Nazis in Tibet

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Michael Drewniok
9101

Sachbuch-Couch Rezension vonJun 2026

Wissen

Ein „Mythos“ wird entlarvt, die traurige Wahrheit erzählt und in den historischen Kontext gestellt.

Ausstattung

Wenige Fotos zeigen wenig aussagekräftige Szenen, die erst im Text ihre wahre Bedeutung gewinnen.

Opportunisten & Wirrköpfe auf ihrer Mission.

Bald wird zwischen „Machtübernahme“ der Nazis und der Gegenwart ein Jahrhundert liegen. Ungeachtet einer Flut erhaltener und eindeutiger Dokumente, Bilder, Filme und Tonaufzeichnungen dürfte eine entscheidende Fehlstelle diese Beweise zwar nicht entwerten, aber ihnen ihre Unmittelbarkeit nehmen: Die Zeitzeugen sterben buchstäblich aus. Sie haben Schrecken und Schwachsinn des Nationalsozialismus’ noch selbst erlebt und können darüber berichten - eine Quelle, die an Eindringlichkeit nicht zu übertreffen ist.

Wenn nur noch die archivierten Belege existieren, können diese nicht für sich sprechen, sondern müssen ‚übersetzt‘ = interpretiert werden. Dann beginnt endgültig jene Phase, in der historische Realität und historisierende Fiktion miteinander verschwimmen. Dies ist das Reich jener vor allem in der populären Kultur verbreiteten „Nazis“: Schurken, die nur notdürftig an die Wahrheit gebunden sind und stattdessen an die Seite plakativ vertierter Unholde - der „verrückte Wissenschaftler“, der „geniale Serienkiller“ oder der „degenerierte Hinterwäldler“ – treten. Auf diese Weise wird die banale Allgegenwärtigkeit einstigen Terrors unterhaltungstauglich gemildert. Hinzu kommen tatsächliche Absurditäten der NS-Ära, die aus ihrem historischen Kontext gelöst und trivialisiert werden. Was dies bedeutet, verdeutlichen noch immer mustergültig die „Indiana-Jones“-Thriller oder die „Hellboy“-Comics.

Diese Munkel-Nazis profitieren vom (absichtlichen) Halbwissen, das sich aus Quellen speist, die dort entspringen, wo die ideologisch erblindeten Nationalsozialisten Wissenschaft durch Schwachsinn ersetzten und dies per Gesetz zur „deutschen Wahrheit“ erhoben. In diesem Buch wird eines dieser ebenso gern wie fälschlich behaupteten „Geheimnisse“ weniger enthüllt als recherchiert und aufgedeckt. Das Ergebnis macht wie üblich Schluss mit Nazi-Mystery-Gewaber und ersetzt Unwissen und Wunschdenken durch Fakten. Die sind auf ihre Weise wesentlich spannender, denn hinter dem Nebel kommen ernüchternde Wahrheiten zutage: Das ‚Nazi-Reich‘ war kein Ort düsterer Mystik, sondern nur böse und blöde Realität.

Ehrgeiziger, skrupelfreier Mann

Die „Machtübernahme“ von 1933 führte zur massenhaften Entlassung deutscher Juden. Es sind solche Situationen, in denen zuverlässig jene Zeitgenossen unter ihren Steinen hervorkriechen, die mit dem jeweiligen Regime insofern übereinstimmen, als sie Opportunisten und Mitläufer sind. In die entstehenden Lücken drangen nach 1933 deshalb fachlich weniger beschlagene, sogar unfähige Parteimitglieder und „Volksgenossen“ ein.

Das ‚richtige‘ Parteibuch und die (vorgebliche = außen überzeugende) Unterstützung des „neuen Deutschland“ wurde auch dort zum Türöffner, wo eigentlich nur die reinen Fakten herrschen sollten - in der Forschung und an den Universitäten, wo plötzlich ‚Wissenschaften‘ ihren Aufschwang nahmen, die vom Regime, aber nicht von den Tatsachen gestützt wurden. Wer hier skrupellos genug war, konnte jene Karriere machen, die bisher aufgrund Pech, Unvermögen oder krimineller Umtriebe versperrt geblieben war.

Ernst Schäfer (1910-1992) war Ornithologe und Botaniker mit einer großen Sehnsucht nach fernen Ländern. Vor allem Asien und hier Tibet bzw. das Hochland der Mongolei zogen ihn magisch an. Hier wollte er sich einen Namen machen, jagen und forschen - in dieser Reihenfolge. Mit den Nazis ließ sich Schäfer ein, als er feststellte, dass niemand sonst ihm die dafür nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen würde. Also suchte er den Kontakt dort, wo sich bereits 1933 Hässliches manifestierte: Schäfer hängte sich an die „Schutzstaffel“ (SS) und ihren „Reichsführer“ Heinrich Himmler.

Visionär, Spinner, Massenmörder

Himmler war eine jener gescheiterten Existenzen, die es im Orbit um Hitler zu höchsten Ämtern gebracht hatten. Solange sie die verqueren Anordnungen ihres „Führers“ in die Tat umsetzten, duldete dieser private Steckenpferde und Spinnereien, in die enorme Geldsummen flossen. Himmler hielt sich für den Schutzherrn aller Wissenschaften, die ihm ‚beweisen‘ konnten, dass der „deutsche Volksgenosse“ einer „arischen“ Blutlinie entstammte, die bis in die Steinzeit zurückreichte. Dass dafür Befunde und Belege ‚frisiert‘ werden mussten, war unwichtig. Der Schein wurde offiziell zum Sein erklärt.

Zweimal war Schäfer bereits durch Tibet gereist und hatte durch lautstark vorgebrachte Erfolgsmeldungen Himmlers Aufsehen erregt. Eine dritte Expedition wurde 1938/39 im Dienst der SS auf den Weg gebracht und finanziert. Wendig beugte sich Schäfer gewissen Vorgaben; so stand nun die Suche nach vorgeschichtlichen Belegen für die tibetische Herkunft der „Arier“ im Vordergrund. Deshalb reiste u. a. der ‚Anthropologe‘ Bruno Beger (1911-2009) mit, der mit scheinwissenschaftlichen Instrumenten Tibeterköpfe ‚vermaß‘ und end- sowie sinnlose „Rassen“-Tabellen erstellte.

Für ihre ‚Forschungsreise‘ wurden den Teilnehmern hohe SS-Ränge verliehen. In Tibet reisten sie eher ziellos umher. Die lokalen Machtträger waren skeptisch, die in Asien allgegenwärtigen Briten misstrauisch: Der Zweite Weltkrieg kündigte sich an. Schäfer tötete jedes Tier, das ihm vor seine Flinte oder eine selbst konstruierte Schleuder kam, und häufte auch sonst vor allem Trophäen an. Die Forschungsergebnisse blieben karg, denn für die mit in die Ferne gebrachten Theorien wollten sich einfach keine Beweise entdecken lassen. Ungeachtet dessen hieb Schäfer fest auf die Propaganda-Pauke und inszenierte sich zum echten (und einzigen) ‚Fachmann‘ für Tibet.

Kein Lohn für die Duckmäuser

Der Krieg dämpfte Schäfers Ambitionen. Er träumte von einem eigenen, natürlich von ihm geleiteten Tibet-Institut. Doch als sich 1943 das Kriegsglück wendete, musste er sich nicht nur von seinen Plänen verabschieden, sondern wurde in die SS-Kriegs- und vor allem Massenmordmaschinerie eingepasst. Während sich Schäfer auf Abstand hielt (aber nicht ging), warf sich sein ‚Kollege‘ Begers Himmler endgültig zu Füßen: Erstmals wird in diesem Buch ausführlich rekonstruiert, wie Begers 1943 im KZ Auschwitz 150 ‚asiatisch‘ aussehende Gefangene auswählte: Sie sollten umgebracht und ihre Gebeine in die „anatomische Sammlung“ des Rumpf-Instituts geliefert werden, das Schäfer weiterhin leitete. Letztlich wurden 83 Männer und Frauen ermordet und ihre Leichen nach Deutschland geschafft, wo sie fachgerecht ‚entfleischt‘ werden sollten.

1945 war es mit Schäfers Karriere und mit seinem „Institut“ zu Ende, obwohl er mehrfach versuchte, sich akademisch wieder ins Spiel zu bringen. Doch seine Zeit war spätestens vorüber, als in den späten 1960er Jahren NS-Verbrecher endlich vor Gericht gestellt wurden. Schäfer kam glimpflich davon, Begers ging für nur drei Jahre ins Gefängnis. Weitere Konsequenzen gab es nicht. Vor allem Schäfers konnte sich weiterhin als Pionier der Tibet-Forschung aufspielen.

Die bizarre und auch empörende Geschichte von Ernst Schäfer hat Peter Meier-Hüsing aufgedröselt und von ihren Mythen befreit. Zum Vorschein kam ein exemplarisches Trauerspiel, das sich in eine schier endlose Kette entsprechenden Versagens einreiht: Wer bereit war, den vom Regime geforderten Preis zu zahlen, konnte es in der NS-Zeit weit bringen. Meier-Hüsing zeichnet die Biografie eines Mannes nach, der sein Gewissen ‚abschalten‘ konnte. Er folgt den durchaus wagemutigen, aber aus Forschersicht eher dilettantischen Tibet-Reisen und schaut hinter die Kulissen der kriminellen Jahre zwischen 1939 und 1945. Darüber hinaus widmet der Autor sich ausführlich der Nachkriegszeit, als sich Schäfer, Begers und Co. abermals ruhmlos einreihten, indem sie jegliche Kriegsverbrechen leugneten und sich zu Gegnern des Regimes erklärten. Die wahre ‚Strafe‘ bestand nun - und nur - darin, dass sich die Träume von Karriere, Macht und Einfluss in Nichts auflösten. Für Menschen à la Schäfer war dies womöglich der härteste Schlag.

Anmerkung: Besprochen wird hier die zweite, vom Verfasser durchgesehene und überarbeitete Auflage von 2022.

Fazit

Intensive Recherchen und eine klare Darstellung lüften das ‚Geheimnis‘ um eine Nazi-Expedition, deren Teilnehmer und die verhängnisvollen Folgen. Am Beispiel eines Nonsens-Projekts legt der Autor die brutalkriminellen Abwege der nazideutschen ‚Wissenschaft‘ offen, die in ihrer systematischen Verhöhnung von Fakten und Menschlichkeit erst allmählich erkannt wird: eine ebenso spannende wie empörende Lektüre.

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