Inspirierende Einblicke ins Leben und Wirken einer Ikone.
Sie ist eine Legende der Leinwand, des Fernsehens und der Bühne: Liza Minnelli hat die amerikanische Populärkultur mitgeprägt wie kaum eine zweite Künstlerin, und das bereits seit mehreren Jahrzehnten. Eine Autobiografie hingegen stand lange nicht auf ihrem Programm. „Du kannst alles aufschreiben, wenn ich tot bin“, soll sie ihrem langjährigen Freund und Begleiter Michael Feinstein gesagt haben. Doch nicht zuletzt eine jüngere Kontroverse bei der Oscarverleihung 2022 hat sie zum Umdenken bewogen und den Wunsch geweckt, auszupacken – ehrlich, ungeschönt, mit allen Höhen und Tiefen …
‚Life keeps happenin‘ every day – Say yes. When opportunity comes your way, you can’t start wonderin‘ what to say. You’ll never win if you never play – say yes!‘
Liza Minnelli wurde 1946 in L.A. als Tochter des Regisseurs Vincente Minnelli und der berühmt-berüchtigten Sängerin Judy Garland geboren. Der Hang zum Singen, Schauspielen und Performen ist ihr also in die Wiege gelegt worden. Garland, die mit gerade einmal 17 Jahren durch ihre Rolle der Dorothy in Der Zauberer von Oz zum Star wurde, war durch die erbarmungslose Hollywood-Maschinerie selbst stark geschädigt worden, was zeitlebens zu psychischen Problemen führte, die auch an Liza nicht spurlos vorübergingen. So berichtet sie von ihrem lebenslangen Kampf gegen die Tabletten- und Alkoholabhängigkeit einschließlich zahlreicher Klinikaufenthalte, aber auch von ihrem beherzten Einsatz für andere Betroffene. Neben alldem weiß sie aus ihrer Kindheit schöne Szenen zu berichten und sich dankbar für ihre Prägungen und die Unterstützung ihrer Eltern zu zeigen. Wie ihre Mutter ist Liza später auch für die queere Community ein Eckpfeiler geworden.
Ein Besuch des Golden-Age-Broadway-Musicals Gypsy mit Ethel Merman war es schließlich, der Liza klarmachte, dass es auch für sie keinen anderen Karriereweg geben konnte. Nach verschiedensten Ausbildungsstationen gelang ihr 1965 der große Durchbruch mit der Hauptrolle in der Broadway-Show Flora the Red Menace, durch die sie mit gerade einmal 19 Jahren zur jüngsten Tony-Award-Gewinnerin avancierte. Das Vorsprechen konnte sie durch ihre Performance von Maybe This Time entscheiden, welche das Songwriting-Duo John Kander und Fred Ebb tief beeindruckte, was eine langjährige fruchtbare Kollaboration nach sich zog.
Immer auf der Suche nach neuen Projekten spielte sich Minnelli durch zahlreiche Film- und Bühnenrollen. Doch nichts sollte ihr Image so sehr zementieren wie ihre Rolle der Sally Bowles in der Filmfassung des subversiven Musicals Cabaret. Während die Stuhlnummer Mein Herr sicher ewig unvergessen bleibt, nahmen Kander und Ebb ihretwegen auch Maybe this Time in den Film mit auf, der in der ursprünglichen Bühnenfassung nicht enthalten war. Die Arbeit mit dem Regisseur des Films, dem einzigartigen, aber eigenwilligen Choreographen Bob Fosse, erwies sich als nicht immer leicht. Das Ergebnis allerdings spricht für sich.
‚Happiness comes in on tip-toe. Well whaddya know. It’s a quiet thing‘
Während Minnelli mit dem Fernsehspecial Liza with a Z, Konzerten, Bühnenauftritten und Filmrollen trotz Rückschlägen praktisch immer künstlerisch aktiv war, sah es in ihrem Privatleben nicht immer rosig aus. Keine ihrer Ehen sollte halten. Der Entertainer Peter Allen, den sie 1967 heiratete, blieb ihr nach der Scheidung zwar freundschaftlich verbunden, aufgrund seiner von Liza akzeptierten Homosexualität war jedoch mehr oder minder von vorneherein klar, dass die Verbindung unter keinem guten Stern stand. Ihre zwischenzeitliche Liaison mit Peter Sellers war von dessen Persönlichkeitsstörung überschattet. Auch die Ehen mit Filmproduzent Jack Haley Jr. und Mark Gero gingen in die Brüche. Als größten Fehler ihres Lebens beschreibt sie ihre jüngste Ehe mit Musikproduzent David Gest, der sie vereinnahmte und ausnutzte, was zu einer spektakulären Trennung führte. Vielleicht war Liza insgesamt zu freiheitsliebend für ein klassisches Hochzeit-Kinder-Familie-Modell, kann sich aber zahlreicher romantischer Abenteuer rühmen und sieht ihr Leben aber durch zahlreiche lebenslange Freundschaften – z.B. zum Allroundtalent Kay Thompson sowie zum erfolgreichen Sänger Michael Feinstein, aber auch zu Größen wie Frank Sinatra, Michael Jackson oder Liz Taylor – bereichert und erfüllt.
Mittlerweile 80 Jahre alt, hatte Minnelli in den letzten Jahren mit zahlreichen gesundheitlichen Problemen und Operationen zu kämpfen. Ein Leben auf der Bühne fordert eben seinen Tribut. Sie genießt die neu gewonnene Ruhe. Als Fazit gibt sie sich nach allen Auf und Abs jedoch unbeirrt zufrieden mit ihrem Leben – und wird sicher bis zu dessen Ende Kunstschaffende bleiben.
‚I understand the follies of youth, but it’s so nice to make friends with the truth. And I’m so glad I’m not young anymore‘
Liza Minnelli hat schon immer durch ihre sprudelnde, lebenslustige, teils fast kindlich-naive Persönlichkeit fasziniert, die auch in ihrer Arbeit einen Großteil ihres Charmes ausmacht. Auch ihre Memoiren sind so verfasst, wie man sie sich vorstellt. Das macht das Lesen ihres Lebensweges äußerst nahbar, wenn man sich auch gelegentlich fragt, ob sie das ein oder andere nicht zu sehr verklärt. Tatsächlich kommt dieser Stil auch in der manchmal etwas holprigen Übersetzung hier und da zu forciert rüber. Dennoch finden Tiefschläge wie Höhepunkte darin Platz, neben zahlreichen Fakten, die sicher auch für eingefleischte Fans einen frischen Blick auf Liza eröffnen dürften. Besondere Faszination geht von den Einblicken hinter die Kulissen des Entertainment-Betriebes aus. Immer wieder wird man in der zwar chronologischen, aber teils doch sehr atemlosen Erzählung über hochkarätige Events und Namen stolpern und plötzlich die Menschen hinter der Kunst zu erkennen glauben.
Abgerundet wird das Buch durch 2 aus Minnellis persönlichem Fundus ausgewählte, umfangreiche Bildteile, die sich jeweils auf ihre frühere Karriere respektive ihre späteren Jahre konzentrieren und anregende Einblicke ergänzen.
Fazit
Kids, Wait Till You Hear This ist exakt das, was man von einer Autobiografie von Liza Minnelli erwartet. Wie immer bei diesem Buchtyp sollte man nicht alles für bare Münze nehmen und sich einen kritischen Blick auf die geschilderten Personen und Ereignisse bewahren. Am Ende sind Memoiren aber eben so angelegt, dass sie einen Einblick in das Seelenleben der zentralen Person ermöglichen – und das ist hier auf jeden Fall gegeben. Ein Blick hinter die Kulissen des Showgeschäfts und eine inspirierende Reise durch das Leben einer Ikone!

Michael Feinstein, Liza Minnelli, Heyne


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