Das Adressbuch der Dora Maar

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

Alexandra Baisch (Übersetzung)

Couch-Wertung

7
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Carola Krauße-Reim
Durch die Adressen wird eine Lebensgeschichte lebendig

Sachbuch-Rezension von Carola Krauße-Reim Sep 2021

Die französische Schriftstellerin und Journalistin Brigitte Benkemoun gelangte durch puren Zufall an ein kleines abgegriffenes Adressbuch, das Namen und Adressen berühmter Künstler der Nachkriegszeit enthielt. Doch, wer verkehrt z.B. mit Cocteau, Chagall, Picasso und Giacometti persönlich; wer kann alle diese Künstler mit ihren Anschriften und Telefonnummer kennen? Brigitte Benkemoun will diesem Rätsel auf die Spur kommen und fängt an zu recherchieren.

Wer hat hier wen gefunden?

Manchmal ist es schon kurios – ausgerechnet der kunstinteressierten Journalistin Benkemoun fällt dieses Adressbüchlein in die Hände! Da kann man nicht anders als sich fragen, wer hier wen gefunden hat. Benkemoun beschreibt dann auch regelrecht spannend, wie sie versucht dem Besitzer auf die Spur zu kommen. Sie muss Rückschläge in Kauf nehmen, doch ihre Hartnäckigkeit zahlt sich aus - sie kann die Besitzerin identifizieren – es ist Dora Maar, den meisten als Geliebte Picassos, seine Muse und als sein Motiv für das Gemälde „Die weinende Frau“ bekannt.

Dora Maar war eine komplexe Persönlichkeit

Dora Maar, eigentlich Henriette Theodora Markovitch, war viel mehr als Geliebte und Motiv. Als sie Picasso kennenlernt ist sie bereits eine anerkannte Fotografin, die vor allem durch ihre Modeaufnahmen von sich reden machte.

Sie ist „schön, intelligent, wild, eigensinnig, feurig, ... herablassend, autoritär...“ - eine komplexe Persönlichkeit.

Doch sie gerät vollkommen in den Bann Picassos, der keine anderen Lichtgestalten neben sich duldete. Sie gibt das Fotografieren zugunsten der Malerei auf, weil Picasso weiß, dass sie hier keine Konkurrenz ist. Doch sie gibt auch sich selbst auf und existiert nur noch als Schatten des großen Egoisten, der sie behandeln kann, wie er will und immer sicher ist, dass sie ihm alles verzeiht.

 „Sie war die Geliebte und die Muse von Pablo Picasso, eine Rolle, die die Gesamtheit ihres Werkes ausblendete.“

Als er sie verlässt, verliert sie den Boden unter den Füßen, wird zum psychischen Wrack. Sie zieht sich immer mehr zurück, wird fanatische Katholikin, gepaart mit einem ausgiebigen Missionsgedanken und wohl auch Antisemitin mit Hitlers „Mein Kampf“ im Buchregal. Diese Lebensgeschichte sollte man bei der Lektüre von „Das Adressbuch der Dora Maar“ kennen, denn die Autorin setzt sie voraus. Ebenso die Kenntnis aller anderen genannten Personen, von Breton bis Staël. Nur so kann man die Recherche wirklich würdigen und die erzählte Geschichte nachvollziehen.

Adressen und Personen formen ein Leben

Geschickt nutzt die Autorin die Adressen, um das Leben der Dora Maar nachzuvollziehen. Von einem Freund oder Bekannten kommt sie zum nächsten, manche müssen erst zeitaufwendig identifiziert werden, bei anderen ist die Identität offensichtlich.

Sie trifft sich mit noch Lebenden oder mit einigen Nachkommen und erfährt so manches über Dora Maar, was nicht unbedingt bekannt war. Doch sie neigt teilweise auch dazu, ihr Emotionen oder Aktionen anzudichten, die sie gar nicht wissen kann. Manchmal gibt sie das zu, manchmal kann man es nur erahnen.

Eigentlich erfährt der Leser wenig Neues, wenn er sich schon einmal mit Dora Maar befasst hat. Dennoch ist es kurzweilig, ihr von einer Anschrift zur nächsten zu folgen und gleichzeitig in ein Leben abzutauchen, das alles andere als konventionell war, wie die Besitzerin des Adressbüchlein selber auch. Manchmal ist man geschockt von der Egozentrik Maars, manchmal von der Egomanie Picassos abgestoßen, doch immer ist die Lektüre äußerst spannend.

Aber für ein durchgehendes Verständnis kommt man manchmal auch nicht umhin, selber einige Recherchen zu den Erwähnten anzustellen, es sei denn, wie schon erwähnt, man kennt sich extrem gut aus in dieser Szene und in dieser Zeit. Was ungemein geholfen hätte, wären Fotos: Abbildungen der Fotos oder Gemälde die oft genug und in Massen genannt werden; Fotos der erwähnten Personen, von denen man vielleicht nur die Namen aber nicht unbedingt ihre Gesichter kennt oder auch Fotos von den wichtigsten Orten, wie dem Haus Dora Maars in Paris oder in Ménerbes. Aber in einem Buch, das so sehr ad hominem und artefakt bezogen ist, kommt nicht ein einziges Foto vor! Das ist das größte Manko an diesem ansonsten sehr informativen Buch, das allerdings auch manchmal an fehlerhafter Grammatik und in sich unstimmigen Sätzen krankt.

Fazit

„Das Adressbuch der Dora Maar“ gibt das Leben dieser außergewöhnlichen Frau und Künstlerin ebenso kurzweilig, wie sehr interessant wieder – nur auf Fotos wurde bedauerlich komplett verzichtet. Allerdings sollte man sich etwas in der Szene rund um Picasso auskennen, um dem Erzählten immer folgen zu können oder bereit sein, selber ausgiebig zu den genannten Personen zu recherchieren.

Das Adressbuch der Dora Maar

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