"Hat die überhaupt 'ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?"

Erschienen: März 2020

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Neumann schildert ihren privaten und beruflichen Werdegang. In einem besonderen und sehr lesenswerten Kapitel schildert die Autorin das Wirken von fünf Frauen im Fußball.

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Andreas Kurth
Vom Arbeiten und Leiden einer Sportreporterin

Sachbuch-Rezension von Andreas Kurth Jul 2021

Die Rheinländerin Claudia Neumann ist Sportjournalistin. Neben der Filmproduktion und der Verantwortung am Schneidetisch ist sie hauptsächlich als Kommentatorin tätig, bei Radrennen und anderen sportlichen Wettbewerben, aber vor allem bei Fußballspielen. Lange war ihre Domäne der Frauenfußball, dann aber auch zahlreiche Spiele bei den Männern. Als sie schließlich als erste Frau bei der Frauenfußball-WM in Deutschland eingesetzt wurde, war sie die erste weibliche WM-Kommentatorin im deutschen Fernsehen.

Beim Frauenfußball wurde das noch einigermaßen von den kritischen Zuschauern toleriert, aber als Neumann 2016 erstmals bei der Europameisterschaft der Männer kommentierte, gab es mehr als heftige Reaktionen - einen so genannten Shitstorm in den sozialen Medien. Die Autorin ist klug genug, den Hass und die Häme aus dem Internet in ihrem Buch nicht wörtlich wiederzugeben. 

Initialzündung nach dem WM-Sieg von Rom

Neumann schildert ihren privaten und beruflichen Werdegang. Als Jugendliche hat sie, gegen den Widerstand der Eltern, bei den Jungs mitgekickt. Fußballspiele im Fernsehen sind erste Höhepunkte, danach wird wieder draußen auf dem Bolzplatz gespielt. Ihre Initialzündung in beruflicher Hinsicht erlebt Claudia Neumann am 8. Juli 1990. Deutschland wird in Rom mit einem 1:0-Sieg gegen Argentinien zum dritten Mal Fußball-Weltmeister - und am nächsten Tag schreibt sie ihre erste Bewerbung an die RTL-plus Sportredaktion. Sie landet also zunächst beim Privatfernsehen, und der alte Haudegen Ulli Potofski hilft ihr während eines Praktikums in den Sattel.

>>Potofski baut sofort persönliche Brücken, beim Privatfernsehen gehört das “Du” zum guten Ton. Gefällt mir. Der Chef erklärt mir die Redaktionsabläufe und schickt mich rein in die Höhle der Löwen. Der Ruf der Journalistenbranche ist nicht der netteste. Persönliche Eitelkeiten mit übermäßigem Ellenbogeneinsatz werden kolportiert. Zu Unrecht nach meinem ersten Eindruck. Nichts kann mir meinen Traum vernebeln. Ein Hauch Blauäugigkeit steckt wahrscheinlich in jeder Begeisterung.<<

Claudia Neumann macht ihre ersten beruflichen Schritte zu der Zeit, als sich die TV-Berichterstattung im Sport, vor allem beim Fußball, grundlegend verändert. Das Schachern um die Übertragungsrechte hat begonnen, und vor allem die neuen Privatsender in Deutschland mischen dabei kräftig mit. Ihrer ersten Zeit bei RTL folgt ein Angebot von SAT1, wo sie zu ihrer eigenen Überraschung eine Festanstellung ohne ein vorhergehendes Volontariat bekommt.

Diese Pionierzeit beim Privatfernsehen prägt Claudia Neumann für ihre weitere Berufstätigkeit, wie sie eingehend schildert. Der Leser erhält Einblick in ihre interessante Vita und in einen faszinierenden Beruf.

Ein vermeidbarer Fehler bei einem Fußballspiel lässt die Kommentare im Internet eskalieren, und so nach und nach wird ihr bewusst, wie exponiert ihre Stellung als Kommentatorin eigentlich ist.

>>Meinen Sprung in die vermeintlich erste Reihe habe ich selbst überhaupt nicht so eingeordnet. Weil es letztendlich ja nur ein kleiner Schritt mehr ist, innerhalb meines Werdegangs als TV-Sportreporterin. Klar, eine Fußball-WM der Männer im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu kommentieren, ist eine sehr exponierte Aufgabe, darüber bin ich mir absolut im Klaren. Diesen ganz besonderen Stellenwert, diese mitunter ulkige Sonderrolle, begleitet von schriller Aufmerksamkeit, erhält sie aber nur aufgrund der Geschlechterfrage. <<

Neumann schildert aber auch Momente, die ihr gutgetan haben, beispielsweise einen zufällig zustande gekommenen Dialog mit Fans. Sie macht nachdrücklich deutlich, dass sie gegen eine Frauenquote ist.

Dennoch bleibt es für sie merkwürdig, dass sie über den Frauenfußball weiter aufgestiegen ist - mit dem vorläufigen Höhepunkt des WM-Endspiels 2003 in Los Angeles. Das plötzliche Interesse an ihrer Person verarbeitet sie in Gesprächen mit Kollegen, bis hin zu der späteren Eskalation nach der Männer-EM 2016.

In einem besonderen und sehr lesenswerten Kapitel schildert die Autorin das Wirken von fünf Frauen im Fußball. Darunter mit Tina Theune und Monika Staab zwei Trainerinnen, Birgit Prinz als eine der besten deutschen Fußballerinnen, Bibiana Steinhaus als erste Schiedsrichterin in der Männer-Bundesliga, und schließlich Katja Kraus, erstes Vorstandsmitglied bei einem Bundesligisten. Kraus gehört derzeit mit Neumann, Steinhaus und anderen zu einer Gruppe von Frauen, die mehr Beteiligung für Frauen im Deutschen Fußballbund einfordern - Kraus wird darüber hinaus als mögliche Kandidatin für das Amt der DFB-Präsidentin gehandelt.

Fazit:

Mit ihrer Mischung aus Autobiographie und Branchenbericht hat Claudia Neumann ein interessantes, und nicht nur für Fußballfans lesenswertes Buch vorgelegt. Sie schildert nicht nur ihre eigene berufliche Geschichte, sondern auch die Arbeit von Sport-Journalisten, die dem Fernsehzuschauer ansonsten verborgen bleibt. Nach der Lektüre wird man sie nicht nur als Kommentatorin im Blickfeld behalten, sondern auch ihre Aktivitäten im DFB und für die Frauen dort genauer verfolgen.

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