Der Pate von Berlin

Erschienen: Oktober 2020

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Diese Autobiographie gibt weitere Einblicke in die Welt der Clans, die allerdings zumindest im Hinblick auf tatsächliche Kriminalität nicht so wirklich in die Tiefe gehen. Wichtige Fragen hat er in seiner Biographie allerdings umschifft.

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Andreas Kurth
“El presidente” sieht sich als der echte Chef von “4 Blocks”

Sachbuch-Rezension von Andreas Kurth Jan 2021

Mahmoud al-Zein ist in der Welt der arabischen Clans, vor allem in Berlin, eine überaus schillernde Figur. Wenn so eine Person eine Autobiographie schreibt, vermutlich schreiben lässt, ist bei der Würdigung des Inhalts höchste Vorsicht geboten. Wer das interessante Buch “Die Macht der Clans” von Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer gelesen hat, das ich kürzlich hier auf der Sachbuch-Couch besprochen habe, kann die Familie Al-Zein und ihr kriminelles Potenzial hervorragend einordnen.

Diese Autobiographie gibt weitere Einblicke in die Welt der Clans, die allerdings zumindest im Hinblick auf tatsächliche Kriminalität nicht so wirklich in die Tiefe gehen. Al-Zein schreibt von kleineren Deals, Sicherheitsarbeit, vom Kampf um die Straße. Die heftigeren Vergehen, wie sie auch bei Heuse und Meyer-Heuer geschildert werden, erwähnt der “Pate von Berlin” nicht - natürlich nicht. Sonst würde er ja eigenes kriminelles Handeln einräumen. Immerhin schildert er Taten, für die er öffentlichkeitswirksam verurteilt wurde.

Zunächst geht es um seine Jugend in Beirut, die von den Eltern arrangierte frühe Heirat, den Bürgerkrieg. Weil sich seine Familie Sorgen um ihn macht, soll er dann nach Berlin, um erstmal etwas ruhiger zu werden. Wie in den 80er Jahren üblich und von vielen Mhahallami-Kurden praktiziert, gelangt Al-Zein über Ost- mühelos nach West-Berlin. Und, ebenfalls typisch für viele Lebensläufe, es gibt kein Zurück.

Durch den Verlauf des Bürgerkriegs im Libanon ist der Flughafen Beirut plötzlich dicht, Al-Zein muss also in Deutschland zurechtkommen. Asylantrag, Unterstützung vom Staat - den Weg sind so viele gegangen.

Dass wir nach unserer Übersiedelung nach Berlin in einer Welt lebten, in der nicht nur andere Regeln herrschten, sondern auch komplett andere Bräuche und Gesetze, war mir lange nicht klar. Und da es niemanden gab, der es mir in meiner eigenen Sprache verständlich machte, begriff ich über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte, nicht wirklich, wie der Laden in Deutschland lief. Ich machte einfach alles wie in Beirut.

In seiner ehrlich wirkenden Naivität stürzte sich Mahmoud Al-Zein in die schier endlosen Revierkämpfe in der West-Berliner City rund um Kurfürstendamm und Lietzenburger Straße. Er wohnte zwar in Neukölln, suchte sich aber weiter westlich in der geteilten Stadt sein Haupt-Betätigungsfeld, später aber auch in dem Kiez entlang der Mauer. Dort wohnten wenig Deutsche, die Behörden schauten nicht so genau hin. Als er sich dann langsam einen Namen gemacht hatte, bekam er nach eigener Aussage sogar ein Kooperationsangebot von der Polizei - was er aus grundsätzlichen Erwägungen ablehnte.

Al-Zein betont im weiteren Verlauf immer wieder, wie durchsetzungsstark er auf der Straße war, für wie zuverlässig ihn seine Leute und alle möglichen Geschäftspartner gehalten haben. Viel Raum im Buch gibt er einer nachhaltigen Fehde mit albanischen Hütchenspielern, die sich in die City-West gedrängt haben. Überhaupt änderte sich vieles nach dem Fall der Mauer, wodurch neue Gruppen in den Kiezen auftauchten und ihn vor große Herausforderungen stellten. Es geht immer wieder um Revierkämpfe und um die Macht auf der Straße und in der Szene - womit offensichtlich die Nachtclubs und die Unterwelt gemeint sind.

Doch Al-Zein unterlaufen gravierende Fehler. Er macht mit einem Geschäftspartner einen Pressetermin, was er nachträglich als besonders problematischen Fehler sieht. Er gerät stärker in das Visier der Strafverfolgungsbehörden, weil er die Politik verbal herausgefordert hat, muss vor Gericht und landet erneut im Gefängnis. Als er wieder freikommt, haben sich die Verhältnisse verändert - nicht zu seinem Vorteil.

Als ich 2001 aus dem Knast kam, war die Luft dünner geworden in Berlin. In Neukölln stand ein neuer Bezirksbürgermeister namens Buschkowsky in den Startlöchern, der sich die Bekämpfung von sogenannten Integrationsverweigerern auf die Fahnen schrieb, im Landeskriminalamt arbeitete eine Arbeitsgruppe mit dem Titel “Ident” an der Abschiebung unliebsamer Zuwanderer, die Berliner Zeitungen beschäftigten sich inzwischen nicht mehr nur mit meiner Familie, sondern nahmen auch andere arabische Großfamilien in den Fokus ihrer Skandalberichterstattung.

Die spannende Frage, warum jemand wie Mahmoud Al-Zein eine Autobiographie veröffentlicht, wird am Ende des Buchs (scheinbar) beantwortet. Der Autor bezieht sich auf die Serie “4 Blocks”. Statt sich über einen Abklatsch zu ärgern, habe er entschieden, selbst zu reden - denn im Gegensatz zu “4 Blocks” sei er das Original.

Wenn man diese Aussage ganz am Ende des Buchs ernst nimmt, bezeichnet sich Mahmoud Al-Zein als Verbrecher, Mörder und Dealer. Denn all das wird in der Fernseh-Serie dargestellt. So will er es vermutlich nicht gemeint haben, aber als PR für sein Buch dient die Aussage allemal. Wichtige Fragen hat er in seiner Biographie allerdings umschifft. Wovon lebt die Familie all die Jahre? Stütze und Kindergeld? Oder doch von halb-kriminellen oder völlig illegalen Geldern? So wirklich offen ist “El Presidente” dann eben doch nicht.

Fazit:

Dieses Buch muss als das gelesen werden, was es in meinen Augen ist: eine interessante Biographie, die vieles auslässt, anderes nur andeutet, aber auch Einblicke in das Innenleben der so genannten arabischen Clans gibt. Also in vielerlei Hinsicht eine durchschaubare Selbstrechtfertigung. Mahmoud Al-Zein schildert hier sein Leben, geht nonchalant über etliche kriminelle Aspekte hinweg, und lässt anderes als eine Art Kavaliersdelikt erscheinen. Haben wir in Beirut auch so gemacht, kann ja nicht so schlimm sein…

Dennoch ein lesenswertes Buch, bei dem man aber immer den Kontext im Hinterkopf haben muss, in den das Geschilderte gehört.

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