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Was er in seinen jungen Jahren durchgemacht hat, wurde schon in einer früheren Autobiografie beschrieben und wirkt im Aufguss dünner. Über sein Metier weiß Chan enttäuschend wenig zu berichten und stilisiert sich lieber zum Wohltäter.

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„Never Grow Up“ folgt der Dramaturgie des typischen Jackie-Chan-Films, dessen Protagonist aus (meist schmerzlicher) Erfahrung klug wird. Gern sähe es Chan, würde man ihn als Entertainer und Wohltäter in Erinnerung behalten.

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Michael Drewniok
Von der Kanonenkugel zum Heiligen - ein Versuch

Sachbuch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2020

Man nennt ihn zwar einen „Schauspieler“, aber das wird ihm nicht gerecht, denn Jackie Chan ist seit Jahrzehnten vor und hinter der Kamera sehr präsent. Berühmt geworden ist er durch seine Bereitschaft zu waghalsigen Stunts, die er eher zufällig überlebt hat, obwohl die lange Kette seiner Unfälle ihn im Alter allmählich einholt, wie wir dieser ‚Autobiografie‘ hier und da entnehmen können. Dies eher nebenbei, wie Chan überhaupt dazu neigt, wichtige Ereignisse seines Lebens zwar nicht zu unterschlagen, aber in einem Wust nebensächlicher Informationen verschwimmen zu lassen.

‚Autobiografie‘ ist eine Bezeichnung, die eigentlich stets in Anführungsstriche gesetzt werden sollte, da diejenigen, die angeblich über ihr Leben Auskunft geben, in der Regel auf ihre Oberhoheit achten und die Gelegenheit nutzen, fragwürdige Episoden der Vergangenheit aus ihrer Sicht und damit in ihrem Sinn darzustellen. Chan stellt keine Ausnahme dar, sondern gehört zu denen, die dies zum Darstellungsprinzip erheben.

Er stellt das geschickt an, indem er sich immer wieder reuevoll auf die Brust schlägt und Asche auf sein Haupt streut, wenn er von Fehlern erzählt, die im Nachhinein das Bild vom liebenswerten, treuherzigen, freundlichen Jackie Jedermann trüben könnten. Man sollte sich nicht gar zu sehr auf seine Erinnerung verlassen (und notfalls externe Quellen konsultieren). Chan ist zweifelsohne ein Phänomen und ein Mann, der es aus schwierigsten Verhältnissen dorthin geschafft hat, wo er sich immer noch fremd fühlt (weshalb er u. a. die Namen prominenter Zeitgenossen auflistet, die er gern ‚Freunde‘ nennt). Angesichts einer Kindheit und Jugend, die er weniger er- als überlebt hat, muss man Chan seinen Drang zur dramatisierenden Beschönigung nachsehen.

Zugeben, was nicht (mehr) zu leugnen ist

Chan stellt sich als Mensch dar, der aus seinen Fehlern gelernt hat. Dazu zählt er seine Spiel- und Kaufsucht, seinen Sammelzwang, seine Nicht-Bildung, seine manische Arbeitswut, seinen (einzig zugegebenen, weil 1999 durch eine uneheliche Tochter gekrönten) Ehebruch, sein Versagen als kaum anwesender, überforderter Vater. (Zwischen den Zeilen muss man Kontakte zur Unterwelt und Bordellpräsenz eher erraten.) Der offenherzig-reuevollen Aufzählung solcher Schwächen folgt stets ein Moment der Erkenntnis, nach dem Jackie geläutert als neuer bzw. besserer Mensch durchstartet, die Gattin wieder auf Händen trägt, den Sohn (z.B. nach dessen Haft wegen reichlichen Rauschgiftbesitzes 2015) in die Arme schließt sowie von ihm finanzierte Schulen und Kinderheime wie Pilze aus dem Boden schießen lässt.

„Never Grow Up“ folgt damit der Dramaturgie des typischen Jackie-Chan-Films, dessen Protagonist aus (meist schmerzlicher) Erfahrung klug wird. Gern sähe es Chan, würde man ihn als Entertainer und Wohltäter in Erinnerung behalten. Um dabei weiterhin bescheiden zu wirken, überlässt es Chan seiner Mit-Autorin, ihn als wahren Engel auf Erden darzustellen (sowie dort zu übernehmen, wo Jackie lieber gar nichts sagt); Zhu Mo ist es als seine Image-Beraterin und Sprecherin gewohnt.

Einige Kratzer in diesem Image könnten beim besten Willen nicht auspoliert werden, weshalb sie gänzlich unerwähnt bleiben. Dazu gehört die peinliche Tatsache, dass ausgerechnet jener St. Jackie, der es sich zum Ziel gesetzt hat, bis zum Lebensende sein Vermögen zu spenden, 2017 namentlich in den Panana-Papers auftauchte: Chan gehört zu denen, die ihr Geld in dieser obskuren Steuer-Oase in Sicherheit brachten. Fragwürdig wirken auch Chans Propagierung schlaghandfester Kindererziehung oder sein scheinbares Anbiedern an die chinesische Regierung, deren harten Kurs er mehrfach positiv bewertete. Hier könnte man seine Jugend berücksichtigen, die Chan quasi als Sklave ‚seines‘ Kung-Fu-Meisters und ohne Bildung verbrachte: Mit dem Konzept des freien Willens mag Chan schlicht überfordert sowie politisch naiv sein. Den ‚Meister‘, der ihn schindete, prügelte und hungern ließ, rühmt er jedenfalls noch heute als jenen Mann, der die Entstehung von „Jackie Chan“ überhaupt erst möglich machte.

Viel zu erzählen, wenig zu sagen

Chan-typisch ist diese Autobiografie unter Zeitdruck entstanden. Er bürdet sich weiterhin eine Arbeitslast auf, die ihn um die ganze Welt führt und kann wohl nicht nachlassen, obwohl er - immerhin 1954 geboren! - unter den Nachwirkungen seiner zu allem Überfluss mehrfach lebensgefährlich missglückten Unfälle leidet. (Gleichzeitig gedenkt er als altes Zirkuspferd nicht mit den Stunts aufzuhören.) Drei Jahre habe er ‚mit‘ Zhu Mo an dem Buch gearbeitet, was für Chan - der nach eigener Auskunft kaum seinen Namen schreiben kann - wohl ein Gütesiegel darstellt. Tatsächlich ist „Never Grow Up“ weder eine informative noch intensive Darstellung, sondern bleibt jederzeit oberflächlich auch dort, wo Chan ‚emotional‘ wird.

Zudem weicht „Never Grow Up“ inhaltlich nur selten ab von einer früheren Autobiografie („I Am Jackie Chan“/„Jackie Chan - Ein Leben voller Action“), die kurz vor dem Millennium erschien. Was er in seinen jungen Jahren durchgemacht hat, wurde schon dort ausführlich beschrieben und wirkt im Aufguss deutlich dünner. Für einen Mann, der nach mehr als einem halben Jahrhundert unermüdlicher Arbeit vor und hinter der Kamera nicht nur das asiatische Filmgeschäft ausgezeichnet kennt, weiß Chan über sein Metier enttäuschend wenig zu berichten. Lieber stilisiert er sich zum Wohltäter (mit allzu menschlichen Schwachstellen) und setzt auf den Jackie-Effekt: Omnipräsenz, Radschlag und spitzbübisches Grinsen.

Im chinesischen Original erschien dieses Buch unter seinem vollen Titel („Never Grow Up, Only Get Older“) bereits 2015. Für die US-Ausgabe wurde es ein wenig aktualisiert, nachdem Chan im Dezember ein Ehren-Oscar für sein Lebenswerk erhalten hatte. Die Frage, ob man den für diese zurechtgedrechselte und dabei dünne Fabel den recht hohen Kaufpreis aufbringen mag, dürfte sich den wahren „Jackie-Fans“, die ihrem Idol ohnehin nichts übelnehmen können, nicht stellen. Wer ein wenig mehr erwartet, muss mit Langeweile und Verdruss rechnen.

Fazit:

Ein inhaltlich flüchtiger Blick auf ein erstaunliches Leben, das hier in seiner Außergewöhnlichkeit offenbar ein wenig nachjustiert wird. Vergangenes Fehlverhalten wird knapp, aktuelle Wohltätigkeit breit dargestellt. Die schlichte Machart sorgt dafür, dass man dem Autorenpaar nicht auf den Leim geht. Es wird höchste Zeit für eine Jackie-Chan-Biografie, die faktendicht zumindest über seine Filmarbeit berichtet!

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