Hermann Göring

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Michael Drewniok
8101

Sachbuch-Couch Rezension vonOkt 2025

Wissen

Faktenintensive, aber prägnant auswählend die ausufernde Göring-Vita in den Griff bekommende und die Verbrechen dieses Mannes klar herausarbeitende Biografie.

Ausstattung

35 gut ausgewählte Fotos unterstützen die Textaussagen.

Leutseliger Psychopath und Blender.

Man ‚kennt‘ ihn, den „dicken Hermann“, der in gestellten Filmaufnahmen jovial und wie ein ‚echter‘ Mensch wirkte, wenn man ihn mit den spröden, unnahbaren Nazi-Größen in seinem Umfeld verglich. Er trug gern kurze Lederhosen und pompöse Jagdgewänder, wie er überhaupt für ebenso hochwertige wie geschmacklose Kleidung schwärmte: Görings Sammlung fantasievoll (und großzügig) geschneiderter Operetten-Uniformen war legendär. Er liebte den Luxus, den er nicht versteckte, sondern stolz vorzeigte, wenn ihn wieder einmal Besucher in seinem monumental-monströsen Landsitz „Carinhall“ beehrten. An sämtlichen Wänden prangten alte Meister aus ganz Europa und kostbare Gobelins, den Boden bedeckten edle Teppiche.

Hinter der Maske steckte ein ganz anderer Hermann Göring (1893-1946), den Andreas Molitor von seinem falschen Glanz befreit. Zum Vorschein kommt ein Mensch, der es in Sachen Skrupellosigkeit und Ehrgeiz mit sämtlichen Paladinen, die „Führer“ Adolf Hitler um sich geschart hatte, aufnehmen konnte. Dass er dabei über Leichen gehen musste, war ihm gleichgültig; Molitor zeichnet das Bild eines Soziopathen, dem soziale Tugenden von klein auf ausgetrieben wurden.

Es spiegelt sich das Bild eines Mannes wider, der süchtig nach dem war, was er nie bekommen hatte: Anerkennung und Liebe. Stattdessen ‚lernte‘ Göring, dass er sich Befriedigung notfalls gewaltsam aneignen musste. Auf dem Weg dorthin kam man ihm besser nicht in die Quere, denn Göring scheute vor keiner Niedertracht zurück, um sich an die Spitze zu drängen; so schildert Molitor beispielsweise seinen Zorn, wenn ihm als Kampfflieger im Ersten Weltkrieg ein Luftsieg nicht anerkannt wurde. Er ‚benötigte‘ 20 entsprechende Bestätigungen, um mit einem Orden „Pour le merite“ ausgezeichnet zu werden, den er sich unbedingt anheften wollte; notfalls beanspruchte er die Abschüsse von Kameraden für sich. Der Wille zu Macht und Reichtum überwog Görings politische Überzeugungen, was er durch Skrupel- und Gnadenlosigkeit gegenüber Kritikern und Konkurrenten wettmachte. Ein aktiver Antisemit ist er trotzdem gewesen.

Es ist nie genug

Sein Aufstieg verlief nicht geradlinig. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg sank Göring in die Bedeutungslosigkeit ab, er war rauschgiftsüchtig und erlag überhaupt in Krisenzeiten immer wieder Anfällen von Lethargie. Aber meist kehrte er zurück, wurde in den Jahren und nach 1933 so etwas wie das bürgerliche Aushängeschild der proletarischen (bzw. prolligen) Nazis sowie zum bereitwilligen Vollstrecker für Hitlers barbarische Pläne. Judenverfolgung und Holocaust, der Brutal-Umbau Deutschlands zur Kriegsindustrie, die Hochrüstung einer Luftwaffe, welche dennoch erfolgsarm blieb, weil ihr größenwahnsinniger „Reichs-“ und späterer „Generalfeldmarschall“ keine Ahnung von Technik oder Strategie hatte: Göring reihte Verbrechen und Versagen zu einer endlosen Kette.

Als sich die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg abzeichnete und Görings Bomber und Jäger dem nichts entgegenzusetzen hatten, verlor er an Ansehen, ließ sich von Hitler beschimpfen und zog sich in eine Fantasiewelt zurück, die er mit Prunk, Kitsch und systematisch geraubter Kunst buchstäblich vollstopfte. Er fraß sich einen Wanst an, den selbst der breiteste Gürtel kaum bändigen konnte, und strafte das Propagandabild vom Nazi-Asketen im Dienste des Reiches schon optisch Lügen: Nichts verdeutlicht besser die Gier dieses Mannes, die sich nicht sättigen ließ. Doch Pack schlägt sich, und Pack verträgt sich, weshalb Hitler sich nicht von seinem nutzlos gewordenen Erfüllungsgehilfen trennte - und trennen konnte, weil er den Skandal in der ohnehin auf die Zerreißprobe gestellten „Volksgemeinschaft“ scheute.

Molitor beleuchtet schließlich Görings Schwanengesang vor dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher des „Dritten Reiches“ (1945/46), den er im Wissen um ein sicheres Todesurteil nutzte, um an seinem Bild in den Geschichtsbüchern zu feilen. Er wollte als Held abtreten und nutzte seinen durch den Zwangsentzug von einer Schmerzmittelabhängigkeit wieder erwachten Geist nicht, um sich zu erklären oder gar seine Verbrechen zu gestehen, sondern demonstrierte ungebrochenen NS-Geist im Dienst seiner privaten Rolle in der Weltgeschichte sowie Unwissen oder wenigstens Unschuld in Sachen Völkermord.

Ein Leben im faktendichten Zeitraffer

Molitor ist Journalist, der im Rahmen seiner Studien diverse Unklarheiten und Fehler bezüglich Görings Kindheit und Jugend ausräumen, relativieren oder klären konnte. Generell stützt er sich auf grundsätzliche wissenschaftliche Erkenntnisse; immer wieder verweist er beispielsweise auf die Forschungen des NS-Historikers Peter Longerich. Dieser hat bereits Biografien von NS-Größen (Himmler, Goebbels, Hitler) verfasst, die mindestens doppelt so seitenstark wie dieses Buch ausfielen.

Molitor greift die relevanten Punkte von Görings Leben und Handeln heraus und stellt daraus ein auf die Fakten konzentriertes Gesamtbild zusammen. Er will nicht jede biografische Lücke füllen, zumal es genug Werke gibt, die bereits entsprechende Vorarbeit geleistet haben. Stattdessen thematisiert Molitor Aspekte, die bisher der breiten Öffentlichkeit in dieser Prägnanz unbekannt waren. Dies betrifft vor allem Görings Rolle als Vertreter des Nazi-Rassenwahns. Er vermied es, sich allzu deutlich als dessen Wegbereiter zu zeigen, weshalb man ihn noch im Nachkriegsdeutschland damit weniger in Zusammenhang brachte als beispielsweise den unheimlichen Himmler.

Außerdem war Göring ein ‚praktischer‘ Antisemit: Die Juden sollten im Rahmen der (Kriegs-) Wirtschaft als Arbeitssklaven missbraucht, ihr Besitz sollte unbeschädigt geplündert werden. Die alliierten Ankläger in Nürnberg konnten ihn allerdings eindeutig als „Architekten des Holocaust“ identifizieren; selbst Göring hatte es nicht vermeiden können, seine Unterschrift unter einschlägige Dokumente zu setzen, die seine Schuld schon in den frühen Tagen des Regimes bewiesen.

Molitors Fokussierung auf zentrale = erkenntnisintensive Aspekte und Episoden der Göring-Vita sorgt für Klarsicht. Der ‚volksnahe‘ Hermann, der dank ‚menschlicher Schwächen‘ das Herz der NS-Bürger fand und sich deshalb sogar in die von Bomben zerstörten Städte wagen konnte, ohne von wütenden, betrogenen, verzweifelten „Volksgenossen“ beschimpft oder attackiert zu werden, steht abschließend als ebenso bösartige wie klägliche Gestalt da - dies nicht, weil der Verfasser ihn bloßstellen wollte, sondern deshalb, weil es die pure Wahrheit ist, die nach so vielen Jahren, in denen sich Fakten und Mythen oft unheilvoll mischten, von besonderer Bedeutung ist.

Fazit

Auf bisher in dieser Klarheit oft unbekannte bzw. weniger herausgestellte Aspekte der Göring-Biografie konzentrierte Darstellung, die ansonsten bekannte Fakten rafft. Entstanden ist ein übersichtliches, klar gegliedertes und lesbar geschriebenes Sachbuch, das die Mär vom ‚menschlichen‘ Nazi Göring aufdeckt, ohne dieser Schlupflöcher zu lassen.

Hermann Göring

Andreas Molitor, C.H.Beck

Hermann Göring

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