Great again? Reportagen aus einem zerrissenen Amerika

Erschienen: Oktober 2020

Couch-Wertung

8
Wissen
Ausstattung

Wissen

Wenig neutral, manchmal überholt und zu ausschweifend. Manche Kapitel sind zudem geprägt von persönlichen Belangen, wie Bekanntschaften aus früherer Zeit, die zu sehr im Mittelpunkt stehen oder lange Passagen über den Nominierungswahlkampf, der schon längst ausgetragen ist und selbst im Laufe des Buches nicht mehr aktuell war

Ausstattung

Eingestreute Bildpassagen zeigen dem Leser die Diversität der amerikanischen Bevölkerung und ihrer Heimat.

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Carola Krauße-Reim
Noch ein Buch über den gesellschaftlichen Zustand Amerikas

Sachbuch-Rezension von Carola Krauße-Reim Dez 2020

Die ARD-Korrespondenten Julia Kastein und Sebastian Hesse-Kastein waren bereits 2000 bis 2005 in Amerika tätig. Damals war George W. Bush Präsident; 9/11 war neben den Sniper-Morden und den verschickten Milzbranderregern das größte bisher zu verdauende Drama in Amerika. Jetzt ist das Ehepaar wieder in Washington - heute heißt der Präsident Donald Trump. Diese Präsidentschaft ist für seine Gegner auch ein Drama, für seine Anhänger aber ein lange erwarteter Segen.

Einmal quer durch Amerika

Die beiden Korrespondenten berichten in abgeschlossenen Reportagen aus allen Teilen Amerikas. Es kommen Trump-treue Farmer im Mittleren Westen genauso zu Wort, wie Afroamerikaner in den „Deep South“, die gar nicht gut auf ihren Präsidenten zu sprechen sind. Eingestreute Bildpassagen zeigen dem Leser die Diversität der amerikanischen Bevölkerung und ihrer Heimat.

Es ist für einen Europäer nicht nachvollziehbar, wie man als streng gläubiger Christ oder besser Evangelikaler, Donald Trump als regelrechten Heilsbringer verehren kann – einen Mann, der Frauen verachtet, rassistische Äußerungen am laufenden Band twittert und erst im Wahlkampf ins „Pro-Life“-Lager der Abtreibungsgegner wechselte. Aber in Amerika scheint das kein Widerspruch zu sein: so lange der Präsident liefert, ist seine offensichtliche Scheinheiligkeit nicht von Belang. Und geliefert hat er nach Meinung des „bible-belt“: die Botschaft wurde nach Jerusalem verlegt; er unterstützt das Tragen von Waffen während des Gottesdienstes durch „Guns‘n‘Bibles“ und er hält auch in den unmöglichsten Momenten eine Bibel publicity-wirksam in die Kamera. Die gleiche Diskrepanz erlebt der Leser, wenn es um die Farmer geht. Obwohl viele Familienbetriebe dicht machen müssen, weil sie ihre Milchprodukte nicht mehr loswerden oder ihr Soja wegen dem Handelskrieg mit China in den Silos verrottet, stehen sie zu Trump, der endlich einmal „America first“ propagiert. Dass sein Beharren auf Einfuhrzölle das Desaster erst ermöglicht hat, will niemand hören.

Was allerdings auch aus den Berichten hervorgeht, ist der politische Unmut, der viele Trump-Gegner doch zu seinen Wählern machte. Das elitäre Politikmilieu angeblich korrupter Bürokraten, die nur an ihr eigenes Wohl denken, der „Deep State“, soll endlich ausgerottet werden, der „Swamp“ trockengelegt - „Der Staatschef soll helfen beim Kampf gegen den Staat“. Dass er das vornehmlich mit Dekreten und knalligen Slogans versucht, ist nicht wichtig.

Doch auch die Gegner des Präsidenten können in ihren Äußerungen ebenso radikal sein. Da gibt es die Hausärztin, die im armen Südwesten von Georgia die meisten Patienten umsonst behandeln muss und das in einer abbruchreifen ehemaligen Eisdiele; oder die Mutter, die ihren erschossenen Sohn beerdigen musste. Sie sind nicht gut auf die drohende Abschaffung von Obama-Care oder die NRA zu sprechen. Ein Blick ins „toter als tote“ Death Valley zeigt die Auswirkungen der Klimakrise brühheiß. Auch hier findet Trump wenig Verständnis für seine Leugnung des Klimawandels, den die Nationalpark-Mitarbeiter dort doch jeden Tag erleben müssen.

Und dann der Rassismus: nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd wurde auch uns Europäern noch einmal überdeutlich bewusst, dass der Rassismus im Land der unbegrenzten Möglichkeiten immer noch existiert und das scheinbar flächendeckend und permanent. „Black Lives Matter“ sollte eine Selbstverständlichkeit sein und ein Aussprechen dieses Slogans eigentlich unnötig – doch, auch das ist Amerika. Und auch hier spaltet der Präsident mehr, als er versöhnt und bringt schwarze Amerikaner gegen sich auf. Als Resümee kommt man als Leser zu der Erkenntnis, dass die amerikanische Gesellschaft zerrissen ist und zwar so tief, dass wahrscheinlich viele Jahre ins Land gehen müssen, bevor dieser Bruch auch nur anfängt zu heilen.

Eher subjektiv als neutral

Als Journalisten sollten die beiden Korrespondenten fähig sein, ausreichend zu recherchieren, Fakten benennen, pro und contra aufzuzeigen und darüber neutral zu berichten. Das haben Julia Kastein und ihr Mann nicht geschafft! Wahrscheinlich hat jeder Leser dieses Buches schon vor der Lektüre eine eigene Meinung zu oder zumindest Interesse an dem Thema. Da täte ein wertungsloser Blick von außen darauf gerade gut, um vielleicht auch Gegenargumente durchdenken zu können. Aber die beiden Autoren ergreifen Partei.

Sie bedienen sich eines Vokabulars und einer Ausdrucksweise, die sie ganz offensichtlich in das Lager der Trump-Gegner verorten lässt. Da gibt es wesentlich bessere Veröffentlichungen oder Fernsehreportagen, in denen neutraler Informationsjournalismus betrieben wird, der gerade diesem Thema gut zu Gesicht steht. Manche Kapitel sind zudem geprägt von persönlichen Belangen, wie Bekanntschaften aus früherer Zeit, die zu sehr im Mittelpunkt stehen oder lange Passagen über den Nominierungswahlkampf, der schon längst ausgetragen ist und selbst im Laufe des Buches nicht mehr aktuell war. Manchmal kam bei mir auch die Frage nach der Relevanz mancher Reportagen auf. Was hat das lokale Problem des Great Smoky Mountains National Park mit „great again“ zu tun? Hier verzetteln sich die Autoren einmal mehr, wie z.B. auch auf dem „Ausritt mit Becky“. Und, wenn Sebastian Hesse-Kastein dann meint, „Wahrscheinlich ist es das, was Amerika so „great“ macht: das Nebeneinander so unterschiedlicher Konzepte von Glück. Ich schaue zu, wie sich das letzte Sonnenlicht im Trump-Hotel in Las Vegas spiegelt. Und ich bin überzeugter denn je, dass niemand diesem Land seine „greatness“ zurückgeben muss“, kommt bei mir das Gefühl auf, der Autor hat sein eigenes Buch nicht gelesen. Die „unterschiedlichen Konzepte von Glück“ haben kein „Nebeneinander“, sie schränken immer eine Seite ein, dominieren sie und das kann man ja wohl kaum als „great“ bezeichnen.

Fazit

Hier sind zwei Journalisten auf den gewinnbringenden Zug aufgesprungen und haben ein weiteres Buch über die gespaltene amerikanische Gesellschaft verfasst. Wenig neutral, manchmal überholt und zu ausschweifend, kann man es lesen, findet aber in anderen Veröffentlichungen wesentlich bessere Informationen und Einblicke.

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