Geister, die ihre Rezepte teilen

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2025
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Geister, die ihre Rezepte teilen
Geister, die ihre Rezepte teilen
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Michael Drewniok
6101

Sachbuch-Couch Rezension vonSep 2026

Wissen

Geister, die ihre Rezepte teilen und noch mehr absurde Theorien, seltsame Ideen und skurrile Experimente.

Ausstattung

Wenige Fotos zeigen keine Rätsel-Sensationen, sondern geben möglichst lizenzgünstige Motive wieder.

Von Exzentrikern und echten Spinnern.

In England ist es einfach, Zeitgenossen zu identifizieren, die sich im Denken und Handeln von ihren Mitmenschen abheben, weil sie nicht nur mit Geistern oder Außerirdischen kommunizieren, nach dem Portal ins Innere der hohlen Erde suchen oder über Wissen aus der Zukunft verfügen, sondern dies auch frohen Mutes publik machen. Sind sie arm, gelten sie als Idioten und Spinner und werden vorsichtshalber weggeschlossen. Verfügen sie über Vermögen und (Internet-) Prominenz, verehrt man sie als liebenswerte Exzentriker oder Querdenker der nützlichen Art. (Obwohl inzwischen vor allem verbohrte Holzköpfe so bezeichnet werden, war und ist das echte Querdenken einfach eine Methode, sich Fragen ohne Vorbehalt zu nähern.)

Die sowohl globalisierte als auch digitalisierte Welt hat ebenso eindrucksvoll wie deprimierend deutlich bewiesen, dass die Scharen der sockendurchschossenen Schreihälse die Exzentriker an Zahl (und Lautstärke) weit übertreffen. So war es wohl immer, aber ‚dank‘ des Internets lässt sich unverzüglich jener Dummfug in den Äther blasen, der meist weder humorvoll gemeint noch wirklich komisch ist. Hält man sich diesem Umfeld lieber fern, sollte man auf mutige und magenstarke Menschen setzen, die stellvertretend im Schlick der digitalen Dämlichkeit stochern, um die dort durchaus vorhandenen Goldkörnchen zu bergen.

Dan Schreiber hat aus seiner Passion sogar eine Einnahmequelle generiert. Der in Australien aufgewachsene und jung nach England ausgewanderte Mann recherchierte Fakten für TV-Rateshows, folgte dann jedoch seinem Interesse für seltsame bzw. obskure Vorkommnisse und Personen, kuriose Zufälle und Absonderlichkeiten. In den folgenden Jahren war Schreiber mitverantwortlich für eine Reihe einschlägiger Radio-Sendungen sowie Podcasts, in denen er und ähnlich gepolte Mitstreiter solche Phänomene nicht nur vorstellten, sondern ihnen auch nachgingen und ihre Wurzeln offenlegten.

Das ist doch ausbaufähig!

Auch im Zeitalter des Internets genießt das Buch in einem Punkt weiterhin einen Vorsprung: Während digitales Wissen spurlos verpuffen kann, wenn irgendwo ein Stecker gezogen wird, ist bedrucktes Papier erstaunlich dauerhaft. Eigentlich schreiben alle erfolgreichen Podcaster, die auf ein treues Publikum zurückgreifen können, irgendwann ein Buch, in dem sie die Ergebnisse jahrelanger, bisher nur zu Gesicht und Gehör gebrachter Recherchen vorstellen (bzw. recyceln). Man kann es in die Hand nehmen und vor die Podcast-Kamera halten, um dafür zu werben; so schließt sich der Kreis.

Natürlich bleibt die Informationstiefe gering, um den Unterhaltungswert nicht zu gefährden. Seltsamkeit ist außerdem eine Frage der Definition, weshalb man vielen alten Bekannten wieder begegnen wird. So wärmt Schreiber noch einmal das ‚Rätsel‘ womöglich außerirdisch in Kornfelder gebratener Kreise und Muster auf, liegt aber richtig damit, wenn er darüber philosophiert, dass fanatisierte Spökenkieker auch von aufgedeckten Geheimnissen einfach nicht lassen wollen und sich neue Hintergrund-Desinformationen ausdenken.

Die älteren Leser erinnern sich sicherlich an Uri Geller, der einst behauptete, die Uhren atemloser TV-Zuschauer zum Stillstand zu bringen oder ihre Gabeln u. a. Besteck in U-Form zu biegen. Schreiber zieht diese Uralt-Mär aus dem Schutt der Als-ob-Kultur, staubt sie ab und bereichert sie mit der Gnade des später Geborenen (und daher Schlaueren) durch mehr oder weniger geistreiche Kommentare. Weiterhin lernen wir (zum x-ten Male), dass bereits antike Orakel sich zweideutig ausdrückten und wieso moderne Propheten diese Methode übernahmen. Bei dieser Gelegenheit lässt Schreiber auch den (nicht) guten, (aber) alten Nostradamus auftreten, der dadurch berühmt wurde, dass keine seiner wolkigen Voraussagen sich jemals bewahrheitet hat.

Viel Neues gibt es nicht, aber das lässt sich verkaufen

Energie aus vorzeitlichen/außerirdischen/eingebildeten Pyramiden, die weiterhin durch den Äther geisternde Theorie, dass fremdplanetarische Besucher den durch urzeitliches Gebüsch springenden Erd-Affenmenschen Mores gelehrt haben, die Frage, ob die „Titanic“ deshalb sank, weil zu viele neugierige Zeitreisende aus der Zukunft an Bord waren, um das Drama hautnah zu erleben, die (längst in Vergessenheit geratene) Theorie, dass die Erde nach dem Diktat eines ‚magischen‘ Maya-Kalenders 2012 hätte untergehen müssen: Wir arbeiten uns durch trashiges Allgemeinwissen, um an diejenigen Eigentümlichkeiten zu geraten, die wir noch nicht kannten.

Schreiber zelebriert Infotainment, weshalb der Tonfall locker ist und betont, dass der Unterhaltungswert des Inhalts über dessen Faktendichte steht. Um daran keinen Zweifel zu lassen, werden dem Text Zeichnungen eingefügt, die comichaft bebildern, was der Leser vielleicht nicht verstanden hat. Prinz Philip von England studiert brisanter X-Akten; die heiligen drei Könige steigen in Bethlehem aus einem Raumschiff: Das ist komisch, Leute!

Der ‚witzige‘ deutsche Titel bezieht sich auf einen Akte-X- (oder Y?) Dauerbrenner, den Schreiber ebenfalls aufgreift: Angeblich mögen Schriftsteller oder Komponisten (sowie Meisterköche) selbst im Jenseits nicht ruhen. Als Geister fahren sie in die meist leeren und deshalb empfänglichen Schädel ausdrücklich musenferner, aber noch lebender Menschen, um ihnen neue Bestseller (bzw. Rezepte zu diktieren. Dass diese manchmal sogar die Qualität früherer Werke halten, ist allerdings eine Behauptung des Verfassers, der die Fakten um des Effektes willen gern ein wenig paraphrasiert (oder frisiert), übertreibt oder lästige, weil die Story schwächende Details unter den Tisch fallen lässt. So entstand ein ‚Sachbuch‘ des 21. Jahrhunderts, das sich ‚lesen‘ lässt, ohne dass die Kapitelzählung beachtet werden müsste: Hier kann man sich problemlos an beliebiger Stelle einklinken – und das sogar im Halbschlaf!

Anmerkung: Die deutsche Ausgabe verbreitet in einem Punkt keine Freude: „Geister ...“ ist angeblich der zweite Band, mit dem Dan Schreiber seine Leser erfreut. Teil 1 erschien ebenfalls in Deutschland, und zwar unter dem (ähnlich brüllend komischen) Titel „Waschbären, die im Dunkeln leuchten“. Tatsächlich gehen beide Bücher auf das ursprünglich einbändige Werk „The Theory of Everything Else“ zurück. Hierzulande wurde es zweigeteilt, der Text in Quasi-Großschrift gesetzt. Große Seitenränder sollen womöglich für Notizen genutzt werden. Faktisch bittet man die Interessenten solcher „Be-Happy/Light“-Sachbücher damit wohl einfach doppelt zur Kasse.

Fazit

Die Welt ist ein Ort kurioser Zufälle und Ereignisse, die von geistig kreativen bzw. aus dem Gleis gesprungenen Menschen bemerkt oder erzeugt werden. Das Ergebnis resultiert hier in einer eher wirren, auf Unterhaltung getrimmten Sammlung einschlägiger Vorkommnisse, die gleichermaßen Staunen, Lachen und Schauder hervorruft: Meinungsfreiheit kann auch eine Quelle des Schreckens sein!

Geister, die ihre Rezepte teilen

Dan Schreiber, Heyne

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