Lieben am Limit

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Kathrin Walther
9101

Sachbuch-Couch Rezension vonJul 2026

Wissen

Das Buch wechselt zwischen persönlicher Erfahrung und Blöcken mit Fachwissen, die dem aktuellen Stand entsprechen.

Ausstattung

Das Buch beinhaltet viele Checklisten, Formulierungshilfen, Anregungen und praktische Abschnitte, die im Alltag mit ADHS-Kind weiterhelfen.

Neben viel Fachwissen tiefe Einblicke in ein Familienleben mit ADHS.

Als Mutter zweier Söhne mit ADHS weiß Nadine Ising, was der Titel ihres Buches „Lieben am Limit“ bedeutet. Zwei Kinder großzuziehen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen und durchs Raster fallen, hat Spuren bei ihr hinterlassen. Aus ihren Erfahrungen als Mutter aber auch mit ihrem Fachwissen als Sonderpädagogin ist schließlich ein kompaktes Werk für betroffene Eltern, Pädagogen und Therapeuten entstanden, in dem sie von ihrem steinigen Weg mit ihren Jungs berichtet. Neben persönlichen Erfahrungen enthält ihr Buch zusätzlich viele praktische Tipps, eine Menge Fachwissen sowie Checklisten, die vor allem anderen Eltern durch schwierige Zeiten helfen.

Wenn Vorstellung auf Wirklichkeit trifft

In der Schwangerschaft kann man die Ankunft des neuen Familienmitglieds oft kaum erwarten. Man stellt sich vor, wie das Leben mit Baby und Kind später sein wird. Oft freut man sich auf Babykurse, gemeinsame Zeit im Café mit Freunden und Playdates mit glücklichen Kindern. Kommt dann die Kindergartenzeit, werden die Kinder langsam unabhängiger und man selbst bekommt wieder mehr Freiraum für persönliche Pläne, was sich mit Eintritt in die Schule noch einmal erhöht. Der Alltag mit ihren beiden Söhnen hat bei Nadine Ising nur sehr wenig mit dieser Vorstellung gemeinsam und kollidiert mit der harten Realität: Schreibabys, die sich das erste Jahr kaum beruhigen lassen. Kinder, die nicht ins System Kita passen, dort immer wieder anecken und keinen Anschluss finden. Später dann regelmäßige Anrufe aus der Schule, die für beide Jungen zur Qual wird. Freunde und Bekannte, die sich von ihr abwenden anstatt Verständnis aufzubringen oder vielleicht sogar Hilfe anzubieten. In ihrem Prolog „Geplatzte Träume“ sind es genau diese Punkte, die Ising anspricht und die wahrscheinlich viele Eltern eines Kindes mit ADHS kennen.

In den folgenden Kapiteln nimmt die Autorin ihre Leser*innen mit auf eine Reise, in der sie beginnend mit den „Baby- und Kleinkindjahren“ über das „Kindergarten und Vorschulalter“ ihren Weg bis zur „Diagnose“ beschreibt. Trotz Diagnose wird vor allem die „Schule“, um welche es im 4. Kapitel des Buches geht, zu einer neuen Zerreißprobe für die gesamte Familie. Auch das Leben zuhause bleibt geprägt von Chaos, Krisen und Streit. Was ihre Kinder in der Schule nicht mitbekommen, versucht Ising mühsam mit ihnen nachzuarbeiten. Eine Therapie folgt der nächsten, sodass die Nachmittage von langen Fahrten gefüllt sind. Untereinander kommt es ständig zu großem Streit unter den Brüdern, der unter anderem im 5. Kapitel mit dem Thema „Geschwister“ zur Sprache kommt. Dass bei Ising ein „Burnout“ folgt, den sie im nächsten Abschnitt thematisiert, wundert da wenig, dabei folgen die harten Jahre im Abschnitt „Jugend“ erst noch. Spätestens in ihrer Beschreibung dieser Zeit wird klar, was mit „Lieben am Limit“ gemeint ist. Mit dem Kapitel „Junge Erwachsene und Gedanken zum Schluss“ endet das Buch dann glücklicherweise doch mit einem Hoffnungsschimmer, da beide Kinder einen Weg gefunden haben, ihr Leben zu meistern und beruflich Fuß zu fassen. Im Epilog „Neben der Spur – aber auf dem Weg“ fasst die Autorin noch einmal gut zusammen, wie sich das Leben ihrer Söhne durch die ADHS gestaltet. Ein ausführlicher Anhang mit kompaktem Wissen, Checklisten, Strategien und Hilfen rundet das Buch ab.

Ein Leben abseits der Norm

Wer eine unsichtbare Behinderung oder Einschränkungen mit sich trägt, stößt in der Gesellschaft oft auf wenig Verständnis. Auch Familien mit Kindern und/oder Eltern mit ADHS können ein Lied von wenig hilfreichen Kommentaren oder Erwartungen singen. „Gib dir mehr Mühe“, „Konzentrier dich endlich mal“, „Sitz still“ oder „Hör auf zu zappeln“ sind nur einige der Ermahnungen, die betroffene Kinder täglich zu hören bekommen, während ihren Eltern unterstellt wird, ihren Kindern keine Grenzen zu setzen oder Fehler in der Erziehung zu machen. ADHS als Ursache wird dann gerne als „Modediagnose“ oder als einfache Entschuldigung für Erziehungsfehler abgeschmettert, während sich Bekannte und Freunde abwenden und das Kind von anderen Kindern gemieden und zum Außenseiter wird. Nadine Ising trifft in ihrem Buch auf den Punkt, wie sich betroffene Familien fühlen. Sie kennt das Gefühl, gemieden und den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden,  ständig in Alarmbereitschaft zu sein, welche Krise als nächstes kommt, um die vorherige abzulösen.

Durch ihre jahrelange Erfahrung als Mutter und ihr Wissen als Sonderpädagogin hat sie zu den verschiedenen Entwicklungsphasen viele Tipps und liefert wertvolles Hintergrundwissen. Schritt für Schritt nimmt sie ihre Leser an die Hand und auch wenn es eine Lösung im eigentlichen Sinne nicht gibt, zeigt sie mögliche Wege auf, die im Umgang mit betroffenen Kindern helfen können. Kompakte Checklisten bieten Unterstützung im Umgang mit Schule oder dem sozialen Umfeld und zeigen, welche Hilfsmöglichkeiten es gibt oder wie sich mit bestimmten Situationen umgehen lässt.

Ihr Glaube spielt für die Autorin in ihrem Leben eine so entscheidende Rolle, dass sie ihm auch im Buch immer wieder Platz einräumt. Auch wenn sie den engen Strukturen und Erwartungen ihrer Gemeinde an ein harmonisches Familienleben mit angepassten Kindern zunehmend kritisch gegenübersteht, findet sie in Gott dennoch viel Halt, was in vielen Stellen im Buch deutlich wird. Leser*innen, die keinen Bezug zur Religion haben, sollten sich dieser Abschnitte vorab bewusst sein, sie lassen sich jedoch auch überspringen und ändern nichts am fachlichen Teil des Buches.

Erst durch ihren Burnout ist Ising klar geworden, wie sehr ihre eigenen Bedürfnisse immer mehr in den Hintergrund gerückt sind, da die ADHS ihrer Söhne und ihr Anspruch zu funktionieren keinen Raum für Selbstfürsorge gelassen haben. Immer wieder macht sie im Buch auf die hohe Gefahr für betroffene Eltern aufmerksam, selbst in diese Spirale zu rutschen, aus der sie nur mit Hilfe und viel Anstrengung wieder herausgefunden hat. Unter der Überschrift „Jetzt du!“ lässt sie immer wieder Anregungen für Alltagspausen oder Selbstfürsorge einfließen, um sich selbst nicht zu vergessen. Mal regt sie zum Reflektieren ein oder macht auf Hilfemöglichkeiten aufmerksam, um anderen Eltern ihre Erfahrungen zu ersparen. Positive Lichtblicke liefern die Texte unter der Überschrift „Ein Quäntchen Glück“, in denen sie die positiven und glücklichen Momente mit ihren Kindern hervorhebt, die im stressigen Alltag schnell untergehen können. Sie macht deutlich, dass man sich diese immer wieder bewusst machen muss, um aus ihnen Kraft schöpfen zu können.

Steht man in seiner ADHS-Reise noch relativ am Anfang, kann das Buch anstatt zu entlasten jedoch auch etwas Angst machen. Nadine Ising beschreibt Schulzeit und Pubertät ihrer Söhne ohne Filter. Man leidet mit ihren Söhnen, die nicht ins System passen und dies immer wieder von allen Seiten gespiegelt bekommen. Vor allem Isings Ängste um ihre Kinder, sich durch Alkohol und Substanzmittelmissbrauch oder durch risikofreudiges und lebensgefährliches Verhalten in Gefahr zu bringen, sind nicht einfach zu lesen, da man sich als Eltern nur zu gut in ihre Sorgen hineinversetzen kann, mitfühlt und hofft, irgendwann nicht selbst an ihrer Stelle zu stehen.

Fazit

Nadine Ising macht mit ihrem Buch deutlich, dass der Weg mit einem ADHS-Kind oft nicht so ist, wie man ihn sich vorgestellt hat und viele Umwege enthalten kann, was es umso wichtiger macht, den positiven Blick aufs Kind nicht zu verlieren, um es bestmöglich auf seinem Weg ins Erwachsenenleben begleiten zu können. Gleichzeitig zeigt sie, wie wichtig es ist, dabei auch auf sich selbst zu achten und Hilfe anzunehmen, um sich auf diesem oft steinigen Weg nicht völlig aufzureiben.

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