Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder?

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Michael Drewniok
8101

Sachbuch-Couch Rezension vonJul 2026

Wissen

Fakten- und anekdotendichte Film- und Lebensgeschichte - ein kundiger Blick hinter die Kulissen eines vergangenen Hollywood.

Ausstattung

Leider wurden die zahlreichen Fotos der Erstausgabe vollständig gestrichen, was mehrfach zu Lasten der Textaussage geht.

Bergung einer biografischen Schatztruhe.

Er hat sie (fast) alle überlebt: Während für die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler aus Hollywoods „Goldenem Zeitalter“, das Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre endete, und erst recht für die Regisseure, denen sie ihren Glanz mitverdanken, längst vor dem Millennium in den Zelluloid-Himmel aufgefahren waren, ging es Billy Wilder, geboren 1906 in einem vergessenen Flecken irgendwo in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, weiterhin erstaunlich gut. Zwar ließ Hollywood einen der größten Drehbuchautoren und Filmemacher überhaupt schon seit 1981 keine Filme mehr drehen, doch der bärbeißige Meister sorgte dafür, dass sein Kontakt zur Kinowelt nie gänzlich abriss. Bis zu seinem Tod im März 2002 unterhielt Wilder am berühmten Hollywood-Boulevard ein eigenes Büro, das er täglich aufsuchte, um sich als sein eigener Nachlassverwalter die Zeit zu vertreiben und voller Groll auf die Rechenschieber und Bilanzenreiter zu schimpfen, die seiner Karriere ein unrühmliches und (aus seiner Sicht) vorzeitiges Ende bereitet hatten.

Seit Mitte der 1920er Jahre war Wilder erst Journalist und dann im Filmgeschäft; zunächst in Deutschland, dann nach 1933 - Wilder war Jude und musste vor dem Terror der Nazis flüchten - für kurze Zeit in Frankreich und schließlich in den Vereinigten Staaten, wo er zunächst als Drehbuchautor und dann als Regisseur über vier Jahrzehnte Filmgeschichte schrieb. Die Liste seiner Klassiker ist eindrucksvoll: „Das verflixte siebte Jahr“ (1955) gehört ebenso dazu wie „Manche mögen’s heiß“ (1959), „Das verlorene Wochenende“ (1945), „Das Apartment“ (1960), „Irma la Duce“ (1963) ... Für einundzwanzig „Oscars“ wurde Wilder nominiert, sechs dieser Auszeichnungen hat er gewonnen: eine eindrucksvolle Erfolgsbilanz!

Dass dieser Mann über das Filmemachen eine ganze Menge wusste, lag auf der Hand. Als Wilder das 90. Lebensjahr hinter sich gelassen hatte, wurde es Zeit, dieses Wissen zu dokumentieren. Wilder griff autobiografisch nie zur Feder; er habe nie etwas geschrieben, für das man ihn nicht im Voraus bezahlt habe, ließ er verlautbaren. Außerdem erzählte er viel lieber Geschichten, die nicht unbedingt der historischen Wahrheit entsprachen, aber wunderbar stimmig klangen.

Junger Tropfen höhlt den Stein

Der alte Wilder war - nicht zuletzt aufgrund seiner niemals verwundenen Kaltstellung - ein für Bonmots bekannter, aber schwieriger Interviewpartner. Zur Bitterkeit gesellte sich ein guter Teil Altersstarrsinn. Dumme Fragen - oder was er dafür hielt - reizten ihn, und fehlende Fachkenntnis bei seinem Gegenüber weckte seinen ausgeprägten Sinn für Sarkasmus.

Unter solchen Voraussetzungen war es naturgemäß schwierig, Wilder dazu zu bewegen, sich über seine Jahrzehnte in Hollywood zu äußern. Cameron Crowe unternahm in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre den schwierigen Versuch. Auch er schien rasch zum Scheitern verurteilt zu sein, doch dann setzte sich Wilders Neugier durch: Crowes Werdegang wies erstaunliche Parallelen zur eigenen Karriere auf. Wie er hatte auch Crowe als Journalist (und Mitherausgeber des renommierten „Rolling Stone“-Magazins) begonnen, bevor er sich nach Hollywood begab, um sich dort an der seltenen Kombination Drehbuchautor/Regisseur zu versuchen - mit durchschlagendem Erfolg: Crowes dritter Film („Jerry Maguire“, mit Tom Cruise) entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Filme der 1990er Jahre und bescherte seinem Schöpfer gleich zwei „Oscars“.

Billy Wilder konnte beruhigt sein: Hier bemühte sich ein ‚Ebenbürtiger‘ um seine Aufmerksamkeit. 1995 begann Crowe mit seinen Interviews. Je besser sich Crowe und Wilder kennenlernten, desto besser kamen sie in den drei Jahren, über die sich das Projekt schließlich (mit großen Pausen) hinzog, miteinander zurecht.

Zeuge der (Film-) Geschichte & anekdotische Wundertüte

Crowe orientierte sich grob an einem berühmten und bewährten Konzept: Dreißig Jahre zuvor hatte Regisseur und Filmhistoriker François Truffaut den großen Alfred Hitchcock befragt. Dies geschah im Rahmen einer längeren Reihe ausführlicher Interviews, die zum ersten Mal einen einzigartigen Einblick in das Werk und das Leben des vom Publikum geschätzten, von der Kritik aber bisher weitgehend unbeachteten Meisters der Suspense ermöglichte. Den roten Faden bildeten die Filme, die lückenlos ange- und besprochen wurden.

Genauso gingen nun Crowe und Billy Wilder vor, was Letzteren nicht immer begeisterte, gab es doch in seiner Filmografie Werke und in seinem Leben Vorfälle, über die er zu gern den Mantel des Vergessens breiten wollte. Zudem zeigte er sich als Meister der Finte und des Ausweichens. Festnageln konnte man ihn nur mühsam. Doch bei aller gebotenen Ehrfurcht ließ Crowe nicht locker. Ebenso großes Vergnügen wie die hochinteressanten filmhistorischen Informationen bereiten die rhetorischen Scharmützel, die er und sein ‚Wild‘ sich lieferten: Crowe hielt stets fest, wo und unter welchen Umständen er sich mit Wilder traf und was sich dabei jenseits des Aufnahmemikrofons ereignete.

Über die späten Jahre prominenter Männer und Frauen zeigen sich die Quellen oft schweigsam. Das ist verständlich, denn im Alter verlieren sie mit ihrer Kraft gewöhnlich, was sie für ihr Publikum so faszinierend machte. Doch Wilder war zwar alt, nicht mehr gesund und oft melancholisch, doch geistig auf der Höhe und von daher weiterhin eine Persönlichkeit, die der Welt etwas zu sagen hatte.

Reiche Beute und schmackhafter Beifang

„Conversations with Wilder“, wie der vorliegende Band im Original viel schöner und auch treffender betitelt wurde, ist bis zum Rand angefüllt mit klugen Anmerkungen zur Filmgeschichte und zahllosen Anekdoten über Schauspieler/innen, Studiochefs, Kameramänner und Autoren, mit denen (oder gegen die) Wilder im Laufe seiner langen Karriere gearbeitet hat. Damit müssen sich die Leser dieser Neuausgabe zufriedengeben: Sie enthält keinerlei Fotos.

Dabei waren die Originalausgabe und die deutsche Erstausgabe von 2000 wahre Fundgruben zeitgenössischen Bildmaterials und als Buch zudem wesentlich großformatiger, was die große Zahl der begleitenden Schwarzweiß-Fotos noch eindringlicher wirken ließ. Außerdem nimmt der Text immer wieder Bezug auf bestimmte Bilder, die in der Neuausgabe fehlen - ein Manko, das nicht unbemerkt bleibt.

Natürlich ist auch der nur im Text widergespiegelte Billy Wilder hochinteressant. Dennoch wundert man sich, dass ausgerechnet bei einem Meister des bewegten Bildes die wichtigste Dimension seines Schaffens unterschlagen wird. Der Grund ist simpel: Aufgrund der ‚eingesparten‘ Bilder ist die Neuausgabe deutlich kostengünstiger zu produzieren und anzubieten. Angesichts eines Käuferkreises, der womöglich mehrheitlich überhaupt nicht weiß, wer Billy Wilder war, geht man kein Risiko ein. Das ist verständlich, aber schade.

Fazit

Neuauflage eines Buches, für das Filmspezialist Cameron Crowe Interviews mit dem Drehbuchautor und Regisseur Billy Wilder führte. Inhaltlich gibt es viele Überschneidungen; das Material wurde möglichst wenig bearbeitet. Wilder glänzt mit Wissen und Anekdoten. Leider entfallen in der Neuausgabe die zahlreichen, mit dem Text korrespondierenden Fotos der Original- und der deutschen Erstausgabe.

Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder?

Cameron Crowe, Kampa

Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder?

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