Geogeschichte

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Michael Drewniok
9101

Sachbuch-Couch Rezension vonFeb 2026

Wissen

Faktendichte, manchmal ein wenig zu intensive Vermittlung von Wissen sowie darüberhinausgehend die Darstellung eines von Vorurteilen ‚gereinigten‘ Weltbilds.

Ausstattung

50-seitiger Sonderteil mit farbigen Karten und Schaubildern auf feinem Kunstdruckpapier, weitere, in den Text integrierte SW-Karten.

Der Blick hinter die Linien auf dem Blatt.

Der Planet Erde ist Materie gewordene (Natur-) Geschichte, die von seinen menschlichen Bewohnern um weitere Kapitel ergänzt wurde (und wird). Dies geschah über lange Zeiträume in einem gemächlichen Tempo, das sich irgendwann stetig steigerte. Das Ergebnis ergibt ein komplexes Bild, und es fällt es schwer, diese Bündel oft divergierender Prozesse zu bändigen = sie in eine Form zu bringen, die diese Entwicklung nachvollziehbar darstellen kann.

In Frankreich fiel der Startschuss für ein Projekt, das sich unter der Leitung von Christian Grataloup diesem Problem widmen sollte. Der Ort war Nebensache, denn um „Die Geschichte der Welt“ (2023) kümmerte sich ein internationales Team keineswegs ‚nur‘ historisch bewanderter Wissenschaftler. Mit an Bord waren auch die Vertreter nur scheinbar ‚fremder‘ Fachrichtungen (Astrophysik, Archäologie, Geologie, Biologie, Klimawissenschaft, Ozeanographie, Zoologie), um auf der Basis des aktuellen Wissens ein Bild der Erde zu erstellen, das Zahlen und Daten über Momentaufnahmen hinaus gerecht werden soll.

Noch einen Schritt weiter geht das Projektteam mit einem zweiten Atlas (2024). Zahlreiche Wissenschaftler der weiter oben genannten Forschungsgebiete erarbeiteten ein Weltbild, das mit dem Urknall beginnt. „Die Geschichte der Erde“ unterstreicht, dass „Geografie“ mehr als Gebilde aus Strichen bedeutet, die Ländergrenzen fixieren. Der Planet, auf dem wir Menschen leben, ist kein statisches System. Wie wir heute leben, folgt nicht nur politischen Aktionen, sondern ist auch das Ergebnis naturwissenschaftlicher = natürlicher, wirtschaftlicher, religiöser und anderer Prozesse, die sich ablösen, überlappen, im Nichts enden ... Die Kombinationsmöglichkeiten wirken endlos und willkürlich, doch wenn es die Faktenlage gestattet, lassen sich Ursachen und Muster erkennen.

Ein Schirm für den Faktensturm

Die beiden Atlanten bieten Wissen, aber es wird so kompakt vermittelt, dass der Zugang schwerfallen könnte. Um diesen zu erleichtern, hat Projektleiter Grataloup diesen Begleitband geschrieben, der „Die Macht der Geografie in der Weltgeschichte“ - so der Untertitel - ausführlicher beschreibt. Ausgewählte Karten und Schaubilder werden erläutert sowie - dies ist der wichtigste Schritt - zu einem Gesamtbild verflochten.

Man muss kein Kartendeuter sein, um verstehen zu können, was uns die Fachleute sagen möchten. Grataloups Werk ist mehr als ein Hilfsmittel. Er erklärt und führt aus, wo sich die Kartografen auf Grundsätzliches und knappe Beitexte beschränken mussten. Doch die menschliche Existenz weist unzählige Ebenen auf, die sich nur mühsam unter die schon erwähnten Oberbegriffe (Politik, Wirtschaft, Religion etc.) fassen lassen.

Es muss einerseits feiner differenziert und andererseits weiter ausgegriffen werden, um ebenfalls prägende Aspekte wie - willkürlich herausgegriffen - Sprachen, Ethnien oder die Existenz von Bodenschätzen zu berücksichtigen, die seit nicht einfach existieren und sich auf die (von Menschen ‚gemachte‘/verursachte) Geschichte der Erde auswirken. Immer wieder weist Grataloup auf die Dynamik von Prozessen hin, die selten von Punkt A nach B etc. verlaufen, sondern sich aufspalten, verzweigen und verknüpfen.

Geduld ist die Tugend!

Faktenfülle ist ebenso schwierig zu handhaben wie Fundarmut. Wie soll man den Tatsachen gerecht werden, wenn im Extremfall nur Einzelknochen oder Zähne von Vormenschen vorliegen, die aus wissenschaftlicher Sicht ansonsten in einem wissensfreien Umfeld schweben? Grataloup geht auf die Problematik ein: Wissenschaft ist faktenabhängig, aber Thesen sind bereits auf der Basis von Einzelerkenntnissen möglich. Sie verdichten sich; das kann dauern, und Irrtümer kommen vor, aber irgendwann fügen sich die Steinchen zu einem Mosaik. Auch dann können sich noch Veränderungen ergeben, aber das gehört zum Forscheralltag: Alles ist im Fluss - gerade bei der Untersuchung von Altfakten, für die es kaum oder zunächst gar keine Befunde gibt, weil die Zeit sie getilgt hat.

Eines der Glanzlichter dieser Publikation ist das begründete Bemühen, von der viel zu lange prägenden Fixierung auf Europa und später die USA als ‚Motor‘ einer Weltgeschichte abzuweichen, der angeblich die „Zivilisation“ über ansonsten unterbelichtete „Barbaren“ und „Wilde“ gebracht hat. Grataloup beschreibt, wie sich nicht nur dieses Bild relativiert, sondern auch die Terminologie einer Gegenwart angeglichen wird, in der immer deutlicher wird, welche elementaren Sünden in den Epochen eines zunächst wirtschaftlichen und später imperialen Kolonialismus’ begangen wurden. Hier stellt er keineswegs nur die üblichen Verdächtigen an den Pranger: Sklaverei, Ausbeutung und Unterdrückung sind Phänomene, die weit in die Geschichte zurückgreifen. Die Liste derer, die aus heutiger Sicht gegen Menschenrechte verstoßen haben, umfasst durchaus auch Völker, die später selbst geschurigelt wurden: Gewalt durch Übermacht war und ist international und zeitlos.

Die Welt war deutlich früher als gedacht ‚global‘ in dem Sinn, dass kooperierende Partner Wirtschafts- und Kulturachsen schufen. Sie verbanden schon vor Jahrtausenden Gemeinschaften miteinander, die viele tausend Kilometer voneinander entfernt lagen. Hinzu kamen (erst ansatzweise berücksichtigte) lokale Entwicklungen: So existierten in Südamerika und Afrika, aber auch an vielen anderen, bisher als düster und unterentwickelt gebrandmarkten Orten Nationen, die bereits in beachtlichen Städten lebten und Fernhandel führten, während in Europa die angeblichen Hüter an der Wiege der Zivilisation noch durch dichte Wälder sprangen, um nach Nüssen und Wurzeln zu suchen.

Die Geschichte geht weiter

Wie es die erwähnten Atlanten vorgeben, zieht Grataloup thematisch weitere Kreise, indem er lange unberücksichtigte, heute als unentbehrlich erkannte Aspekte der Erdgeschichte einbezieht: Nicht nur Naturkatastrophen, ‚offizielle‘ Kriege oder Pandemien, sondern auch vertuschte Genozide werden als Marker der Gesamtentwicklung aufgedeckt. Hinzu kommen umweltkriminelle Aktivitäten, die der Erde in zunehmenden Maßen ein neues, hässliches ‚Gesicht‘ verschaffen.

Die Eiszeiten, die Jagd auf Wale, die Suche nach einem kürzeren Seeweg nach Indien: Buchstäblich planetare, aber auch im Vergleich dazu lokale Ereignisse lösten Folgegeschehen aus, die der Weltgeschichte neue Richtungen gaben. Das hat sich in der Gegenwart noch verstärkt, weil der Mensch seinen Planeten nicht nur bewohnt und dabei formt, sondern ihn mehr und mehr zerstört, indem er dessen Ressourcen nicht nutzt, sondern plündert.

In diesem Zusammenhang thematisiert Grataloup den Anstieg der menschlichen Erdbevölkerung. Immer wieder weist er darauf hin, dass die Menschheit lange ‚überschaubar‘ blieb, was ihren Wirken Grenzen setzte. Die vor etwa zweihundert Jahren zündende Bevölkerungsexplosion führte dazu, dass die Menschen sich (zu) stark vermehren: Politik und Wirtschaft bzw. allgemein die Art und Weise, wie mit den begrenzten Ressourcen der Erde verfahren wird, hinken dem hinterher. Grataloup findet in diesem Zusammenhang klare und kritische Worte für einen Umweltschutz, der sich auf vergleichsweise wenige Aktive beschränkt, während Großmächte wie China, Indien oder die USA solche Bemühungen nicht nur ignorieren, sondern konterkarieren: Alle müssen an einem Strang ziehen, und das ist nach Grataloup die eigentliche Herausforderung der Zukunft.

Das Bild zum Wort

„Geogeschichte“ ist der Begleitband zu den beiden erwähnten Atlanten. Die Informationsdichte ist enorm, aber der Autor lässt seine Leser nicht mit dem oft allzu kompakten Text allein, sondern liefert unterstützende Belege: 47 Karten in Schwarzweiß und 31 Karten in Farbe, ergänzt durch Schaubilder und Grafiken, die entsprechende Fakten, aber auch Entwicklungen darstellen und den Atlanten entnommen wurden, ergänzen den Textteil.

Versucht wurde eine Darstellung, die Symbole und Farbgebung so aussagekräftig wie möglich in Einklang bringt. Das ist stets eine Herausforderung, denn es gilt, unzählige Fakten so zu generalisieren, dass sie sich plausibel in ein Gesamtbild einpassen lassen. Eine weitere Schwierigkeit liegt in der bildhaften Verdeutlichung von Prozessen, Wanderungen, Veränderungen, die eigentlich den Rahmen des Zweidimensionalen sprengen.

Man kann nur bewundern, mit welcher Darstellungsintensität die Kartografen diesen Kampf angegangen sind. Gewonnen haben sie nicht immer; so viel ehrliche Objektivität muss sein. Dann ist man dankbar über diesen Begleitband, der entzerrt und aufschlüsselt, was als Kompaktbild überfordert!

Fazit

Jenseits viel zu lange und fälschlich vertretener Vorurteile rollt ein fachlich breit aufgestelltes Team die Weltgeschichte quasi neu auf. Der Leiter dieses Projekts fasst die kartografisch oft schwer darstellbaren Fakten zusammen und entwirft ein daraus resultierendes, aktuelles Bild der Erd- bzw. Menschheitsgeschichte: eine wichtige, weil viele allzu eingeschliffene Falschbilder korrigierende (sowie gut lesbare) Darstellung.

Geogeschichte

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