Ich bin Dynamit

Erschienen: März 2020

Couch-Wertung

10
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Sue Prideaux hat sich mit akribischer Recherche und tiefgehender Analyse der Werke des großen deutschen Denkers des 19. Jahrhunderts in das Leben von Friedrich Nietzsche eingelesen und daraus eine spannende und lesenswerte Biografie gemacht, die allerdings alles andere als leichte Kost ist.

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Ausgestattet mit vielen Anmerkungen, einer Zeittafel, Literaturhinweisen und einer kleinen Sammlung ihrer persönlichen Lieblings-Aphorismen von Nietzsche.

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Andreas Kurth
Ein kolossales Werk

Sachbuch-Rezension von Andreas Kurth Jun 2021

Viele von uns kennen den einen oder anderen Aphorismus von Friedrich Nietzsche, ohne sich dessen bewusst zu sein. So mancher “Spruch” wird da im Alltagsleben rausgehauen, ohne sich der Urheberschaft des geheimnisvollen Philosophen bewusst zu sein. Sue Prideaux hat sich mit akribischer Recherche und tiefgehender Analyse der Werke des großen deutschen Denkers des 19. Jahrhunderts in das Leben von Friedrich Nietzsche eingelesen und daraus eine spannende und lesenswerte Biografie gemacht, die allerdings alles andere als leichte Kost ist. Zu eng ist Nietzsches Leben auch mit seinen philosophischen Gedanken verwoben, die man nun wahrlich nicht als geradlinig bezeichnen kann.

Friedrich Nietzsche hatte eine enge Beziehung zu seinem Vater, der allerdings wenige Wochen vor dem fünften Geburtstag des Sohnes stirbt - an Gehirnerweichung, wie es damals diagnostiziert wurde. Das Thema erbliche Krankheiten sollte in Nietzsches Leben dann eine große Rolle spielen, er selbst ist auch nur 56 Jahre alt geworden, die letzten zehn davon verbrachte er in völliger geistiger Umnachtung und in der Obhut seiner Schwester.

Von der Elite-Schule ins wechselhafte Studentenleben

Als Schüler bekommt er einen Platz an der erhofften Elite-Schule, es folgt ein wechselhaftes und stürmisches Studentenleben. Ihm wird quasi ein Doktor-Titel “geschenkt”, damit er die angebotene Philologie-Professur in Basel annehmen kann. Akademisch also eine scheinbar steile Karriere, die allerdings nach einigen Jahren eher im Nichts endet. Nietzsche wird dann einige Jahre eine Pension der Universität Basel bekommen, seine Lehrtätigkeit hat, wie von Prideaux geschildert, einen eher unterdurchschnittlichen Verlauf genommen.

Dafür geht es abseits der ungeliebten Philologie schon früh in philosophische Höhen. Nach einer kurzen Bekanntschaft mit Richard und Cosima Wagner in der Heimat, ist Nietzsche froh, dass Tribschen, das geheimnisumwobene Domizil des großen Komponisten, in der Nähe von Basel liegt. Er wird dort zum ständigen Gast, bekommt sogar dauerhaft ein eigenes Zimmer zugewiesen.

Wenn es in der Biographie um Nietzsches Besuche bei Wagner geht - ob in Tribschen oder später in Bayreuth - nimmt die Schilderung das Format von gehobenem Promi-Klatsch an. Ich muss gestehen, für mich waren diese Abschnitte eine höchst vergnügliche Lektüre.

Das Thema der werdenden Gottheit und des gottesnahen Wahnsinns als Eintrittskarte in die Welt der Götter zieht sich durch das ganze Leben und Denken von Nietzsche, Hölderlin und Empedokles. Als 17-jähriger Schüler an einem der angesehensten deutschen Lehrinstitute, das sich der Pflege olympischer Vernunft und Klarheit verschrieben hatte, erkundete Nietzsche den Gedanken emanzipatorischen Irrsinns und die Beweiskraft des Irrationalen.

Das Denken von Friedrich Nietzsche drehte sich von Beginn an um Religion, Wissenschaft, und das Verhältnis der beiden zueinander. Sein philosophisches Werk, das nie zu einer eigenen “Schule” im engeren Sinne wurde, entwickelte er in zuerst kleinen Stücken, später wurden es dann größere Sprünge. Aufsätze, Vorträge, irgendwann Bücher - eine große Leserschaft war Nietzsche zu Lebzeiten eher nicht vergönnt, wie Prudeaux feststellt.

Prägend in vielerlei Hinsicht war wohl auch Nietzsches Einsatz im Deutsch-Französischen Krieg 1870. Er erkrankte unter anderem an der Ruhr und erlitt eine offenbar irreparable Darmschädigung, an deren Folgen er bis ans Lebensende litt. Überhaupt haben sich Krankheiten und schlechte Gesundheit wie ein roter Faden durch das Leben des Philosophen gezogen - bis hin zu einem völligen Verfall im letzten Lebensjahrzehnt.

Während seines gesamten Lebens hatte Nietzsche immer verlässliche Freunde um sich, die ihm bei der Abfassung seiner Bücher halfen, als seine Sehfähigkeit zusehends schwand, oder ihm in anderer Form zur Seite standen. Sein mehr als inniges Verhältnis zu Richard und Cosima Wagner prägte lange seine Beziehungen zu anderen Menschen, bevor es irgendwann zu ersten Risse kam, die schließlich in einem kompletten Bruch endeten. Diese und andere Beziehungen werden von Prudeaux eingehend geschildert, dafür hat die Autorin offenbar überaus langwierige Recherchen unternommen.

Nietzsche selbst sah in “Also sprach Zarathustra” sein bedeutendstes Werk, und trotz oder gerade wegen seiner mystischen Komplexität wurde es auch sein beliebtester Text, wobei es ihm zu Lebzeiten keinerlei Anerkennung eintrug. Zarathustra entwickelt die Schlüsselthemen seiner gereiften Philosophie: ewige Wiederkunft, Selbstüberwindung und die Wandlung zum Übermenschen durch flammende, wenn auch rätselhafte Visionen, die unser selbstständiges Denken herausfordern.

Die Rezeption seiner Werke und seines Denkens begann während seiner Wanderjahre, nachdem Georg Brandes damit begann, in Kopenhagen Vorlesungen über die Bücher und Ideen von Nietzsche zu halten. Bewusst hat der Philosoph diese Anerkennung nur noch kurze Zeit genießen können.

Als geradezu tragisch ist das Verhältnis zu seiner Schwester Elisabeth zu betrachten, das irgendwann ständigen Schwankungen unterlag. Nachdem Nietzsche dem Wahnsinn verfiel und in eine Nervenheilanstalt kam, übernahm seine Schwester die Regie. Seine letzten Jahre verbrachte er hilflos in ihrer Obhut, während Elisabeth mit dem Aufbau des Nietzsche-Archivs bereits die Deutungshoheit über seine Biografie und teilweise auch über seine Werke übernahm. Da aber nicht alle seine Freunde ihre erhaltene Korrespondenz dem Archiv aushändigten, konnten spätere Forscher - so auch die Autorin - das Bild des Lebens von Friedrich Nietzsche neu und schärfer nachzeichnen.

Fazit:

Die Nietzsche-Biografie von Sue Prideaux ist ohne jeden Zweifel recht schwere Kost. Nicht nur die philosophischen Anklänge und Erläuterungen, sondern auch das Leben dieses so schillernden Philosophen strengt den Leser enorm an. Ausgestattet mit vielen Anmerkungen, einer Zeittafel, Literaturhinweisen und einer kleinen Sammlung ihrer persönlichen Lieblings-Aphorismen von Nietzsche hat die Autorin hier ein kolossales Werk vorgelegt, für dessen Lektüre man sich Zeit nehmen sollte. Es lohnt sich, denn neben viel Wissen, das der Leser aufsaugen kann, wird er oder sie auch bestens unterhalten.

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