Luftschiff Hindenburg und die große Zeit der Zeppeline

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

Ken Marschall (Illustrator)

Couch-Wertung

9
Wissen
Ausstattung

Wissen

„Luftschiff Hindenburg“ ist kein simples „Coffeetable Book“, das man in seiner Wohnung dort auffällig ‚herumliegen‘ lässt, wo es Besuchern den Interessenhorizont des Gastgebers demonstrieren soll. Tatsächlich gibt es weiterhin kein Sachbuch, das dem Thema so eindrucksvoll gerecht wird.

Ausstattung

Das aufwändige Layout ist kein Selbstzweck, sondern unterstützt die Darstellung, die reale Historie in spannende Unterhaltung verwandelt: ein Meisterwerk auch des Buchdrucks!

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Michael Drewniok
Leichter als Luft, explosiver als Dynamit

Sachbuch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2021

Die Geschichte des deutschen Zeppelins „Hindenburg“ und vor allem sein spektakulärer Absturz am 6. Mai 1937 bilden den Rahmen für einen Rückblick auf die Historie des Luftschiff-Baus:

Kapitel 1 (S. 10-35) trägt zwar den Titel „Der ‚närrische Graf‘“ - gemeint ist der deutsche Luftfahrt-Pionier Ferdinand Graf von Zeppelin (1838-1917) -, erinnert aber auch an dessen Vorgänger, die den schon Ende des 18. Jahrhunderts erfolgreich aufsteigenden Ballon lenkbar machen und in ein Fahrzeug verwandeln wollten, das - obwohl „leichter als Luft“ - Passagieren und Lasten transportieren konnte. Der gar nicht „närrische“, sondern durchhaltekräftige Graf war es, der diese Vision trotz zahlreicher Rückschläge erfolgreich verwirklichte.

Dem Schöpfungsakt folgte rasch der Sündenfall. Kapitel 2 („In mondfinsterer Nacht“, S. 36-55) beschreibt die Entwicklung des (deutschen) Luftschiffs zum Langstreckenbomber, der ab 1914 vor allem über London Feuer und Tod regnen ließ, bis ihm die endlich gewachsenen Flugzeuge den Garaus machen konnten. Obwohl Graf Zeppelin diese Einsätze befürwortete, überlebte ‚seine‘ Firma den Ersten Weltkrieg unter dem neuen Leiter Hugo Eckener (1868-1954), der kosmopolitisch und marketingbewusst die deutsche Luftschifffahrt zu neuer Größe führte (Kapitel 3: „Die zwanziger Jahre“, S. 56-80).

Während die ausländische ‚Konkurrenz“ opferreich scheiterte (England s. Kapitel 4: „Das englische Luftimperium“, S. 81-101, USA s. Kapitel 6: „Vom Pech verfolgt“, S. 124-139), fuhren deutsche Zeppeline bald Ziele an, die von den zeitgenössischen Flugzeugen noch lange nicht erreicht werden konnten. Luxuriös untergebrachte (und betuchte) Passagiere überquerten den Atlantik in Luftschiffen, die Ziele in den USA und in Südamerika im Direktflug ansteuern (Kapitel 5: („Globetrotter“, S. 102-123).

Der Erfolg gipfelte im Bau des Luftschiff-Giganten „Hindenburg“ (Kapitel 7: „Das Traumschiff“, S. 140-171). Es fuhr zuverlässig zwischen Deutschland und den USA hin und her, trug aber Hakenkreuz-Embleme und warb für das Nazi-Regime. Der Absturz der „Hindenburg“ (Kapitel 8: „‚Oh, die Menschheit …‘“, S. 172-193) und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bedeutete das Ende der kommerziellen Luftschifffahrt (Kapitel 9: „Nach dem Absturz“, S. 194-209). Das Flugzeug zog technisch an den allzu empfindlichen Riesen vorbei, die zwar niemals verschwanden, aber zu einem Nischendasein verdammt blieben (Kapitel 10: „Schwungvoll in die Zukunft“, S. 210-223).

Wracks und ihre Geschichten

Journalist Rick Archbold hatte Glück, als er den Tiefsee-Tauchpionier Robert D. Ballard bei dessen erfolgreicher Suche nach dem Wrack der 1912 im Nordatlantik gesunkenen „Titanic“ begleitete. Das von dem Duo veröffentlichte Buch wurde ein Bestseller, was nicht nur am Thema, sondern auch an den großartigen Bildern des Malers Ken Marshall lag, der anschaulich und großformatig illustrierte, was Fotos nicht wiedergeben konnten.

Das Team fand - in unterschiedlicher ‚Besetzung‘ - noch mehrfach zusammen, um ähnlich konzipierten Sachbüchern (u. a. „The Discovery of the Bismarck“; 1990, dt. „Die Entdeckung der Bismarck”, „The Lost Ships of Guadalcanal”; 1993, dt. „Versenkt im Pazifik: Schiffsfriedhof Guadalcanal”, „Lost Liners”; 1997, dt. „Lost Liners: Von der Titanic zur Andrea Doria - Glanz und Untergang der großen Luxusliner”) mit knappen, aber informationsträchtigen Texten zu veröffentlichen, die mit zeitgenössischen Fotos sowie großformatigen, eigens für diese Bände entstandenen Bildern und Zeichnungen eine vorbildliche Einheit eingingen.

Vom Wasser erhoben sich Archbold und Marshall in die Lüfte, als sie 1994 ein  entsprechend opulentes Werk über das Luftschiff „Hindenburg“ präsentierten. In gewisser Weise lag dies nahe, denn Luxusliner, Kriegsschiffe und Luftschiffe gleichen sich - aufgrund ihrer enormen Erscheinung, des nachdrücklichen Eindrucks, den sie bei ihren Zeitgenossen hinterließen, ihres oft tragischen Scheiterns und der Mythen, die sich um sie ranken.

Freundliche Giganten der Luft

Luftschiffe sind märchenhaft. Mehr als ein Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg ist ihr Einsatz als tückische Waffe weitgehend vergessen. Geblieben ist die (scheinbare) ‚Erinnerung‘ an riesige Fahrzeuge, die schwerelos über den Himmel schwebten und ein Ideal des Fliegens repräsentierten, dem die winzigen, lärmenden, unscheinbaren Flugzeuge viele Jahre nicht gerecht werden konnten.

„Luftschiff Hindenburg“ fasst das kurze, aber im Rahmen einer Geschichte des (menschlichen) Fliegens wichtige Kapitel der Luftschifffahrt mustergültig zusammen. Die „Hindenburg“ dient dabei als ‚Aufhänger‘; ihre letzte Fahrt rahmt die Darstellung ein. Jederzeit auf die Information konzentriert, aber inhaltlich keineswegs nur eine  ‚Ergänzung‘ des reichen Bildmaterials, führt der Text zurück in die ‚wilden‘ Jahre der bemannten Fliegerei, die vom Prinzip „Versuch & Irrtum“ geprägt waren, was für entsprechende Zwischenfälle sorgte. Dass die Luftschifffahrt in Deutschland ihren Durchbruch erlebte, wird mit dem Blick auf die Persönlichkeit des Grafen Zeppelin, aber auch im Hinblick auf die historische Gesamtsituation seiner Ära verdeutlicht.

Der Kriegseinsatz der Zeppeline wird ebenso sachlich dargestellt wie die von falschem Nationalstolz und Lernresistenz gezeichnete Luftschiff-Historie der deutschen Konkurrenten, wobei Archbold die Fehler der Briten und US-Amerikaner in den Vordergrund stellt, aber auch andere Nationen (beispielsweise den italienischen Luftschiffer Umberto Nobile und seine gescheiterte Fahrt zum Nordpol) nicht vergisst.

Hochmut kommt vor dem Knall

Die „Hindenburg“ markierte sowohl den Höhepunkt der historischen Luftschifffahrt als auch ihr Ende, weshalb sie in gleich drei Kapiteln ins Zentrum gestellt wird. War dieses Buch schon bisher ein Füllhorn ausgezeichneter = aussagekräftiger Fotos, Bilder und Zeichnungen, steigert sich dies noch einmal, wenn u. a. das Innere der „Hindenburg“ im Anschnitt gezeigt wird: Die entsprechende Doppelseite lässt sich aufklappen, wodurch diese Risszeichnung die Maße 20 x 90 cm erreicht und jedes Detail offenlegt! Ken Marshall ergänzt dort, wo zeitgenössische Fotos fehlen, den Text durch fotorealistische Farbbilder.

„Luftschiff Hindenburg“ ist kein simples „Coffeetable Book“, das man in seiner Wohnung dort auffällig ‚herumliegen‘ lässt, wo es Besuchern den Interessenhorizont des Gastgebers demonstrieren soll. Tatsächlich gibt es weiterhin kein Sachbuch, das dem Thema so eindrucksvoll gerecht wird - und dies, obwohl das Finale dramatisch und der Epilog ebenso lang wie kläglich ist, denn Archbold dokumentiert auch die von vergeblichen Neuanfängen und der Suche nach Einsatznischen geprägte Luftschiff-Historie nach 1945. Umso erfreulicher ist die kostengünstige antiquarische Präsenz vor allem der hierzulande 2003 in ursprünglicher Pracht neu veröffentlichten Neuausgabe!

Aufgrund des Erscheinungsjahrs (1994) fehlt diesem Buch ein ebenso spannendes wie trauriges Kapitel, das sonst sicherlich Eingang gefunden hätte: 1996 gründete sich die deutsche „CargoLifter AG“, die ein Luftschiff entwickeln, bauen und betreiben wollte, das 160 Tonnen Last 10000 Kilometer weit transportieren sollte. Bund, Land und vor allem Privataktionäre pumpten in den nächsten Jahren eine dreistellige Millionensumme in das Projekt, das jedoch durch ständige Verzögerungen und Kostensteigerungen für Aufsehen sorgte. Gebaut wurde 2000 (in Brandenburg) nur die Werfthalle als größtes freitragendes Gebäude der Welt, bevor „CargoLifter“ 2006 in die Insolvenz ging; das angekündigte Luftschiff existiert nur als Animation.

Fazit:

Ebenso informationskonzentriert wie üppig bebildert stellt dieses Sachbuch meisterhaft das kurze, aber turbulente Kapitel der Luftschifffahrt dar. Das aufwändige Layout ist kein Selbstzweck, sondern unterstützt die Darstellung, die reale Historie in spannende Unterhaltung verwandelt: ein Meisterwerk auch des Buchdrucks!

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