Mythos (und Lüge) werden Wirklichkeit.
Landkarten sollten nicht lügen, denn sie dienen dem Menschen als Orientierungshilfe dort, wo er sich nicht auskennt und Abweichungen vom eingeschlagenen Kurs zu einem üblen Ende führen können. Nichtsdestotrotz sind viele Karten, die in den vergangenen Jahrhunderten entstanden, Fundgruben für obskure Orte, die nur hier ihre ‚Realität‘ unter Beweis stellen - ein Phänomen, das übrigens in der modernen Gegenwart nicht verschwunden ist: Satelliten irren nicht? Von wegen! Die digitale Ära wird zur Wurzel gänzlich neuer Interpretationsfehler.
Edward Brooke-Hitching, der seine Kenntnisse über historische Landkarten schon mehrfach literarisch geteilt hat, stellt uns in diesem Sachbuch Orte vor, die nur auf Papier gezeichnet ‚existierten‘. Erklärend gewährt er uns Einblick in den Alltag einer Kartografie, die für Irrtümer und Lügen anfällig war. In 58 Kapiteln präsentiert er Inseln, Städte und Landstriche, die gänzlich der menschlichen Fantasie entsprangen. Dabei führt er uns in Zeiten, als die Existenz angeblicher Orte durch die Dürftigkeit der nachprüfbaren Fakten geschützt wurde.
Er entlarvt vermeintliche Entdecker, entlastet allzu eifrige, aber ratlose Kartenzeichner und erklärt, wieso die Kartografie nicht nur durch mangelhaften Informations-Input, sondern auch durch staatliche Ideologien und religiöse Doktrinen beeinflusst bzw. beeinträchtigt wurde. Darüber hinaus wirft Brooke-Hitching einen Blick auf die nicht nur dekorativen Zeichnungen und Texte, mit denen Kartografen ihre Werke anreicherten. Hier tut sich eine weitere Ebene zeitgenössischen (Halb-) Wissens auf, das unser Wissen über die zeitgenössische Kartografie ergänzt.
Für dieses Buch trug Brooke-Hitching historisches Kartenmaterial zusammen, das leider trotz der guten Papier- und Abbildungsqualität nur bedingt zur Geltung kommt. Der „Atlas der erfundenen Orte“ ist 25 cm hoch und 20 cm breit, während die Originalkarten oft deutlich großformatiger sind. Der Autor bemüht sich, dies durch Ausschnitte auszugleichen, die den jeweiligen Nicht-Ort vergrößert wiedergeben - eine Notlösung, die nicht immer wettmacht, dass Details zu einem diffusen Farbbrei verlaufen.
Buntes Papier wird zur Quelle der Macht
Der Mensch irrt sich. Der Mensch sehnt sich nach Anerkennung. Der Mensch lügt, um sich zu bereichern: Auf drei (Binsen-) Weisheiten lässt sich der Inhalt dieses Sachbuches zusammenfassen. Unsere Erde mag im Zeitalter der digitalen Datenerfassung durch Satelliten, die den Planeten so zahlreich wie Flöhe einen Hund plagen, klein geworden sein. Doch man muss nur ein Jahrhundert zurückgehen, um auf einen Globus zu blicken, der weiterhin erstaunlich viele jene weißen Flecken aufweist, die in der Kartografie unbekannte Territorien ausweisen.
Lassen wir außen vor, dass die Tiefen der Weltmeere auch heute nur ansatzweise erforscht sind. Autor Edward Brooke-Hitching bleibt oberhalb der Wasseroberfläche, wenn er zurück auf Zeiten blickt, als die Erde zwar als rund akzeptiert war, ihr aber ansonsten noch ganze Kontinente fehlten. Hier lebten zwar ebenfalls Menschen, die jedoch nicht das Bedürfnis hatten, ihre Welten in Karten zu fassen.
Die Gier steckt dem Menschen global in den Genen. Doch nicht überall erkannte man, dass eine Karte zum Schlüssel werden konnte, der Entdeckern = Eroberern, Kaufleuten oder Missionaren den Weg dorthin wies, wo Wissen, aber vor allem (Boden-) Schätze und Nicht-Christen darauf warteten, unterworfen, ausgeplündert, versklavt oder ausgerottet zu werden: Karten vergrößerten lange nicht das Wissen um diese Welt, sondern mussten militärisch und wirtschaftlich nützlich sein, weshalb man sie oft geheim hielt.
Ich bin mir absolut sicher, dass ...
Brooke-Hitching öffnet jene Schränke mit den breiten Schubladen, in denen Archiven und Museen überformatige Landkarten aufbewahren. Zusätzlich sah er zeitgenössische Reiseberichte in Buchform durch, deren Verfasser über weite Reisen berichteten und diese gern mit eigenem Kartenmaterial unterstrichen. Schon früh galt: Was in Bild und Wort fixiert ist, wirkt glaubhaft (obwohl leidgeplagte Kartografen ihre Pappenheimer durchaus kannten und skeptische Anmerkungen dort einfügten, wo sie an ihren Zeichentischen misstrauisch wurden).
Unser Autor lässt Zeiten aufleben, die manchen Irrtum entschuldigen. In wackligen Nussschalen segelten Seefahrer über stürmische Ozeane, die kein Ende nehmen wollten. Die Verpflegung war schlecht, nie reichten die Vorräte, und überall lauerten grässliche Krankheiten. Traf man in der Fremde auf Menschen, reagierten diese keineswegs freundlich, wie u. a. James Cook Mitte Februar 1779 auf einer der ansonsten schon damals schönen Hawaii-Inseln erfahren musste.
Ausgemergelt und überanstrengt sah mancher Entdecker Länder oder Berge dort, wo tiefhängende Wolken, Luftspiegelungen oder Wunschdenken sie ihm vorgaukelten. Es dauerte lange, bis es andere Reisende in solche Regionen verschlug, weshalb Korrekturen ausblieben und imaginäre Orte sich jahrhundertelang auf den Karten halten konnten. Da es sie geben musste, weil sie jemand ja verzeichnet hatte, wechselten sie notfalls ihre Plätze; manchmal wanderten sie über den halben Globus, bis ihnen endlich der Garaus gemacht wurde. Sie waren relativ ‚sicher‘, denn ohne ein Netz aus Längen- und Breitengraden veränderten selbst reale Orte Gestalt und Lage. Vor allem Australien und die Antarktis zeigten absurde Küstenlinien und wurden mit absurden Topografien (oder traditionell mit der hübschen Zeichnung eines schnaubenden Ungeheuers) gefüllt.
Ich gebe euch mein Wort, dass ...
Auch kühne Entdecker können charakterschwach sein. Sie haben sich womöglich körperlich und geistig vorausgabt, um dorthin zu kommen, wo sie dennoch scheitern; eine Niederlage, die sie sich selbst und daheim einem Publikum nicht eingestehen wollen - oder können: Dort warten womöglich ‚Mäzene‘, die viel Geld in solche Expeditionen gesteckt haben, weil sie am Ziel auf lukrative Geldquellen hoffen. Nicht selten haben besagte Entdecker mit entsprechenden Versprechen ihre Reisekasse gefüllt und stehen nun unter Druck. Also wurde geschildert, was man vor Ort sehen und daheim hören wollte.
Einer anderen Quelle entwichen Inseln, Städte oder ganze Kontinente und Meere, die existieren mussten, weil ihr Vorhandensein von Autoritäten behauptet wurden. Vor allem die Bibel, aber auch die Werke bekannter Kirchenmänner durften lange nicht in Zweifel gezogen werden, weshalb u. a. das Königreich eines obskuren „Priesters Johannes“, aber auch das Paradies des Alten Testaments geografisch verortet (dort aber bis heute nicht gefunden) wurde.
Unvollständig Erhaltenes aus der griechischen und römischen Antike, der arabisch-muslimischen Welt und dem fernen Asien griff man ebenfalls auf und versuchte die Fragmente miteinander in Einklang zu bringen. Hinzu kamen Esoterik-Spinner und Möchtegern-Wissenschaftler, die vergessene Kontinente namens „Lemuria“ oder „Mu“ herbei fantasierten (oder noch im 19. Jh. auf der Scheibenform der Erde bestanden). Halbwissen und Legenden mischten sich; die Angst davor, eventuelle Fakten zu ignorieren, überwog oft die Sorge, Falsches auf eine Karte zu setzen. Schließlich war die Kartenerstellung auch ein Geschäft, bei dem man mehr wissen sollte als die Konkurrenz!
Ich führe euch dorthin, wo das Glück (über) euch lachen wird
Gelacht hat dann höchstens derjenige, der sich gut für Land und Rechte hatte bezahlen lassen, bevor die mit dem Versprechen auf fruchtbare Böden und Goldbrocken, nach denen man sich nur bücken muss, gutgläubig in die Fremde gelockten Trottel erkennen mussten, dass man sie gelinkt hatte. Sümpfe, Hunger, Krankheiten und erboste Einheimische sorgten zusammen mit der Heimatferne solcher Desaster dafür, dass die meisten Zeugen bald das Zeitliche segneten und nur die erlogenen Paradiese in Kartenform überlebten.
Natürlich konnte auch Ruhmsucht das Hirn eines ‚Entdeckers‘ kriminell in Gang setzen. Benjamin Morrell (1795-1839) war ein kühner Seefahrer, der aufregende Abenteuer überlebte - und ein notorischer Aufschneider, der den Globus dort, wo eine Nachprüfung kaum möglich war, mit erfundenen Ländern und Inseln förmlich pflasterte. Anfang des 20. Jahrhunderts stritten Robert Edwin Peary (1856-1920) und Frederick Cook (1865-1940) erbittert über die Erreichung des Nordpols. Heute steht fest, dass sie beide gelogen haben, was nicht wundern sollte, da sie schon anlässlich früherer Polarreisen sehr großzügig Land, Berge und Inseln dort verzeichnet hatten, wo spätere Entdecker ins Leere schauten.
Faktenreich und -dicht, aber stets mit der Bereitschaft zum anekdotischen Abschweifen führt Brooke-Hitching uns durch vergangene Erdwelten. Er zitiert aus zeitgenössischen Quellen, die von der stolzen Überzeugung künden, bedeutende Orten fixiert zu haben, und trennt dabei (falsche) Sicherheit und offenkundige Lüge. Die Kartografie wird zu einem weiteren Spiegel, in dem nicht nur Kontinente und Ozeane, sondern auch die unterschiedlichen Geisteswelten des Menschen widerscheinen.
Fazit
Dass diese Welt schon seit Jahrhunderten auf Karten festgehalten wird, sorgte keineswegs für darstellerische Akkuratesse. Wieso Irrtum und Betrug sich durch die gesamte Kartografie ziehen, macht dieser „Atlas der erfundenen Orte“ in Bild und Wort deutlich: eine vergnüglich-informative, gar nicht papiertrockene Reise durch die Geschichte.



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