel weiter, als Crane es tut. Man könnte sagen, der heutige Habermas (nicht der aus den 80er Jahren) fängt da an, wo Crane aufhört.

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