Mein Name ist Selma

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

Simone Schroth (Übersetzung)

Couch-Wertung

10
Wissen
Ausstattung

Wissen

Selma van der Perre berichtet in ihrem ganz persönlichen Stil mit dem sie den Leser gleich in den Bann zieht.

Ausstattung

Schön sind auch die ergänzenden zahlreichen Fotos aus der Kindheit, dem Widerstand und der Zeit nach dem Krieg, die keineswegs als selbstverständlich anzunehmen sind, haben doch viele Holocaust-Überlebende alles verloren.

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Carola Krauße-Reim
Überleben unter falschem Namen

Sachbuch-Rezension von Carola Krauße-Reim Jun 2021

Selma wurde 1922 in den Niederlanden geboren. Sie hatte zwei ältere Brüder und eine jüngere Schwester. Als der 2. Weltkrieg ausbrach, war sie 17 Jahre alt und auf einmal keine Niederländerin mehr, sondern Jüdin.

Aus Selma wird Marga

Zuerst tangierte der Krieg Selmas Leben wenig. Erst als die Deutschen die Niederlande besetzten, war er auf einmal da und veränderte alles für die junge Frau. In einer liberalen jüdischen Familie aufgewachsen, spielte die Religion nur eine untergeordnete Rolle, doch jetzt konnte sie den Tod bedeuten. Selmas Familie wird auseinandergerissen, sie muss ganz allein durchkommen. Unter dem Namen Margareta van der Kuit schließt sie sich dem Widerstand an, liefert Dokumente aus oder übermittelt Botschaften. Im Juli 1944 wird sie verraten und ins Durchgangslager Vught, später nach Ravensbrück deportiert. Nach der Befreiung kommt sie über Dänemark und Schweden nach London, wo sie noch heute lebt.

Einblick in den niederländischen Widerstand

Selma van de Perre beginnt mit der Schilderung ihres Elternhauses, ihrem Familienleben und den Beziehungen zur Verwandtschaft. Den größten Teil des Buches nimmt aber die Zeit in der niederländischen Widerstandsbewegung ein. Während sich viele andere Biografien und Berichte von Holocaust-Überlebenden auf die Zeit in den Lagern konzentrieren, veranschaulicht die Autorin das Leben im Untergrund und gibt damit einen seltenen Einblick in die Welt des Widerstands. Sie beschreibt die ständigen Ortswechsel, die Angst erwischt zu werden, die Enge in den Wohnungen und generell die entsetzliche Lage der Juden in den Niederlanden. Erst als sie eine neue nicht-jüdische Identität erhält, fühlt sie sich ein wenig sicherer – aber die Angst bleibt. Kurioserweise wähnt sie ihr Leben in den Lagern weniger bedroht, weil sie glaubt dort kaum jemandem begegnen zu können, der ihren wahren Namen kennt.

99 und kein bisschen leise

Selma van de Perre wird im Juni diesen Jahres 99 Jahre alt, doch sie ist noch immer aktiv. Wie so viele Holocaust-Überlebende hat sie lange Zeit geschwiegen über das, was sie erleben musste – der Drang abzuschließen und nur noch in die Zukunft zu blicken war eine Weiterleben-Strategie. Doch sie hat gemerkt, dass sie über ihre Zeit im Widerstand und über das Grauen der Lager sprechen muss, denn es darf auf keinen Fall verharmlost oder gar vergessen werden. Noch heute fährt sie einmal im Jahr zum Gedenktag nach Ravensbrück, stellt sich weiterhin Diskussionsrunden und erzählt jungen Leuten ihre Geschichte. Sie gibt zu, ständig Angst gehabt zu haben, aber sie ist ein extrem starker Charakter mit einem unausrottbarem Lebenswillen. Diese Kombination hat ihr geholfen den Nazis nie die Überhand über ihr Leben zu geben. Sie hat immer versucht anderen zu helfen, die in Gefahr waren und hat selbst in den Lagern, wenn auch nur mit kleinen Gesten, Widerstand geleistet.

Ein fesselnder und beeindruckender Bericht

Selma van der Perre berichtet in ihrem ganz persönlichen Stil mit dem sie den Leser gleich in den Bann zieht. Ihr Leben ist von Anfang an spannend, viele Menschen und Orte sind für sie wichtig. Das führt dazu, dass man sehr aufmerksam lesen muss, denn die große Anzahl an Namen muss gemerkt werden, tauchen doch viele von ihnen immer wieder auf über die Jahre hinweg auf.

Manche Vorkommnisse werden auch an verschiedenen Stellen wiederholt, was aber lediglich von der Authentizität des Berichtes zeugt und keinesfalls störend ist. Wie man sich denken kann, sind die Schilderungen aus den Lagern nicht einfach zu verdauen – der quälende Hunger, die hygienischen Verhältnisse, aber vor allem die ständige Angst umgebracht zu werden, sind in jedem Satz zu finden und greifbar. Doch auch die Zeit nach der Befreiung hat noch genügend Probleme parat, die Selma van der Perre sehr deutlich macht: die schlechte körperliche Verfassung; die Sorge, was mit den Angehörigen passiert ist und die Frage, wie es weiter gehen soll, werden thematisiert.

Abgerundet wird der Bericht mit einem kurzen Abriss, wie es weiter ging mit der Autorin und was sie letztendlich bewog, ihr Schweigen über ihre Erlebnisse zu brechen. Schön sind auch die ergänzenden zahlreichen Fotos aus der Kindheit, dem Widerstand und der Zeit nach dem Krieg, die keineswegs als selbstverständlich anzunehmen sind, haben doch viele Holocaust-Überlebende alles verloren.

Fazit

„Mein Name ist Selma“ sind die Memoiren einer großartigen und starken Frau, die im Widerstand gegen die Nazis agierte und in den Lagern viel Mut und Lebenswillen bewies. Ein weiterer enorm wichtiger Bericht gegen das Vergessen und Verharmlosen!

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