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Was Pearce trotz der weltweit weiterhin betriebenen Vertuschungen herausfinden konnte, ist in seiner Eindeutigkeit bestürzend. Dabei folgt der Autor keineswegs den pauschalen Verdammungsurteilen jener, die gegen Atomkraft an sich wettern, sondern ist um Objektivität bemüht.

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Was Pearce im Verlauf von Recherchen, die ihn diverse Brennpunkte (der Doppelsinn ist beabsichtigt) der Atombomben-Historie wie Majak und Matlino (Russland), Rocky Flats (USA) oder Windscale/Sizewell (England) bereisen ließ, in Erfahrung brachte, ist nicht nur nachträglich schockierend.

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Michael Drewniok
Giftige Früchte des Energie-Paradieses

Sachbuch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2020

Im 20. Jahrhundert wurde der atomare Mikrokosmos entdeckt und erforscht. Lange bevor man die ebenso faszinierenden wie gefährlichen Geheimnisse des Atoms nur halbwegs enträtselt hatte, wurde es bereits (aus-)genutzt. Da seine Spaltung enorme Mengen von Energie freisetzt, galt es als Heil für eine Welt, in der Antriebskraft eine immer größere Rolle spielte. Wie so oft wurde dieser friedliche Zweig der Atom-Forschung umgehend militärisch pervertiert: Die Kernspaltung ermöglichte Explosionen mit einer Vernichtungskraft, welche die Militärs dieser Welt in Verzückung versetzte. Die neue Wunderwaffe wurde unter Real-Bedingungen ausprobiert, bevor der Zweite Weltkrieg endete, was die Städte Hiroshima und Nagasaki in die Geschichtsbücher brachte.

Der Wissenschaftsjournalist Fred Pearce ist ein Kind der Jahre nach 1945, in denen primär die „Supermächte“ USA und UdSSR, aber auch Frankreich sowie sein Heimatland Großbritannien, im Rahmen des Kalten Kriegs ein Atomwaffen-Arsenal anhäuften, das ausgereicht hätte, gleich mehrere Erden unbewohnbar zu machen. Selbst nachdem die unmittelbare Gefahr eines Atomkriegs gebannt war, blieben die heiklen Hinterlassenschaften eines jahrzehntelangen Aufrüstens zurück, in dessen Hektik die Beteiligten atomar strahlende Stoffe wie Müll behandelten, sie also vergruben, im Meer versenkten oder schlicht ignorierten.

„Fallout“ ist weiterhin die Bestandsaufnahme einer viele Jahrzehnte währenden Täuschung, der konsequent verwaltetes Unrecht folgte. Damit „der Feind“ über den Entwicklungsstand der atomaren Waffen im Unklaren blieb, täuschte und belog man ‚vorsichtshalber‘ auch die eigenen Bürger über die Risiken der Bombenproduktion und Test-Explosionen, die dabei freigesetzte Strahlung und die gewaltigen Berge angehäuften Giftmülls - ein düsteres Geheimnis, das sämtliche Atommächte teilen. Die Sowjets im Osten trieben es höchstens noch wilder als die vorgeblich ‚guten‘ Geister des Westens. Was Autor Pearce im Verlauf von Recherchen, die ihn diverse Brennpunkte (der Doppelsinn ist beabsichtigt) der Atombomben-Historie wie Majak und Matlino (Russland), Rocky Flats (USA) oder Windscale/Sizewell (England) bereisen ließ, in Erfahrung brachte, ist nicht nur nachträglich schockierend.

Ein ‚guter Bürger‘ schluckt gefälligst alles

Pearce legt offen, dass sich der Lerneffekt in Sachen atomarer Risiken weiterhin in Grenzen hält, beziehungsweise eine vom Atom profitierende Lobby immer noch dort beschwichtigt und ignoriert, wo rasches Handeln nötig wäre - und sei es nur, um wenigstens das strahlende Erbe einer allzu sehr von Fortschritt und potenzieller Vernichtung fixierten Vergangenheit zu entsorgen.

Stattdessen wurde wie üblich vorsätzliche Bosheit nutznießend auf den Punkt gebracht, indem Militär und Regierungen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs Unfälle, die ahnungslose Bürger aller Altersstufen vergifteten oder in Lebensgefahr brachten, nicht nur geheim hielten, sondern als willkommene Möglichkeit betrachteten, die einschlägigen Forschungen auszuweiten. Dass die menschlichen Versuchskaninchen dabei über Generationen litten oder sogar starben, wurde in Kauf genommen - und nachträglich geleugnet, um nicht für die Kosten einer Behandlung oder Entseuchung herangezogen zu werden.

Was Pearce trotz der weltweit weiterhin betriebenen Vertuschungen herausfinden konnte, ist in seiner Eindeutigkeit bestürzend. Dabei folgt der Autor keineswegs den pauschalen Verdammungsurteilen jener, die gegen Atomkraft an sich wettern, sondern ist um Objektivität bemüht: Nicht jede atomare Verseuchung erweist sich als tödliche Last, die sämtlichen Generationen der Zukunft wie ein Mühlstein am Hals hängen wird, sondern wird von Gegner-Gruppen zur solchen aufgebauscht, um im Schatten einer vorgeblichen Atom-Keule eigene Ziele durchzusetzen; auch die ‚Guten‘ sind sich nicht zu schade, vorhandene Ängste zu manipulieren.

Widerspenstige Sackgasse der Geschichte

Wer nun meint (oder darauf hofft), dass die Geschichte der friedlichen Atom-Nutzung ein erfreulicheres Kapitel darstellt, sollte sich an Three-Mile-Island, Tschernobyl oder Fukushima erinnern. Dort löste sich der Traum (oder die Lüge) von der kostenlosen Energie ohne Ende in radioaktivem Staub auf. Was diesen Katastrophen die Krone aufsetzt, ist die Tatsache, dass stets technisches und menschliches Versagen sie dort auslösten, wo scheinbar allwissende Wissenschaftler und beschwichtigende Politiker es nie erwartet hätten und im Vertrauen auf die Stabilität der Konstruktionen adäquate Sicherheitsvorkehrungen kaum oder gar nicht existierten.

Pearce hat auch diese Orte besucht und stellte fest, dass der Mensch den Folgen der ‚Zwischenfälle‘ geistig womöglich nicht gewachsen ist: Nirgendwo wird konsequent entgiftet. Je länger die Kraftwerksexplosionen zurückliegen, desto stärker neigen sparsame Verwaltungen dazu, einst umfangreiche Entseuchungsmaßnahmen Schritt für Schritt zurückzunehmen. Atomarer Müll wird weiterhin gestapelt und das Problem seiner endgültigen Beseitigung an kommende Generationen weitergereicht, die wiederum ahnungslos sind, was den Umfang eines Problems betrifft, das sich keinesfalls von selbst erledigen wird.

Ist spaltbares Uran ausgebrannt, verwandelt es sich unter anderem in Plutonium, das nicht nur mindestens ebenso heimtückisch, sondern auch für die Produktion von Atombomben tauglich ist. Wer als Terrorist nicht fähig ist, eine funktionstüchtige Zündvorrichtung zu konstruieren, füllt einfach Plutonium in eine normale Bombe, deren Explosion radioaktive Partikel über quadratkilometergroße Flächen verteilen wird.

Aus den Augen, aus dem Sinn …

Man sollte meinen, dass angesichts des Risikos die Plutoniumvorräte dieser Welt sorgfältig aufbewahrt und bewacht beziehungsweise entsorgt werden, was durchaus möglich, aber teuer ist. Tatsächlich musste Pearce feststellen, dass Plutonium als lästiges Gefahrengut sorglos (oder planlos) hin- und hergeschoben wird: Zumindest dort, wo es nicht nur Demokratie, sondern auch ein Umweltbewusstsein gibt, will keine Gemeinde ein Zwischen- oder gar Endlager dulden.

Pearce hat entsprechende Stätten in den USA (Hartford) und Großbritannien (Sellafield) aufgesucht, aber am meisten beeindruckt hat ihn der atomare Eiertanz in Deutschland. Dort versuchen sämtliche Regierungen seit Jahrzehnten die Salzstöcke von Gorleben zu räumen, nachdem man sie zuvor mit Atommüll vollgestopft hat. Niemand weiß, wie man die oft verrosteten, geplatzten Fässer bergen oder wohin man sie schaffen soll. Diverse Regimes würden sie für einen entsprechenden Obolus gern übernehmen, doch Greenpeace & Co. sowie die Medien sind wachsam.

Abschließend geht Pearce der Frage nach, wie gefährlich der strahlende Müll objektiv ist. Er weiß, dass er damit in ein Wespennest sticht: Die Fronten zwischen Atomkraft-Befürwortern und Gegnern sind so verhärtet, dass schon die Möglichkeit, dass die Natur Radioaktivität besser verkraftet als erwartet, keineswegs für Erleichterung sorgt. Pearce dokumentiert, dass zudem auf wissenschaftlicher Ebene keineswegs Gewissheit besteht: Es fehlen stabile Langzeitdaten, während sich die bekannten Fakten oft widersprechen. Wie es aussieht, bleibt unsere Erde noch für lange Zeit ein Versuchslabor, dessen Kaninchen - wir - wohl oder übel die Köpfe hinhalten müssen …

Fazit:

Weltweit vor Ort recherchierter Überblick, der mit der Entwicklung der Atombombe einsetzt und das atomare Wettrüsten des Kalten Kriegs beschreibt, um auf die friedliche Nutzung der Atomkraft als Energiequelle überzuleiten und mit dem Problem des radioaktiven Mülls zu schließen. Die Fakten sind erschütternd, was die Bereitschaft von Politikern und Geschäftemachern, zu lügen und zu vertuschen, einschließt: ein traurig-aktuelles, spannendes, gut geschriebenes Sachbuch.

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Film & Kino:
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Der Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl gehört zu den wohl größten modernen Desastern. Das aus heutiger Sicht für viele sicherlich etwas abstrakte historische Ereignis wird in dieser Serie plastisch, real und fühlbar gemacht. Titelbild: © Sky UK Ltd/HBO

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