Regenwälder

Erschienen: August 2021

Couch-Wertung

6
Wissen
Ausstattung

Wissen

Es wird viel Wissen verpackt und vorausgesetzt. Die Frage ist: Welches Publikum soll erreicht werden? Da Regenwaldschutz ein Thema ist, das jeden etwas angeht, wird zu wenig Energie darauf verwendet, die Leser in den Bann zu ziehen.

Ausstattung

Die Bilder sind eine Augenweide und gekonnt in Szene gesetzt. Die Zwischensequenzen sollen faszinieren, bleiben aber weit unter ihren Möglichkeiten.

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Julian Hübecker
Wir verlieren unsere Regenwälder …

Sachbuch-Rezension von Julian Hübecker Aug 2021

Regenwälder gelten als die Schatzkammer der Natur. Nirgendwo sonst tummeln sich mehr Insekten, Vögel oder Amphibien, wachsen mehr Baumarten auf kleinster Fläche, ist die Flora und Fauna so vielfältig. Doch die tropischen Regionen sind bedroht, werden verdrängt, um dem Fleisch-, Soja- und Palmöl-Hunger der industriellen Welt gerecht zu werden. Welche Rolle ein gesunder Regenwald für den ganzen Planeten hat, wird in diesem Buch dezidiert aufgezeigt.

„Amazonien brennt. Stärker als je zuvor. Zigtausende Quadratkilometer tropischer Regenwald gehen in Flammen auf.“

Josef H. Reichholf ist Professor für Ökologie und Naturschutz und ist schon von Fach wegen genau der Richtige, um die Komplexität hinter Regenwaldschutz und -vernichtung aufzuschlüsseln und einen Weg hinauszufinden. Dass eine Lösung am besten schon gestern gefunden werden muss, dürfte interessierten Leserinnen und Lesern längst klar sein, erreichten die Schreckensbilder des brennenden Amazonas im Jahr 2020 doch die ganze Welt. Dennoch werden auch im Jahr 2021 große Regenwaldflächen gerodet, um unseren Fleischbedarf zu decken, wird Borneo kahlgeschlagen, um unser Nutella mit Palmöl zu versorgen, und verliert Kongos Regenwald seine großen Säugetiere, weil Wilderei sich eben doch noch lohnt.

Die erschreckende Bilanz: Es ändert sich nichts. Dieses Gefühl drängt sich geradezu auf, wenn man Reichholfs Regenwälder gelesen hat. In drei Teile hat er sein Buch unterteilt: (I) „Tropische Lebensvielfalt“, (II) „Warum die Regenwälder verloren gehen – und was daraus folgt“, und (III) „Die Erhaltung der Tropenwälder“. Schon im Inhaltsverzeichnis wird klar, dass ein starkes Ungleichgewicht zwischen den Kapiteln vorliegt: So gehen für Teil III nur knapp 18 Seiten drauf, für Teil II jedoch beinahe hundert. Da im Vorwort versprochen wird, dass man erfährt, wie man die im Mittelpunkt befindliche und regenwaldzerstörende Wirtschaft zugunsten eines naturschutzorientierten Ansatzes in den Hintergrund verfrachtet, ist diese Zuteilung mit einem großen Fragezeichen zu versehen.

Inhaltlich unausgereift

Dieses Ungleichgewicht zieht sich durch das ganze Buch: Die Betrachtung der tropischen Lebensvielfalt ist nicht vielfältig genug und wird sprachlich zwar auf hohem Niveau vorgestellt, dabei aber zu wenig auf einen notwendigen roten Faden geachtet, der Interessierten, aber Fachunkundigen ein Verständnis erleichtert hätte. Die Vorstellung der regenwaldzerstörenden Faktoren ist dafür umso umfangreicher und klingt geradezu frustrierend endgültig (hier hätte Teil III die Schärfte ein wenig nehmen können).

Eine überraschende, aber wirkungsvolle Zugabe ist dagegen die Zusammenarbeit mit dem bekannten Illustrator Johann Brandstetter, dessen Bilder schon viele Sachbücher optisch aufgewertet haben. Ob als balzender Paradiesvogel, kletternder Orang-Utan oder lauernder Gecko zieren kleine Bilder immer wieder die Seiten und hübschen das Buch auf. Allerdings hätte eine Bildunterschrift noch Auskunft über die Abbildungen geben können.

Großflächiger fallen jene Illustrationen aus, die zweiseitige Zwischenthemen begleiten und zum langen Betrachten einladen. In diesen Exkursionen dürfen verschiedene Tropenwälder besucht werden, etwa jene der südostasiatischen Inseln oder der Virunga-Berge Ostafrikas. Doch auch hier konnte inhaltlich nicht so richtig gepunktet werden. So werden zum Beispiel die Tepuí vorgestellt, Inselberge im nördlichen Amazonas, die hoch über dem eigentlichen Regenwald kleine, eigene Welten mit einzigartigen Tieren und Pflanzen bilden. Diese Informationen sucht man aber vergeblich; stattdessen wird beschrieben, was am Fuße jener Berge vor sich geht. Warum wurde die Möglichkeit nicht genutzt, die Einzigartigkeiten hervorzuheben, um Begeisterung zu wecken?

Fazit

Trotz all der Kritik liefert der Autor ein solides Werk, das seiner fachlichen Expertise gerecht wird. Ob damit jeder Leser angesprochen wird, ist fraglich; dazu hätte noch nachjustiert werden müssen. Die Illustrationen von Johann Brandstetter sind ein vielversprechender Anfang.

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