Sport. Macht. Milliarden.

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Michael Drewniok
9101

Sachbuch-Couch Rezension vonJul 2026

Wissen

Ein oft (oder gern) ausgeblendetes Thema ‚outet‘ den Sport bzw. seine Nutznießer als Schöpfer eines durch Geld bestimmten, dabei Menschenrechte ausblendenden Parallelwelt.

Ausstattung

Das geschriebene Wort steht im Vordergrund – und in diesem Zusammenhang erfüllt es seinen Zweck!

Geld stinkt heute weniger denn je.

Es herrschte in der Geschichte einst die Auffassung, der Mensch werde an Weisheit gewinnen, je länger es ihn gäbe. Dahinter stand die Ansicht, dass Erfahrung klüger macht. Wieso leben wir trotzdem nicht in einem Paradies auf Erden? Wieder einmal sahen Pessimisten (bzw. Realisten) deutlicher: Der Mensch ist ein Lebewesen, das zwar Gesellschaft benötigt, sich diese jedoch selbst aussucht und kein Problem damit hat, Unrecht und Grausamkeit auszublenden, solange sich diese möglichst weit außerhalb seines alltäglichen Blickwinkels ereignen.

Daran hat sich im Namen des Fortschritts rein gar nichts geändert, wie die aktuelle Weltsituation unterstreicht: Diktatoren und Gewaltherrscher teilen sich die politische und wirtschaftliche Macht mit hyperreichen Oligarchen und Konzernherren, für die der einzelne Mensch höchstens eine Ameise darstellt, die übersehen oder zerquetscht werden kann.

Gerechtigkeit ist in diesem Umfeld eine ignorierte oder verlachte Phrase. Geld regiert die Welt; dieses Sprichwort existiert nicht grundlos. Inzwischen ersetzt es sogar kostspielige Eroberungskriege, mit denen die Mächtigen früher jene unterwarfen, die sich ihnen nicht beugen wollten. Unter Instrumentalisierung der modernen, digitalen Massenmedien werden Meinungen diktiert, indem man Widerspruch einfach unter einer Lawine von Schein-Infos begräbt. Gleichzeitig entsteht ein Schirm, in dessen Schutz die renitenten Störenfriede und Spielverderber ausgeschaltet werden. Manchmal verrutscht die Maske, was aber auch nichts ändert, denn diejenigen, die ihr Mäntelchen nach dem Wind drehen, schauen seit jeher angestrengt in andere Richtungen und leugnen dann, von Unterdrückung, Willkür oder systematischen Verfolgungen etwas gewusst zu haben.

Sport, Spiel, Mordspannung

James Montague ist ein britischer Journalist, der sich schon länger auf die Geschichte und die Entwicklung des (organisierten) Sports spezialisiert hat. Dabei konzentriert er sich auf den Fußball, der in Europa ganz oben auf der Liste derjenigen Sportarten steht, die Menschen in Millionenzahl faszinieren. Aktuell ist der Blick besonders wichtig, denn es findet ein monumentaler Umbruch statt, der die lange geordnete Fußballwelt nachhaltig verändern wird: Ein Neuer hat die Arena betreten, und er will nicht mitspielen, sondern den Ton angeben.

Das Königreich Saudi-Arabien ist keineswegs der einzige Golfstaat, der sich global um zukünftige Märkte kümmert: In absehbarer Zeit wird der Ölstrom, der diese Länder im Geld buchstäblich schwimmen lässt, versiegen. Dann dürfte das Interesse der Restwelt an der arabischen Halbinsel schlagartig versiegen. Es ist also klug, Vorsorge zu treffen. Solange man über praktisch unerschöpfliche Mittel verfügt, kann man die Bedingungen dieser Zukunft mitdiktieren. Das ist ein elementarer Faktor für jene, die aktuell das Sagen in den Golfstaaten haben und sich ihre Pfründe auf ewig sichern wollen.

Saudi-Arabien ist ein Sonderfall, weil hinter allen Aktivitäten des Landes ein Diktator und Unterdrücker steht, der auch vor Mord nicht zurückschreckt, um seine Stellung zu zementieren. Zwar ist König Salman ibn Abd al-Aziz nominelles Staatoberhaupt, aber er ist schon über 90 Jahre alt und kränklich. Längst bestimmt Kronprinz Mohammed bin Salman (genannt „MBS“) über die Geschicke Saudi-Arabiens. Er gibt sich nach außen liberal, hat aber ein Regime etabliert, das jeglichen Widerstand brutal erstickt. Im Oktober 2018 ließ er den Dissidenten und Journalisten Jamal Khashoggi, der bereits ins Ausland geflüchtet war, in eine Falle locken, umbringen und zerstückeln.

Geld schwemmt alle Hindernisse davon

James Montagues Darstellung fesselt auch Leser, die mit Sport wenig oder gar nichts am Hut haben. Er löst ihn nicht aus seinem Kontext heraus, aber er macht deutlich, dass Sport jederzeit und vor allem heutzutage ein politisches Instrument ist. Das Heer der Fans, die ihrem Verein blindlings ergeben sind, wird zur sicheren Bank stiller Unterstützer, mit deren Hilfe sich ein Schurkenstaat im Gefüge des zwar bröckelnden, aber immer noch den Ton angebenden Westen einnisten kann. Montague erklärt dies am Beispiel des britischen Traditionsvereins Newcastle United, der 2021 von Sport-Strohleuten des Saudi-Regimes aufgekauft und mit Geld auf Erfolgskurs gebracht wurde: Den Fans war dessen Herkunft mehrheitlich gleichgültig; sie wollten nur den Erfolg auf dem Fußballplatz sehen und feiern.

Fußball ist nur eine der Sportarten, die in die Tentakeln Saudi-Arabiens gerieten. Montague blättert eine Geschichte auf, in der die jeweilige Begeisterung führender Regimemitglieder dazu führte, dass gigantische Summen dorthin gepumpt wurden, wo die Gier zu den Genen gehört: Boxen, Fußball, Golf, Formel-1, sogar Snooker und zuletzt die Computerspielwettbewerbe (E-Sports) finden prominent zusehend unter heißer Wüstensonne (bzw. in klimatisierten Hallen) statt. Eine entsprechende Infrastruktur wird ohne Rücksicht auf die Kosten - oder die fast rechtlosen Leiharbeiter, die aus dem Ausland ‚importiert‘ werden - aus dem Boden gestampft.

Das ist geschmacklos, hat mit Sport nur mittelbar zu tun und soll in erster Linie das Image des Regimes heben, das nach dem Tod Jamal Khashoggis für einige Zeit ins moralische Abseits gestellt wurde, nur wenige Jahre und unzählige Milliarden später aber wieder gut angesehen ist und von denen verteidigt wird, die an Menschenrechten nicht interessiert sind. Da zu ihnen u. a. US-Präsident Trump gehört, der stets einen (für ihn) guten „Deal“ zu würdigen weiß, hat sich dem Regime ein breites Tor geöffnet.

Die Welt wird kippen

Objektiv betrachtet ist es völlig in Ordnung, dass die verkrusteten Machtkonstellationen dieser Welt in Bewegung geraten. Allerdings wird nichts gewonnen, wenn sich statt der alten nun neue Unrechtsstrukturen etablieren. Wie in Saudi-Arabien das Recht des Individuums mit Füßen getreten wird, erläutert uns der Autor am Beispiel des Projektes „Neom“: Kronprinz MSB will eine 100 Meilen lange „Stadt der Zukunft“ errichten. Wer seinem Traum im Weg steht, weil er beispielsweise dort wohnt, wo Hightech-Türme und unterirdische Verkehrsadern entstehen sollen, wird vertrieben, verhaftet, notfalls umgebracht.

Dies reiht sich in eine weiterhin lange Kette ähnlicher Verstöße gegen Menschenrechte. Außerhalb der glitzernden Metropolen, in die nur die Reichen und Schönen als (politisch schweigsame) Bürger willkommen sind und die Mehrheit der Einheimischen und Leiharbeiter nur als Diener, Handwerker und Putzkräfte geduldet werden, hat sich das Leben des Durchschnittsarabers nicht wirklich verbessert. Der forcierte Fortschritt findet in den künstlichen Großstädten statt.

Montague zieht ein nüchternes oder besser ernüchterndes Fazit: Saudi-Arabien hat sich (wieder) einreihen können in die Kette jener Staaten, in denen zwar der Normalmensch nicht zählt, die jedoch mit dicken Geldbündeln wedeln können. Die wirtschaftliche Macht verlagert sich aus Europa und Nordamerika nach China und Südostasien. Dorthin zieht es eine längst globalisierte, kleine Schar von ‚Geschäftsleuten‘, die nur der Profit interessiert. Geht der Rest der Welt dabei vor die Hunde, ist ihnen dies egal. Es gilt nur, die vom Erfolg abgekoppelten Gruppen so zu manipulieren, dass sie sich friedlich in das ihnen aufoktroyierte Schicksal fügen. Der Sport ist ein ideales Instrument. Er lenkt die Massen ab und füttert die neuen Mächtigen. Man darf gespannt auf die Fußball-WM 2034 sein, die in Saudi-Arabien stattfinden wird; das Land war der einzige Bewerber ...

Fazit

Faktendichte, aber trotz der komplexen Informationslage überaus klar entwickelte Darstellung einer Sportwelt, die zum Spielball vermögender Staaten und Machtgruppen geworden ist: eine auch abseits des Sportes hochinteressante Lektüre.

Sport. Macht. Milliarden.

James Montague, Copress

Sport. Macht. Milliarden.

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