Der Sohn des Oligarchen

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Michael Drewniok
8101

Sachbuch-Couch Rezension vonSep 2026

Wissen

Unerfreuliche, weil deutliche Darstellung einer aus ihren gesetzlichen und ethischen Fugen geratenen Finanzwirtschaft.

Ausstattung

Textband mit wenigen, bedingt aussagekräftigen Bildern.

Der tiefe Sturz des Hochstaplers.

Der Riverwalk-Komplex ist ein Wohnturm für diejenigen Reichen und Mächtigen, die es nach London zieht. Direkt am Fluss Themse gelegen, bietet sich vor allem aus den oberen Etagen ein grandioser Blick auf die Stadt. In der Nacht zum 29. November 2019 wird das Haus jedoch zum Schauplatz einer Tragödie: Von einem Balkon im fünften Stock springt ein Mann in den Fluss; er kann später nur tot geborgen werden. Zachary „Zac“ Brettler wurde nur 19 Jahre alt. Er ist der ältere von zwei Söhnen des Ehepaars Rachelle und Matthew Brettler, die in der akademischen Welt von London verankert sind.

Die ‚Erklärung‘ für den ‚Selbstmord‘ ist ebenso absurd wie logisch. Er fügt sich in die jüngere Geschichte einer Welt ein, die sich von ihrem Fundament gelöst hat und nach einem neuen Ankerpunkt sucht, während sie ausgiebig schlingert; ein Vorgang, der offensichtlich nicht ohne Opfer abläuft: In den 1980er Jahren geriet (nicht nur) London in den Würgegriff einer sich globalisierenden Wirtschaft. 1986 deregulierte Premierministerin Margaret Thatcher das Bankwesen in der City of London und läutete damit das Ende der traditionellen Finanz- und Handelsökonomie ein. Basierten Bankangelegenheiten bisher auf fixen, fassbaren Werten, begann nun die Ära eines Geldhandels, der auf imaginären Zahlen fußte.

Nach dem „Big Bang“ wurden die abenteuerlichsten Geldgeschäfte und Spekulationen möglich. Eine neue Generation gieriger, skrupelloser Finanzhaie fiel über die Welt her. Gesetz und Moral spielten keine Rollen mehr. Der nackte Gewinn wurde zum Maßstab gerissener Spekulanten, die sich zudem in den Dienst von Diktatoren, Oligarchen und anderen Machtkriminellen stellten. Im Schutz dieser Herren generierten sie Gewinne in neun- oder zehnstelliger Dollarhöhe, die sie den Steuerbehörden dieser Welt entzogen. Es entstand eine Schattenelite von Kleptokraten, die gedeckt von prinzipienfreien Juristen, Politikern und gegängelten Medien gigantische Summen scheffelten.

Der Sog des Bling-Bling-Bösen

Es heißt, die Prostitution sei das älteste Gewerbe der Welt. Man sollte allerdings davon ausgehen, dass bereits in der Urzeit betrogen wurde: Es scheint stets einfacher (gewesen) zu sein zu stehlen, als sich die Hände durch Arbeit schmutzig zu machen. Tatsächlich gilt diesem Ansatz heutzutage der Spott sämtlicher Spekulanten, die Rücksicht und Ehrlichkeit für Werte halten, an die sich nur Versager klammern.

Mit der Höhe der Summen, die man an sich bringen kann, steigt einerseits die Bereitschaft zu tricksen, während sich andererseits jene in Stellung bringen, die ihrerseits diese kriminellen Kapitalisten betrügen wollen. Wie der Fall Zac Brettler beweist, spielt die oft beschworene „Ganovenehre“ auch dort keine Rolle, wo man sich in feinste Zwirne kleidet, vornehm wohnt und die normalsterblichen Schafsköpfe von ganz oben betrachtet/verachtet. Der junge Mann gerät in seiner Naivität in eine Sackgasse der „new economy“ und dort an Zeitgenossen, die wie er nach Geld und Macht gieren, auf dem Weg in die Kapitalkriminalität jedoch ein schlechtes Stück weiter als er gekommen sind.

Verinder Sharma ist der Sohn eines ‚Geschäftsmanns‘, der sich durch Betrug im internationalen Stil ein Milliardenvermögen verschafft hat, bevor man ihn erwischte. Seine drei Söhne haben gelernt, was man vermeiden sollte, um nicht dasselbe Schicksal zu erleiden. Verinder ist also absolut rücksichtslos, aber nicht so schlau, wie er dachte. Als er auf Zac Brettler stößt, sitzt er finanziell in der Klemme und sucht nach jemand, den er buchstäblich erpressen und berauben kann. In dieser gefährlichen Stimmung führt ihm ein Kumpan - der noch erfolglosere Akbar Shamji - einen jungen Mann zu, der sich als Sohn eines russischen Oligarchen aus- sowie vorgibt, auf einen dreistelligen Millionenbetrag zugreifen zu können.

Zielsicher durch das Labyrinth zum Tod

Die Weichen sind gestellt: Man will einander quasi falsch verstehen. Es geht um viel Geld, das freilich gar nicht existiert. So ist es kein Wunder, dass irgendwann die Blase platzt. Dass es lange dauert, liegt daran, dass Zac seinen ‚Mentor‘ so gut täuschen kann. Allerdings verdrängt Sharma in seiner eigenen Not alle Verdachtsmomente. Deshalb ist sein Zorn umso größer, als Zac die Karten auf den Tisch legen muss. Was genau im Riverwalk-Komplex geschieht, kann nie völlig geklärt werden, aber womöglich war Zacs Sprung in die Themse ein gnädigeres Ende als das, was Sharma ihm antun wollte.

In „Der Sohn des Oligarchen“ rollt Autor Patrick Raddon Keefe minuziös eine Geschichte auf, die uns sicherlich irgendwann als Streaming-Serie begegnen wird. Die Ereignisse wirken so abstrus, dass sie wahr sein müssen. Ungeachtet diverser, oft klaffender Lücken, die Keefe trotz intensiver Recherche nicht füllen konnte, gelingt ihm die Beschreibung eines Milieus, dessen Nutznießer sich der Alltagswelt zunehmend entziehen. Sie können sich hinter ihren Anwälten u. a. Schergen verbergen und dorthin begeben, wo man sie nicht ausliefern, sondern mit offenen Armen empfangen wird.

Unüberwindbare Mauern umgeben sie. Keefe schildert ausführlich, wie ihm staatliche Einrichtungen und vor allem die Polizei Steine in den Weg legten. Er beschwört das Bild von Regierungen herauf, die längst von den Kleptokraten unterwandert sind und in ihrem Sinn manipuliert werden. Wie weit man ihm auf diesem Weg folgen möchte, muss man selbst entscheiden. Keefe argumentiert deutlich, aber ihm fehlt wie gesagt der völlige Durchblick. Das sollte man berücksichtigen und ein wenig Abstand halten. Leicht ist das nicht, denn die Lektüre entwickelt eine Strudelwirkung. Was ist Fakt, was Element einer Verschwörungstheorie?

Die Theatralik rekonstruierter Vergangenheit

Beschrieben wird eine Welt, die sich im Würgegriff des Mammons windet. Bei näherer Betrachtung ist dies ein Bild, das durch die beschriebenen Fakten gestützt, aber nicht rundum bestätigt wird. Zac Brettlers Schicksal ist zweifelsohne tragisch und hochinteressant, legt aber eine im Kern simple und quasi zeitlose Konstellation offen: Drei Menschen betrügen einander. Spannender ist es zu verfolgen, welche modernen (und/oder kriminellen) Methoden und Mechanismen die Ereignisse ermöglichten. Hier reiht sich Keefe glaubhaft in die Reihen derer ein, die Licht in die Abgründe globalen Gewinnstrebens werfen.

Sehr breit schildert der Autor das familiäre Umfeld, in dem Zac Brettler aufwuchs. Er kann nicht wirklich aufdecken, warum es Zac mit verhängnisvoller Gewalt in die Welt des schnellen Geldes zog. Keefe meint in der Person des Großvaters Hugo eine Art Veranlagung zum Größenwahn entdeckt zu haben; der berühmte Rabbi schönte nachträglich seine Biografie. Ist das tatsächlich ein Faktor? Keefe selbst scheint lieber nicht zu viel Gewicht auf diesen Punkt legen zu wollen.

Mit seinem sensationellen Werk „Imperium der Schmerzen“, in dem Keefe die Machenschaften der Familie Sackler als Auslöser der US-amerikanischen Opioidkrise offenlegte, kann dieses Buch nicht mithalten. Ungeachtet der persönlichen Tragödie taugt Zac Brettler nur bedingt als Einstieg in und Wegweiser durch den undurchsichtigen Miniatur-Kosmos der neuen Reichen. Er mag einer nächsten Generation angehören, deren Vertreter sich mit Lügen dorthin katapultieren wollen - und in der Tat haben seit Zac andere den Möchtegern-Aufstieg auf seine Weise versucht -, doch sein Treiben lässt sich auch jenseits einer warnenden Schrift an der sprichwörtlichen Wand nüchtern so zusammenfassen: Dummheit schützt vor Strafe nicht.

Fazit

Ein Hochstapler gerät an Schwerkriminelle, die seinen Reichtum für bare Münze nehmen; dies geschieht im Umfeld einer ‚neuen‘ Weltwirtschaft, in der politisch gut vernetzte und organisierte ‚Geschäftsleute‘ Milliardensummen abschöpfen und ihre Mitmenschen betrügen. Das Thema ist spannend, aber der Autor schlingert zwischen Einzelschicksalen und der Warnung vor einem Ausverkauf der Welt ein wenig ziellos umher; dennoch lesenswert.

Der Sohn des Oligarchen

Patrick Radden Keefe, hanserblau

Der Sohn des Oligarchen

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