Aufstieg, Schrecken und Fall einer Weltmacht.
Die Skandinavierin Erika Fatland bereist die Welt und schreibt darüber. Es zieht sie in Regionen, die von Touristen lieber gemieden werden, weil der Aufenthalt aus politischen und kulturell-religiösen Gründen riskant ist oder es so dort hässlich zugeht, dass man im Urlaub bzw. überhaupt mit Vor-Ort-Notständen dieser Größenordnung oder Erinnerungen an böse Vergangenheiten nicht belästigt werden möchte. Fatland scheut dagegen keine Mühen, und sie schaut sich nicht nur die Gegend an, sondern geht gezielt auf die Menschen dort zu, befragt sie und riskiert dabei (ehrliche) Antworten und stellvertretend aus Zorn bzw. Frustration geborene Reaktionen.
Dieses Mal stellt sich Fatland eine Aufgabe, die buchstäblich eine Reise um die Erde erfordert: Sie rekapituliert die Geschichte des portugiesischen Weltreichs, das Anfang des 15. Jahrhunderts von der iberischen Halbinsel ausgehend Nordafrika und die afrikanische Westküste, viele Bereiche Südostasiens sowie das gewaltige Brasilien in Südamerika umfasste. Risikofreudigen Entdeckern folgten zuverlässig geschäftstüchtige Eroberer, die in der Fremde skrupellos Land und Leute ausbeuteten. Unterdrückung, Sklaverei, Kolonialkrieg, dazu ein Katholizismus, der den „Heiden“ mit nackter Gewalt Gottes Wort nahebrachte: In einem halben Jahrtausend Imperialismus ließ Portugal keine Sünde aus, bis das Weltreich dennoch zusammenbrach und bis 1999 endgültig abgewickelt wurde.
Fatland beschränkt sich nicht auf die Feststellung historischer Tatsachen. Sie will sich vor Ort darüber informieren, was mehr als ein halbes Jahrhundert später aus den ehemaligen Kolonien geworden ist. Diese Herausforderung lässt sich nicht im Rahmen einer einzigen Reise bewältigen. Über zwei Jahre reiste Fatland auch jetzt noch exotische Orte an. Sie recherchierte die ‚Fortsetzung‘ einer aus der Fremde vorgeprägten, bis heute weder aufgearbeiteten noch überwundenen Geschichte. Ein Höhepunkt dieser Weltreise: Fatland besteigt in Nordspanien ein Frachtschiff, umrundet erst Portugal, dann Afrika entlang zahlreicher Küsten, kreuzt den Stillen Ozean gen Indonesien und Indien und steuert schließlich Japan an.
In der Regel ohne Happy-End
Vor allem die Einzelreisen boten die Gelegenheit, Abstecher ins Landesinnere zu machen. Fatland suchte gezielt nicht nur nach Spuren der portugiesischen Kolonialgeschichte - Bauten, Kunstwerke, Denkmäler -, sondern forschte auch nach menschlicher Präsenz. Die vor Ort lebenden Portugiesen verließen nach dem Ende ihrer Herrschaft nicht alle die Heimat, denn zu der war das weit von der iberischen Halbinsel entfernte Land geworden.
Die Antworten sind interessant, denn sie entsprechen nicht unbedingt den Erwartungen. So stehen für erstaunlich viele ältere Menschen, die noch in den Kolonien gelebt haben, eindeutig fest, dass es ihnen „unter den Portugiesen“ besser ergangen sei. Ressourcenraub, Rassismus und Unterdrückung wurden nie vergessen und vergeben, doch selbst die Betroffenen trauern einer Zeit hinterher, als noch ‚Ordnung‘ herrschte. Die Unabhängigkeit führte nicht wie erhofft in eine Ära wirtschaftlichen Aufschwungs und persönlicher Freiheit. Immer wieder bewegt sich Fatland in Staaten und Gesellschaften, die von modernen Autokratien und Diktaturen dominiert werden. Nicht selten führt dies zu einer absurden Spiegelung der Vergangenheit: Es gibt wieder eine schmale, vermögende, einflussreiche Oberschicht, die mit ausländischen Mächten und Konzernen kooperiert, doch diejenigen, die immer arm waren, sind es geblieben.
Was die portugiesischen Nachfahren der ursprünglichen Kolonialherren angeht, trifft Fatland ausnahmslos auf allmählich aussterbende Gemeinschaften. Nach der Unabhängigkeit waren Sprache und Bräuche verboten. Die jungen Leute verließen ihre Heimat, weil sich im Ausland bessere Lebenschancen boten. Zurück blieben die Alten und jene, die sich hartnäckig an kulturelle und künstlerische Eigenheiten eines Landes klammern, das sie womöglich nie gesehen haben. Auf diese Weise existieren portugiesischen ‚Inseln‘, auf denen sich das Leben quasi evolutionär entwickelt und verändert hat: So bedeutet die Kenntnis der Sprache nicht unbedingt, dass sich die Portugiesen dieser Welt verstehen können, denn sie hat eigene Wege eingeschlagen und sich auf interessante Weisen mit den ‚einheimischen‘ Sprachen vermischt.
Traum vom Raum
Die Rückblicke in die Geschichte sind sachlich und ersticken nicht in Details, dabei jedoch recht ironisch. Fatland mag zwar eine studierte Sozialanthropologin sein, hat aber viel Erfahrung als Reiseschriftstellerin und weiß deshalb, dass Wissen nicht eingetrichtert werden darf, sondern vermittelt werden sollte. Der Weg zum Ziel kann auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden. Fatland wählt einen trockenen, oft durchaus schwarzen Humor, der die Fakten nicht verfälscht, sondern einer Geschichte Kontur verleiht, die sich oft genug in der Aufzählung von Fakten erschöpft, welche darüber ihre eigentliche Bedeutung einbüßen: Die Portugiesen haben ihren unfreiwilligen Untertanen über ihre mächtigen, vom Staat quasi abgekoppelten Handelsgesellschaften, dann als Kolonialmacht Unglück, Elend und Tod gebracht. Sie sind für die Versklavung und Verschleppung von Millionen Afrikanern verantwortlich und haben länger als alle anderen Staaten gern mit der Ware Mensch geschachert.
Auch sonst waren die Portugiesen rigoros und brutal. Deprimierend oft wiederholt Fatland den typischen Ablauf einer Eroberung: Zunächst erkundete Zielorte wurden friedlich besucht und ausgekundschaftet. Dann erschien eine portugiesische Flotte, erzwang entweder den Machtwechsel oder zerschoss möglichst viele Küstenorte. Anschließend bauten die Portugiesen eine Festung, diktierten der Bevölkerung würgende Abgaben und beuteten Kolonie und Bewohner systematisch aus. Jeglicher Widerstand wurde blutig niedergeschlagen - ein Vorgehen, von dem das Mutterland bis zuletzt nicht abwich.
Eine zusätzliche Zerstörungskraft ging von einer katholischen Kirche aus, die in ihrer portugiesischen Variante das Seelenheil höher ansetzte als das Leben: Wer sich dem Christengott nicht unterwarf, wurde als „Ketzer“ verfolgt, ausgegrenzt, getötet. Die Reformation sorgte ab dem 16. Jahrhundert für zusätzliche Konflikte. Nun gab es zwei unabhängig voneinander auf ihre Vorherrschaft pochende West-Kirchen. In weiter Entfernung wurde von den Menschen eine Entscheidung verlangt, obwohl diese in der Regel nicht wussten, wie sich der Unterschied überhaupt definierte.
Romantik vs. Wirklichkeit
„Seefahrer“ hat sich zu einem internationalen Bestseller gemausert. Das verwundert nicht, sondern spiegelt sich schon darin wider, dass man die 750 eng bedruckten Seiten niemals als zu zahlreich empfindet. Tatsächlich ist „Seefahrer“ eines dieser Bücher, die sich fortsetzen könnten: Man hat sich an die Mischung aus Fakten und persönlichen Erfahrungen gewöhnt und würde gern noch mehr erfahren.
Unabhängig von der Seitenzählung sind drei Fotostrecken, in denen Fatland nicht nur die Orte, sondern auch die Personen abbildet, die sie unterwegs trifft und befragt. Das ist hilfreich und wichtig, weil man beispielsweise gern sehen möchte, wem sein Vater wissentlich, aber trotzdem ohne die hierzulande umgehend aufploppenden Assoziationen den Namen „Hitler Samussuku“ gegeben hat ...
Es erstaunt nicht, dass Fatland abschließend zu dem Schluss kommt, die Welt wäre (nicht nur) ohne die portugiesische Kolonialgeschichte ein besserer Ort geworden - womöglich, denn sie ist keineswegs so naiv davon auszugehen, dass die Menschen sich nicht auch ohne Fremdherrschaft die Hölle auf Erden bereiten können. Doch die historischen Tatsachen zählen, und hier sieht es vielleicht nicht realjuristisch, aber doch moralisch sehr schlecht aus für jene, die sich zu Herren in Afrika, Südamerika und Asien aufgeschwungen haben. Sie hinterließen Spuren eines Unglücks, dass Fatland gesucht und stets gefunden hat.
Fazit
Überaus faktenintensive, aber die Leser nicht mit Informationen überschüttende Mischung aus Geschichtsbuch und Reisebericht. Vergangenheit und Gegenwart der gewählten Themen werden einander gegenübergestellt. Der Tenor ist leicht, oft ironisch, ohne dass die Autorin sich im Ton vergreift: eine auch als Lektüre faszinierende Reise!



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