Streamland

Erschienen: Oktober 2020

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Die Thesen von Marcus S. Kleiner sind ziemlich steil, aber mehr als bedenkenswert. Er hat zweifellos recht, dass wir alle mit unseren Daten bezahlen, wenn wir das Internet nutzen. Es fehlt ein wenig die Einordnung, welche Altersgruppen sich verstärkt so verhalten.

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Andreas Kurth
Im Strom der Lemminge kann das eigene Denken verloren gehen

Sachbuch-Rezension von Andreas Kurth Mär 2021

Streaming-Dienste und andere Internet-Giganten gefährden zunehmend unsere Demokratie, weil sie Selbstentmündigung und Selbstausbeutung fördern. So lautet die zusammengefasste These von Marcus Kleiner, die er in seinem aktuellen Debattenbuch vertritt. Der Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Berlin University of Applied Sciences hat sich mit dem Themenkomplex intensiv befasst, und seine Forschungsergebnisse in einem gut lesbaren und mit anschaulichen Beispielen gespickten Buch zusammengetragen.

Einleitend schildert Kleiner, wie Streamingdienste, als Beispiele nennt er Netflix, Amazon Prime, Disney Plus und andere, immer mehr den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber auch die privaten Fernsehsender ablösen. Zunehmend würden die Menschen an ihren digitalen Endgeräten üben, Entscheidungen der Technik zu überlassen. Kleiner schreibt, Suchmaschinen würden der Generation Digital die Entscheidung darüber abnehmen, was in ihrem Leben wichtig sei. So würde sich eine ganze Generation an der Zahl der “Likes” zu bestimmten Beiträgen orientieren - und weniger an der eigenen Meinung.

Kritikfähigkeit muss geübt werden, Kritik muss ausgehalten werden können - oder es muss Raum zur Reaktion geben.

Laut Marcus Kleiner ist “Liken” nur ein eingeübter Reflex, und keine eigene Entscheidung mehr. Nach der Kritik- leidet so nach seiner Auffassung auch unsere Entscheidungsfähigkeit.

Kleiners Kritik an den Mechanismen im Internet ist ein wirklich interessanter Ansatz. Um den Wandel zu erklären, nimmt er seine Leser zunächst mit auf eine Reise durch die Fernseh-Geschichte, um später die Macht der Streaming-Dienste besser einordnen zu können. Bei seiner Einführung in Deutschland war das Fernsehen ein völlig neues Medium und erlangte neben der Presse schnell große Bedeutung.

Das Fernsehen sollte zu einem neuen positiven Familienort werden, an dem sich die Familie versammelt, um über die Welt und sich zu sprechen. Mediennutzung wurde lange Zeit als gemeinschaftliche Tätigkeit aufgefasst, die die Menschen nicht vereinzelt, sondern durch die im Gegenteil gerade Medienanlässe geschaffen werden, die gemeinschaftsstiftend sind.

Kleiner beschreibt eingehend den später einsetzenden Wandel vom bildungspädagogischen Ansatz der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender zum Unterhaltungsinteresse der Privatsender. Der nächste Schritt war dann nach seiner Auffassung die völlige Auflösung der Sender- (oder inzwischen Plattform-) Treue. Das ist mittlerweile völlig out - und die öffentlich-rechtlichen Sender können sich auf die neue Flexibilität überhaupt nicht mehr einstellen. Der Autor benutzt dabei starke Worte, bezeichnet das Privatfernsehen als Unterhaltungspopulismus. Er schildert dann, wie die Videotechnologie zu ungeahnter Konsumfreiheit im Medienbereich geführt hat, und so zur Brücke ins Streaming-Zeitalter wurde. Das bricht endgültig an, als Videotheken durch Online-Dienste ersetzt wurden, was schließlich auch zur totalen Anonymisierung führte. Netflix & Co. bezeichnet Kleiner in diesem Zusammenhang als die neue digitale Volkskultur.

Netflix hat damit das Fernsehen mobil gemacht und aus dem Wohnzimmer vertrieben-, aber auch die Kinoleinwand gegen viele kleine Display-Bildschirme ausgetauscht. Netflix ist mobil und mobilisiert sein Publikum - vor allem zum Konsum vom Netflix.

Marcus Kleiner macht seinen Lesern deutlich, dass Daten heutzutage Macht sind, und Netflix und die anderen Streaming-Dienste damit eine neue Macht in der Kulturwirtschaft. Die Demokratie wird demnach ausgehöhlt, weil im Verhältnis von Kunde zu Streaming-Dienst der Algorithmus die Entscheidungen für den Nutzer trifft. Der dauerhafte Erfolg der neuen Geschäftsmodelle besteht dabei in den Abonnement-Zahlen, die stetig wachsen und so den Firmen sprudelnde Einnahmen garantieren.

Eine kleine Krise gab es dann in den ersten Monaten der Corona-Pandemie, als die Allverfügbarkeit des Programmangebots auf die Endlichkeit der Ressourcen und des Zugangs traf. Dennoch gehören die Streaming-Dienste, und vor allem Amazon-Prime als Rundum-Sorglos-Paket, zu den absoluten Gewinnern der Pandemie.

Kleiner referiert in den weiteren Kapiteln die Auswirkungen der Streaming-Dienste auf Kultur und Demokratie. Er schreibt von einer Formung des Menschen zum normierten Massenmenschen - dem Gegenteil von autonomen und aufgeklärten Bürgern. Es gipfelt in der These, dass die Menschen zunehmend in Kauf nehmen, dass die digitale Welt ihnen jede Entscheidung vorkaut - und sie letztlich entmündigt.

Fazit:

Die Thesen von Marcus S. Kleiner sind ziemlich steil, aber mehr als bedenkenswert. Er hat zweifellos recht, dass wir alle mit unseren Daten bezahlen, wenn wir das Internet nutzen. Es fehlt ein wenig die Einordnung, welche Altersgruppen sich verstärkt so verhalten. Aber Kleiners These, dass eine Überwachungsökonomie weder demokratisch noch menschlich sei, ist in meinen Augen völlig richtig. Die Analyse von Kleiner ist gut recherchiert, treffend und pointiert formuliert. Vielen Lesern mag das nicht gefallen, weil sie sich in ihrer Mediennutzung treffend beschrieben fühlen. Die größte Schwäche des Buches ist allerdings, dass Kleiner - wie er selbst einräumt - keine schnell gangbaren Lösungswege anbietet. Aber dieses lesenswerte Debattenbuch regt zum Nachdenken an, und in einem weiteren Schritt mag daraus ja eine fruchtbare Diskussion entstehen.

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