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Mit ihrem Buch “Deutschland - ein Wirtschaftsmärchen” entzaubert die Berliner Journalistin Ulrike Hermann einige der Legenden, die sich um den wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik in der unmittelbaren Nachkriegszeit ranken.

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65 von 320 Seiten sind Anmerkungen und eine kleine Literaturliste. Die Autorin hat für ihr Buch umfangreich und akribisch recherchiert und eingehendes Quellenstudium betrieben. Wer tiefer einsteigen möchte, findet in den Anmerkungen umfangreiches und weiterführendes Material.

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Andreas Kurth
Wie den Deutschen eine Märchengeschichte als Wunder verkauft wurde

Sachbuch-Rezension von Andreas Kurth Feb 2020

Über die angeblichen “Wirtschaftswunder-Jahre” nach dem zweiten Weltkrieg gibt es einiges an Literatur, vor allem über den Vater des “Wirtschaftswunders”, Ludwig Erhard. Mit ihrem Buch “Deutschland - ein Wirtschaftsmärchen” entzaubert die Berliner Journalistin Ulrike Hermann einige der Legenden, die sich um den wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik in der unmittelbaren Nachkriegszeit ranken. Wer nicht die “Tageszeitung” liest, kennt die Autorin vermutlich aus zahlreichen Talkshows. Dort versteht sie es immer wieder, mit überbordendem Selbstbewusstsein ausgestatteten Politikern kritische Fragen zu stellen, und bei Widersprüchen den Finger in die Wunde zu legen.

Diese journalistischen Fähigkeiten hat Ulrike Hermann auch für ihr neues Buch genutzt. 65 von 320 Seiten sind Anmerkungen und eine kleine Literaturliste. Das zeigt in meinen Augen zwei Dinge. Erstes hat die Autorin für ihr Buch umfangreich und akribisch recherchiert und eingehendes Quellenstudium betrieben. Zweitens hat sie den eigentlichen Text vor Überfrachtungen bewahrt und ihn so verständlich gehalten. Wer tiefer einsteigen möchte, findet in den Anmerkungen umfangreiches und weiterführendes Material.

Der Selbstdarsteller Ludwig Erhard wird gründlich demaskiert

Um dem Leser ein besseres Verständnis der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland zu ermöglichen, setzt die Autorin im ersten Kapitel “Was von der Nazi-Zeit übrigblieb” bei der Finanz- und Wirtschaftspolitik der Nazis in den 30er Jahren an. Sie zeigt vor allem Kontinuitäten auf, die für die Wirtschaft der Nachkriegszeit prägend waren. Das gilt auch und besonders für die Führungsriegen großer Firmen und Konzerne.

Im Abschnitt “Kein Wunder: Das Wirtschaftswunder” macht Hermann deutlich, dass vor allem die Hilfen aus den USA und Europa den scheinbar so wunderbaren Aufschwung in Deutschland angeschoben und begünstigt haben.

Als talentierten Selbstdarsteller bezeichnet die Autorin den sogenannten Vater des Wirtschaftswunders. Ludwig Erhard hat nicht nur im dritten Reich Geschäfte mit der SS und anderen Nazis gemacht, sondern seine Positionen in Landes- und Bundesregierung vor allem dazu genutzt, an seiner eigenen Legende zu stricken. Bei wirtschaftspolitischen Streitfragen hat sich zudem in aller Regel Bundeskanzler Konrad Adenauer gegenüber seinem Wirtschaftsminister durchgesetzt. Warum Erhard in Deutschland immer noch auf einem Podest steht, ist mir nach der Lektüre völlig unverständlich. Dieser Abschnitt des Buches ist für mich der spannendste gewesen.

Zum Thema Wirtschaftswunder führt Ulrike Hermann aus, dass neben der Hilfe von außen auch der Lohnverzicht der deutschen Arbeitnehmer den Aufschwung lange getragen hat. Die sogenannte soziale Marktwirtschaft war nicht sozial, wie sie in einem weiteren Kapitel eingehend beschreibt. Vielmehr sind irgendwann die Krisen zurückgekehrt, was sie am Verschwinden einer Schlüsselindustrie wie der Steinkohle deutlich macht. Fassungslos gemacht hat mich dabei, wieviel an Subventionen der langsame Tod der Zechen im Ruhrgebiet verschlungen hat. Geahnt hat man das immer irgendwie, aber es war etwas anderes, das jetzt mal so komprimiert zu lesen.

Über die unselige Rolle der Bundesbank und die ökonomischen Folgen der Wiedervereinigung schlägt die Autorin schließlich den Bogen zur unsozialen Politik von Rot-Grün, die überwiegend die Reichen begünstigte, um dann ihr lesenswertes Panorama mit der Finanzkrise ab 2007 und der Eurokrise abzuschließen.

Fazit:

Als Journalistin ist Ulrike Hermann darin ausgebildet, ihren Lesern komplizierte Sachverhalte nachvollziehbar darzustellen. Diese Fähigkeit demonstriert sie - wie viele Journalisten - auch beim Schreiben von Büchern. Sie verzichtet darauf, ihre Leser mit übermäßigem Zahlen-Material zuzutexten, und erzählt lieber kurze Geschichten zu den einzelnen Aspekten und Abschnitten der deutschen Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit. Ein interessantes und lesenswertes Buch, das einen völlig neuen Blick auf etliche Aspekte aus diesem Themen-Bereich möglich macht und zum Weiterlesen und Nachdenken anregt.

Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen

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