Rose Valland und die Liebe zur Kunst

  • Erschienen: März 2024
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Michael Drewniok
8101

Sachbuch-Couch Rezension vonFeb 2026

Wissen

Informationsreich, aber ohne die Leser unter Fakten zu begraben, wird das Leben und Wirken einer immer noch zu unbekannten Frau beschrieben und gewürdigt.

Ausstattung

Wenige, aber gut ausgewählte Fotos unterstreichen die im Text gemachten Aussagen.

Hellwach unter Wölfen.

Zwischen 1933 und 1945 brachte Nazideutschland Zerstörung und massenhaften Tod über die Welt. Darin erschöpfte sich das böse Wirken der selbst ernannten ‚Übermenschen‘ und Eroberer aber nicht. Sie töteten systematisch, und sie raubten ihre Opfer auch noch aus. Schon vor 1939 eigneten sich eigens für diesen Zweck gegründete Einrichtungen vor allem die Besitztümer der deutschen Juden an, die erst ins gesellschaftliche Abseits und dann in den Tod geschickt wurden.

Als der Zweite Krieg ausbrach, ebnete die zunächst unaufhaltsame Militärmaschine der Nazis den Dieben den Weg zu neuer Beute. An allen Fronten folgten den Soldaten Spezialkommandos, die in den eroberten Ländern Kunstschätze ‚sicherten‘ und private Sammlungen, aber auch Museen plünderten. Viele Nazi-Bonzen - an ihrer Spitze der ehemalige Postkarten-Pinsler Hitler - betrachteten sich als ‚Kunstfreunde‘ und griffen schamlos ab, was ihnen gefiel. Schlimmer als alle anderen trieb es „Reichsmarschall“ Hermann Göring, der den dicken Hals nie vollbekam. Nachdem deutsche Truppen im Sommer 1940 Paris besetzt hatten, tauchte er 21-mal dort auf, um Schätze zusammenzuraffen, für deren Abtransport er mitten im Krieg ganze Sonderzüge bereitstellte.

Im Auftrag Görings und Hitlers, aber auch um die Begehrlichkeiten weiterer Bonzen zu befriedigen, wurden die großen, alten Sammlungen Frankreichs sowie Depots und Lagerhäuser gefleddert. Skrupellose Kunsthändler schlossen sich den Nazi-Dieben an, wobei auch französische Kollaborateure die Gunst der Stunde missbrauchten. Wieder waren es vor allem die Juden, die man ausraubte und dann umbrachte.

Bevor die Nazis kamen, hatten sich besorgte Großsammler, Museen und andere Eigentümer potenzieller Nazi-Beute bemüht, ihre Schätze in Sicherheit zu bringen. Binnen kurzer Zeit setzten sich Lastwagenkonvois und Züge in Bewegung, die Gemälde, Statuen u. a. Kunstwerke aus Paris herausbrachten und zu abgelegenen Schlössern und Klöstern, in tiefe Bergwerke oder zu ähnlichen Orten schafften, wohin sich die Nazis hoffentlich nie verirren würden.

Bereits in dieser heiklen Phase verschrieb sich Rose Valland, Mitarbeiterin des Pariser Jeu des Paume - eines Museums für Moderne Kunst -, buchstäblich mit Leib und Seele der Aufgabe, das kulturelle Erbe ihres Landes zu wahren und zu schützen. Bis die Deutschen einrückten, dokumentierte sie die aus Paris abgehenden Transporte und begleitete sie, um vor Ort für eine sichere Unterbringung zu sorgen.

Dann waren die Deutschen in Paris und übernahmen die Herrschaft. Die systematische Plünderung begann. Viel Raubgut wurde im Jeu des Paume zwischengelagert oder sogar provisorisch vor denen ausgestellt, die sich anschließend bedienten. Valland, nun eine simple Museumsangestellte, aber nicht entlassen, registrierte heimlich so gut es ging, welche Stücke kamen und gingen. Sie bereitete damit unter ständiger Lebensgefahr eine spätere Suche im dann wohl besetzten Deutschland vor. Als die Deutschen 1944 Frankreich aufgeben mussten, stand Valland bereit. Sie blieb nicht an ihrem Schreibtisch, sondern folgte ihrer geliebten, geraubten Kunst ins untergehende Deutsche Reich, wo noch erbittert gekämpft wurde ...

Wie definiert man eine/n Held/in?

Scheitelhöhe mindestens 1,90 Meter, Granitkinn, Geschlecht männlich: So wurde „der Held“ lange schon äußerlich charakterisiert. Tatsächlich können Helden klein und weiblich sein, denn definiert werden sie über ihren Mut und die Bereitschaft, etwas Ehrenhaftes zu tun, obwohl es sie ohne Aussicht auf Geld noch Ruhm in Gefahr bringen wird. Insofern ist Rose Valland (1898-1980) eine lebenslange Heldin, denn sie lehnte sich über Jahrzehnte nicht nur gegen Unrecht, sondern auch gegen Vorurteile auf.

Als Frau ohne finanziellen oder sozialen Rückhalt und aus der Provinz musste sie sich in Paris durchsetzen und vernetzen. Ungeachtet ihrer wissenschaftlichen Meriten wurde sie meist übersehen und übergangen, wenn es darum ging, interessante Posten zu vergeben. Privat lebte Valland mit einer Frau zusammen, was in ihrer Stellung auch in Paris verborgen bleiben musste.

Doch gerade ihre Unauffälligkeit wurde Valland zum Vorteil, als sie quasi neben den Nazi-Räubern stand und deren Taten dokumentierte. Im kriegszerstörten Mitteleuropa reiste sie später den Kunstwerken hinterher und rang um die Rückgabe jedes einzelnen Stücks. Valland ignorierte Hierarchien und Seilschaften und blieb ungeachtet des Widerstands, der ihr erwuchs, ihrer Aufgabe treu - und viel zu lange unbemerkt. Die hier vorgestellte Biografie ist das Ergebnis langwieriger und mühsamer Recherchen, die Journalistin Jennifer Lesieur vor das Problem stellten, die wenigen bzw. lückenhaften Belege für Vallands Leben zu finden. Während ihr Wirken sich rekonstruieren lässt, verschwindet die private Rose Valland beinahe vollständig. Spätestens nach ihrem Tod verschwanden brisante Unterlagen, die vielen nach dem Krieg wieder auf die Füße gefallenen Nazis und Nutznießern hätten unbequem werden können. Auch die Beziehung zu ihrer Lebensgefährtin wurde ‚entschärft‘.

Mission oder Obsession?

Lesieur hat sich eine für Biografien oft ungewöhnliche Tugend zu Eigen gemacht. Normalerweise können sich diese von den aufwändig zusammengetragenen Fakten schwer trennen und konfrontieren ihre Leser noch mit der unwichtigsten, aber gesicherten Tatsache. Es mag an den erwähnten Lücken liegen, aber Lesieur bleibt auch dort knapp bzw. auf die Kerninformation konzentriert, wo sie auf ein Heer vorermittelnder Historiker und Journalisten hätte zurückgreifen können: Gemeint sind Hintergrundinfos über den Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegszeit und besonders über den Kunstraub der Nazis, der seit einigen Jahren von Forschern verstärkt ins Visier genommen wird.

Nur selten weicht Lesieur vom Weg ab; dies geschieht dort, wo Valland nicht anwesend war, aber Entscheidungen getroffen wurden, die das Thema und damit Valland betrafen. 200 Seiten mögen für die Biografie einer Frau, die so lange und intensiv ihre Arbeit tat, wenig erscheinen, doch sie werden mit einschlägigen Informationen gefüllt und erfüllen deshalb ihren Zweck. Wer in Details gehen möchte, wird im Rahmen eines knappen, aber wiederum dichten Verzeichnisses auf weitere Literatur hingewiesen. Hinzu kommt ein Nachwort der Kunsthistorikerin und Valland-Spezialistin Emmanuelle Polack, die Vallands Wirken fachkundig in das komplexe Thema Kunstraub in Europa einordnet.

Lesieur lässt die Tatsachen für sich sprechen, obwohl sie zwischen den Zeilen ihre Bewunderung oder besser: Anerkennung nicht unterdrücken kann. Sie sieht sich nicht ‚nur‘ als Biografin, sondern will auch endlich offenlegen, welche zentrale Rolle die Frau Valland spielte, die an die (französische) Kunst dachte, während buchstäblich Kugeln flogen. Dabei unterschlägt die Autorin nicht, dass Valland in den Jahrzehnten nach dem Krieg zunehmend ins Abseits geriet, weil sie ihre Ideale nicht einer Realpolitik opferte, die im einstigen Kriegsgegner und Peiniger mehr und mehr den Verbündeten im Kampf gegen den Sowjet- und China-Kommunismus sah und bereit war, ‚Bagatellen‘ wie Kunstraub unter den Tisch fallen zu lassen. Die alternde und „starrköpfige“ Rose Valland wurde beiseite gedrängt und abgeschoben. Als sie 1980 starb, war sie erschreckend unbekannt. Zu viele, die vor allem laut waren, hatten sie hinter sich gelassen. Dieses Buch zeugt vom verdienten Bemühen, dieses ‚Versäumnis‘ endlich aufzuklären.

Anmerkung: Im Film „Monuments Men - Ungewöhnliche Helden“, der die Rettung der in Europa verschleppten Kunstwerke thematisiert (2014 inszeniert von George Clooney, der auch eine der Hauptrollen übernahm), wurden reale Personen künstlerisch ‚interpretiert‘ und daher lieber umbenannt. Rose Valland war nun „Claire Simone“, wurde aber immerhin von Cate Blanchett gespielt.

Fazit

Knapp, aber informativ verdichtet, lüftet die Autorin den Nebel, der die Leistung einer Frau zu verbergen droht, die für die Kunst (nicht nur) ihres Heimatlandes immer wieder ihr Leben riskierte. Die Biografie wird in die zeitgenössische Gesamtgeschichte eingebettet, ist gut geschrieben und aufgrund kaum zu glaubender, aber belegter Ereignisse tatsächlich - so ist es auf der rückwärtigen Umschlagseite zu lesen - „ein Buch wie ein Krimi“.

Rose Valland und die Liebe zur Kunst

Jennifer Lesieur,

Rose Valland und die Liebe zur Kunst

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