In eurem Schatten beginnt mein Tag

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Carola Krauße-Reim
6

Sachbuch-Couch Rezension vonNov 2022

Wissen

Keine neutrale Erörterung der Frage und Kapitel und Einzelheiten, die irrelevant sind

Ausstattung

Eine Liste von „Adressen und Anlaufstellen“ und eine Bibliografie ergänzen den Text

Eine steinige Identitätssuche

Es gibt viele Berichte von Nachkommen der Shoah. Von den nachfolgenden Generationen der Nationalsozialisten des Dritten Reiches kann man allerdings kaum etwas lesen. Doch geistiges Gedankengut, seelische und körperliche Verletzungen, die Einfluss auf Folgegenerationen haben konnten, gibt es auf beiden Seiten. So war ich sehr gespannt auf das vorliegende Buch, indem die Journalistin Veronika Frenzel ihrer Familienbiografie nachgeht, um darin die Gründe für ihr eigenes Denken und Handeln zu finden.

Eine Gebrauchsanweisung zur Lektüre vorweg

Seit die Gender-Debatte entbrannt ist, gibt es nicht nur unterschiedliche Auffassungen dazu, sondern auch mehr als genug Möglichkeiten des geschlechtsneutralen Ausdrucks. Das allerdings führt nicht unbedingt zu einer guten Lesbarkeit der Texte. Daher wird mittlerweile schon teilweise mit dem Hinweis auf eine neutral anzusehende Ausdrucksweise auf das Gendern verzichtet. Nicht so bei Veronica Frenzel. Auf zwei Seiten beschreibt sie akribisch und fast schon juristisch anmutend, wie sie gegendert hat; warum sie manches Groß schreibt, anderes aber klein und kursiv; dass sie das N-Wort nie ausschreibt und „keine rassistischen Fremdbezeichnungen etwa für Sinti*zze und Rom*nja“ benutzt; wann sie das generische Maskulinum und Femininum gebraucht; wann sie die doppelten Pronomen er*sie benutzt und zeigt gleich auch, dass sie es bei dem Genitiv ebenfalls beide Geschlechter gebraucht. Schon diese „Vorbemerkung“ lässt die Lesbarkeit des Textes erahnen.

Eine Reise, die schwer war

In Frenzels Familie war die Zeit des Dritten Reiches nie direktes Thema. Als sie bei sich ungeahnten Rassismus bemerkt, begibt sie sich auf den Weg zurück in ihre Familienbiografie und findet NS-Gedankengut, einen Großvater, der bei der SS war und mehr als eine unwahre Legende. Frenzel versucht die Auswirkungen davon auf ihr eigenes Leben herauszufinden. Der Weg zu Erkenntnissen war schwer, denn immer wieder stellt sie alles in Frage und eckt mit ihren Vorwürfen an vielen Stellen an. Sie stellt fest, dass Rassismus viele Gründe und viele Gesichter haben kann, bevor sie merkt, dass ihre gewollte Aufgeschlossenheit auch manchmal genau das Gegenteil bewirkt und vielleicht dem Gegenüber anbiedernd erscheint.

Manche Kapitel erscheinen irrelevant

Neben ihrer Recherche zur Vergangenheit ihrer Familie baut Frenzel immer wieder Passagen ein, in denen uns Großvater oder Oma aus ihrer Sicht am Leben teilnehmen lassen. Die Kapitel sind natürlich rein fiktiv, denn die Autorin kann nur aus ihrer beschränkten Kenntnis und aus ihren persönlichen Annahmen heraus beschreiben, was nie ausgesprochen wurde, was wiederum den Inhalt absolut irrelevant macht. Irrelevant sind auch die Erwähnung unendlich vieler Joints, die geraucht, oder Zigaretten, die gedreht wurden, und der Umgang Frenzels mit ihrer Monatshygiene. Das hat meiner Meinung nach in einem Sachbuch nun wirklich nichts zu suchen.

Neue Schubladen werden geöffnet

Der Gedanke, dass wir rassistisches Gedankengut ahnungslos übernommen haben könnten, ist erschreckend und die Frage, ob es so ist und woher dieses dann kommt, ist enorm spannend. Doch Frenzel scheint manchmal über das Ziel hinaus zu schießen, indem sie jede Äußerung, jedes Wort und jede Handlung hinterfragt und in vielem Rassismus sieht. Das führt zu einem Neutralitätsverlust und teilweise absurden Behauptungen. Wenn z.B. eine Frau schon negative Erfahrungen mit einer bestimmten Gruppe Männern gemacht hat, kann man wohl kaum von Rassismus reden, wenn sie diesen fortan aus dem Weg geht.

Frenzel verdächtigte während ihrer Recherche lange Zeit Jede und Jeden, die eigene Familiengeschichte ungefragt hinzunehmen und implizierte damit Rassismus und einen unbedingten NS-Hintergrund in jeder Biografie. Ohne den Einzelnen zu betrachten, öffnete sie damit neue rassistische Schubladen. Zwar hat sie im Laufe ihres Weges manches revidiert, doch eine differenziertere Betrachtungsweise hätte ich mir von Anfang an gewünscht. So war dieses Buch eigentlich eine Enttäuschung. Während ich mir einen sachlichen Umgang mit den prägenden Wurzeln erhofft hatte, musste ich lesen, wie alles ins Negative gestellt wurde - ohne auch nur den Versuch einer Neutralitätswahrung zu starten – doch vielleicht ist diese Sicht auch schon wieder rassistisch.

Adressen für eigene Recherchen

Was man allerdings auf jeden Fall als Erkenntnis aus dem Buch mitnehmen kann, ist die Aufforderung die eigene Familienhistorie zu hinterfragen und einzutauchen in die familiäre Geschichte während des Dritten Reiches. Im Anhang liefert Frenzel zahlreiche „Adressen und Anlaufstellen“, die bei dieser Recherche hilfreich sein könnten und eine Bibliografie der Bücher, die sie während ihrer Suche gelesen hat und die teilweise auch im Text erwähnt werden.

Fazit

Ein Thema, das unbedingt in unsere Zeit gehört. Allerdings ist die Art, wie die Autorin damit umgeht wenig hilfreich und der in jeder Hinsicht geschlechtsneutral verfasste Text wenig flüssig lesbar.

In eurem Schatten beginnt mein Tag

, Goldmann

In eurem Schatten beginnt mein Tag

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