Dark Towers

Erschienen: August 2020

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9
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Michael Drewniok
Zu groß, um zu fallen (oder zur Rechenschaft gezogen zu werden)

Sachbuch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2021

Wir Durchschnittsbürger haben offenbar resigniert bzw. uns daran gewöhnt, von denen über die Löffel balbiert zu werden, die nicht klüger, aber gerissener und rücksichtsloser sind als wir. Warum sonst laufen wir nicht kollektiv Sturm gegen die Nutznießer eines Finanzsystems, das sich selbst auf unsere Kosten speist, ohne von denen, die uns eigentlich schützen sollten, unter Kontrolle gehalten zu werden?

US-Journalist David Enrich, der für die Finanzredaktion der „New York Times“ tätig ist, führt uns am Beispiel der Deutschen Bank vor, wie das globale Finanzwesen im Laufe kurzer Zeit auf den Hund kam, weil Gier und Skrupellosigkeit auf Trägheit und Ahnungslosigkeit stießen. „Dark Towers“ beschreibt exemplarisch eine Entwicklung, die dazu führte, dass sich wenige auf Kosten der Mehrheit bereicherten - und dies in einem Maß, das jegliche Vorstellung sprengt.

Bis in die 1990er Jahre war die Deutsche Bank ein Kreditinstitut, das traditionell in Deutschland agierte. Doch in den USA wurde an der Wall Street ein ganz neues Rad gedreht: Mit Investmentbanking und Börsenspekulationen erzielten findige Finanzspezialisten Gewinne, von denen man in Deutschland nur träumen konnte. In den USA löste man sich von der ‚altmodischen‘ Prämisse, nach der eine Bank stets über genug Realvermögen verfügen sollte, um ihre Geschäfte auf eine solide Basis zu stellen.

Nun kappte man diesen Anker. Der Profit bildete das A und O des ‚neuen‘ Bankalltags. Man schuf Papiere, Derivate, Zinswetten u. a. Finanzprodukte, die ihren Wert vor allem behaupteten und deren Glaubwürdigkeit bzw. Brisanz niemand hinterfragte. Dieses System benötigte auf eine Globalwirtschaft, die ihre Stabilität behält und keine depressiven Phasen erlebt - eine Prognose, die Ignoranz und Irrsinn vereint, aber über (zu) viele Jahre funktionierte: Man konnte als Bank Geld verdienen, indem man Geld aus- bzw. als Kredit vergab und diese Forderungen verkaufte. Solange das ökonomische Rad sich drehte, ging die Strategie auf. Es war sogar möglich, dass die Deutsche Bank einem Immobilienhai und Mehrfach-Pleitier namens Donald Trump Kredite in dreistelliger Millionenhöhe gewährte.

Bekanntlich dauert kein Höhenflug ewig. Die weltweite Wirtschaftskrise ließ die Spekulationsblase nach dem Millennium platzen. Um die Ohren flogen der Deutschen Bank auch jene Geschäfte, die sie mit kriminellen Warlords, Oligarchen und Diktatoren eingegangen war. Viele Milliarden Dollar Strafgelder später war die Deutsche Bank nur noch ein Schatten ihrer selbst, aber eine ‚gerechte Strafe‘ - in diesem Umfeld offenbar ein anachronistischer und lächerlicher Begriff - für die Verantwortlichen fiel aus.

Sirenengesang des schnellen Erfolgs

Enrich nutzt die Biografie des „Risikokapitalisten“ Bill Broeksmit, der viele Jahre mitverantwortlich für die Aktivitäten der Deutschen Bank war, bis er ausstieg - und sich 2014 mit einer Hundeleine erhängte. Broeksmit wird für Enrich zur Identifikationsfigur, die den Leser durch eine ebenso wilde wie komplexe Geschichte leitet. Wer meint, dass eine recht trockene Lektüre droht, sei beruhigt (oder gewarnt): Als Thriller würde man nicht glauben, was sich realiter ereignet hat!

Mehrere Jahre hat Enrich recherchiert. Er stand vor einer gewaltigen Herausforderung, denn die vergleichsweise kleine Welt der prominenten Finanzspekulanten verschanzt sich hinter schwer durchdringlichen Grenzen. Die meisten Interviews führte Enrich mit Insidern, die auf Anonymität bestanden. Wie gesagt wurde kaum jemand für die in diesem Buch beschriebenen Taten zur Rechenschaft gezogen. Dies liegt auch daran, dass die Verantwortlichen gut bezahlte Anwälte beschäftigen, die gegen allzu neugierige Journalisten zu Felde ziehen.

Für seine Darstellung greift Enrich bis ins 19. Jahrhundert zurück und vergisst auch die ruhmlose Rolle der Deutschen Bank als Nutznießer des Nazi-Regimes nicht. Parallel dazu schildert er den Aufstieg von Donald Trump, den Enrich als Symbol für die generelle Degeneration der Wirtschaft betrachtet. Neben Trump lässt er weitere ‚Finanzgenies‘ auftreten, die (manchmal unter verdächtigen Umständen) verstarben, sich (gerade noch rechtzeitig) zur Ruhe setzen konnten oder Freiheitsstrafen verbüßen.

Nichts ist erschreckender als die Realität

Die nicht ökonomisch vorgebildeten oder interessierten Leser mag das Thema abschrecken: Wie spannend kann es sein, dem Strom des Geldes zu folgen, wenn es nicht aus Gold oder anderen ‚handfesten‘ Werten besteht, sondern sich auf digital hin- und hergeschobene Zahlen beschränkt, die sich in endlosen Bilanzdateien niederschlagen?

In der Tat gehört die Durchforstung monumentaler Datenkonvolute zur Sisyphusarbeit jener Spezialisten, die den Spekulanten mögliche Verschleierung und offenen Betrug nachweisen müssen. Enrich schildert diese Arbeit als Element einer Jagd, die aus seiner Sicht Krimi-Qualität aufweist.

Damit liegt er völlig richtig, und er erweist dem Genre inhaltlich und stilistisch seine Referenz: „Dark Towers“ ist ein „True-Crime“-Thriller, der die Ereignisse in eine vom Verfasser orchestrierte ‚Handlung‘ einfließen lässt. „Dark Towers“ eignet sich durchaus als Vorlage für eine „Netflix“-Miniserie.

Gibt es Einwände?

Wie glaubhaft ist diese Darstellung? Enrich untermauert sie mit zahlreichen Quellenangaben, und die bekannten Fakten sprechen für ihn. Skepsis ist dennoch angebracht: Wie tief konnte der Verfasser tatsächlich in die Materie eindringen? Hat er die notgedrungen Stückwerk bleibenden, weil selten miteinander verknüpften Informationen in die korrekte Reihenfolge gebracht und korrekt interpretiert? „Dark Towers“ ist kein Fachbuch, und der Autor vertritt eine deutliche Linie, die schon im Titel anklingt. Die „Deutsche Bank“ ist demnach eine Art Sauron, die in ihrem Frankfurter Doppelturm haust und die Welt vielleicht nicht unter ihre Knute zwingen, aber wie einen Schwamm ausquetschen will.

Enrich ist keineswegs objektiv, aber auf offene Fragen oder Fragwürdigkeiten weist er lobenswerterweise selbst hin. So stellt er offen heraus, dass Val Broeksmit, Sohn jenes Investment-Spezialisten, mit dem er eng zusammengearbeitet hat, ein psychisch labiler, rauschgiftsüchtiger, krimineller und unzuverlässiger Zeitgenosse und als Zeuge denkbar untauglich ist. Enrich kann oder mag aber nicht auf ihn verzichten.

Schwammig bleibt Enrich, wenn er mehrfach andeutet, dass Donald Trump als krimineller Möchtegern-Tycoon und US-Präsidentschaftskandidat durch Schmiergeld aus Russland finanziert wurde bzw. wird. Es gibt Hinweise in diese Richtung, aber keine Beweise. Enrich kann nichts Relevantes beitragen. Er müsste sich gar nicht so weit aus dem Fenster lehnen, weil die Liste von Trumps nachweisbaren Manipulationen und Mauscheleien lang genug ist. Hier wird Enrichs manchmal zu intensiver Drang nach Publikumswirksamkeit deutlich.

Fazit

Autor Enrich zeichnet ein Kapitel der jüngsten Zeitgeschichte nach, dessen Nutznießer vom generellen Unwissen ihrer Mitmenschen profitieren. Er schlüsselt komplizierte Sachverhalte auf und stellt sie in ihren historischen Kontext. Man folgt ihm nicht in jedem Detail, zollt ihm aber insgesamt Anerkennung für die spannende Darstellung deprimierender Wahrheiten.

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