Das Buch des Regenwurms

Das Buch des Regenwurms
Das Buch des Regenwurms
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Michael Drewniok
8

Sachbuch-Couch Rezension vonAug 2022

Oft übersehen, aber unersetzlich

Er ist klein, schleimig, hat keine Augen und wühlt im Mist: Wer könnte ihn leiden, den Regenwurm, der sich meist offenbart, wenn Hobbygärtner schwitzend den Spaten im Boden versenken? Um zu erkennen, welche inneren Werte dieses Tier besitzt, bedarf es eines wahrhaft großen Geistes. Der Regenwurm hatte Glück: Er erregte das Interesse eines Naturforscher-Genies, das sich dem Studium des Wurm-Lebens ebenso aufmerksam wie unvoreingenommen sowie begeistert widmete: Charles Darwin (1809-1882), der die Evolutionslehre auf das gültige Fundament stellte, spürte dem Wurm mit derselben Energie hinterher wie der Entstehung der Arten.

Darwin war selbst bass erstaunt, dass sich sein Buch - es wurde 1881 sein letztes - ausgezeichnet verkaufte und sogar sein Hauptwerk in den Schatten stellte. Offenbar gab es ein Publikum für seine Erkenntnisse, das sich ebenfalls Fragen über dieses Tier gestellt hatte, die endlich beantwortet wurden, auch wenn Darwin nur an der Oberfläche kratzte: Noch im 21. Jahrhundert sorgt die endlich in Schwung gekommene Wurm-Forschung stetig für aufregende Neuigkeiten.

Sally Coulthard, die sich darauf spezialisiert hat, die scheinbaren Nebensächlichkeiten der (europäischen) Natur unter die Lupe zu nehmen, stieß irgendwann ebenfalls auf den Regenwurm. Auf knapp 200 Seiten fasst sie zusammen, was man über ihn weiß bzw. wissen sollte. Es entstand eine Sammlung eindrucksvoller Fakten, die den „unwichtigen“, gar „schädlichen“ oder „ekligen“ Wurm als faszinierend an sein Leben angepasstes Wesen sowie unverzichtbaren Partner des ackerbauernden und gärtnernden Menschen glänzend rehabilitiert!

Wühlen mit lebenserhaltenden Folgen

Übrigens gibt es nicht nur ‚den‘ Regenwurm. Wo immer wir im Boden stochern, stoßen wir auf unterschiedliche Arten dieser Gliedertiere, die sich auf bestimmte Bodenschichten spezialisiert haben. „Regenwürmer“ sind also nicht grundlos manchmal braun, dann wieder rot oder grau. Außerdem können sie größer werden als man denkt. Selbst in Deutschland gibt es den „Badischen Riesenregenwurm“, der sich auf 60 cm strecken kann. In Australien hausen Würmer, die fünfmal so lang werden.

Sie sind alle harmlos und nützlich, denn sie wühlen sich durch den Erdboden, in den auf diese Weise Luft und Wasser eindringen können. Gäbe es keine Würmer, würde sich die Erde verfestigen, woraufhin Pflanzensamen auf der harten, undurchlässig gewordenen Oberfläche vertrocknen und Regenwasser nutzlos ablaufen würde. Der Wurm sorgt dafür, dass die Erde locker und feucht bleibt.

Darüber hinaus vertilgt der Regenwurm abgefallene Blätter u. a. Pflanzenreste. Er zieht sie unter die Erde, wo ihre Reste verrotten, und düngt den Boden zusätzlich durch seinen nährstoffreichen Kot. Wo keine Würmer existieren, kann man es oberirdisch sehen. Die Wuchsleistung sämtlicher Pflanzen lässt nach, weil sie mehr Energie in die Wurzelleistung stecken müssen, um der Erde die notwendigen Nahrungsstoffe abzuringen.

Was können sie noch?

Offenbar ist die Liste der Erstaunlichkeiten im Wurm-Umfeld umfangreich, und sie wird immer länger, je intensiver sich die Wissenschaft mit dem Wühltier beschäftigt. Inzwischen steht fest, dass so ein Wurm erstaunlich alt werden kann, wenn er den stets hungrigen Maulwürfen oder Amseln entkommt; 10 Jahre sind möglich.

Regenwürmer graben sich unterirdische Bauten, die sie behaglich auspolstern und bei Bedarf mit einem Pfropfen aus Blättern gegen Nässe und ungebetene Gäste abriegeln. Dort richten sie eine Kinderstube ein und geben den Jungwürmern einen möglichst gelungenen Start ins Leben - und solange sich ein Wurm mit seinem Schwanz im Baueingang verkeilen kann, wird man ihn kaum unbeschädigt aus der Erde ziehen; diese Tiere sind kräftig!

Übrigens wachsen aus einem durchtrennten Tier keine zwei Neuwürmer; dies ist ein Mythos. Unter der schleimigen Haut sind sie zwar simpel, aber doch so kompliziert gebaut, dass es durchaus ein Bug und Heck gibt: Das Kopfende überlebt und bildet einen neuen Schwanz aus. Ansonsten wachsen Würmer lebenslang, weshalb ältere Exemplare an ihrer Länge erkennbar sind.

Eine Lanze für ein Weichtier

„Das Buch des Regenwurms“ ist kein wissenschaftliches Fachbuch, sondern eher ein „Coffee Table Book“, das der Präsentation ebenso große Aufmerksamkeit wie dem Inhalt - oft sogar mehr - schenkt und das man deshalb dort im Haus platziert, wo Besucher es sehen sollen, um beeindruckt zu werden.

Autorin Sally Coulthard hat sich als Garten- und Naturliebhaberin einen Namen gemacht, verfügt aber über eine wissenschaftliche Ausbildung (als Archäologin und Anthropologin), weshalb sie ihr Werk auf ein solides Informationsfundament stellt, ohne darüber die Lesbarkeit zu vernachlässigen.

Kurze Kapitel setzen die Leser erfreulich unterhaltsam über ein nur scheinbar nebensächliches Lebewesen in Kenntnis. Als ‚Gartenfrau‘ ergänzt Coulthard ihre Wurm-Biografie mit praktischen Hinweisen, wie man das nützliche Tier daheim schützen, fördern und vermehren kann; offensichtlich gibt es keine Obergrenze für eine segensreich wühlende Wurmpopulation - sie regeln ihre Bestandsdichte selbst und erfolgreich, wobei sich ihre vermehrte Anwesenheit sehr bald auch oberirdisch positiv auswirkt.

Fotos fehlen in diesem Buch. Es gäbe sie durchaus, da der Wurm wie erwähnt mehr und mehr Forscher beschäftigt. In diesem Buch wären sie allerdings fehl am Platz und werden durch Zeichnungen ersetzt. Diese können sich neben dem Foto immer noch behaupten, weil sie eine Darstellung vereinfachen und doch auf den Punkt bringen.

Fazit

Die Faszination ist nicht auf die Tiefsee, hohe Gipfel oder ferne Planeten beschränkt. Sally Coulthard setzt dem Wurm ein kleines, jedoch feines Denkmal, indem sie knapp, aber umfassend ein Tier beschreibt, in dem buchstäblich mehr steckt, als es erkennen lässt: auch sprachlich ein Genuss.

Das Buch des Regenwurms

, HarperCollins

Das Buch des Regenwurms

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