Ernst Stadler - Ein zu kurzes Leben

  • Nimbus
  • Erschienen: November 2022
Ernst Stadler - Ein zu kurzes Leben
Ernst Stadler - Ein zu kurzes Leben
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Thomas Gisbertz
10

Sachbuch-Couch Rezension vonJan 2023

Wissen

Das Buch bietet eine umfangreiche, detaillierte und differenzierte Biografie eines der bedeutendsten Expressionisten.

Ausstattung

Das Buch enthält zahlreiche bislang unveröffentlichte bzw. unbekannte Fotos sowie Abbildungen und Gedichte von Stadler.

Ein wichtiges Werk über eine Ausnahmeerscheinung

„Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich, / Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!“

In diesem Zitat aus Ernst Stadlers Gedicht „Der Spruch“ spiegelt sich in wunderbarer Weise das Leben des bekannten Expressionisten wider. Dabei ist der 1893 im elsässischen Colmar geborene Stadler weit mehr als nur ein Dichter. Er ist Dozent, Übersetzer, Literaturwissenschaftler und -kritiker. Aber vor allem versteht er sich als Elsässer, Deutscher, Europäer. Ein Mensch, der schon früh die Wichtigkeit des geistigen Austauschs zwischen den Völkern erkennt. Stadler verkörpert in seinem kurzen Leben ein geistiges Europa, das seiner Zeit weit voraus ist. Dass sein literarisches Gesamtwerk leider recht überschaubar bleibt, hat verschiedene Gründe. Ein nicht unwesentlicher: Stadler stirbt als 31-Jähriger zu Beginn des Ersten Weltkrieges in Belgien - dem Land, in dem er lange Zeit als engagierter Dozent gearbeitet hat. Über diesen vielseitigen Literaten und Menschen erscheint nun im Nimbus Verlag die erste Biografie. Zu verdanken haben wir sie dem Basler Germanisten Albert M. Debrunner. Ein Werk, das ebenso wichtig wie gewinnbringend ist.

Auf der Suche nach dem dichterischen Selbst

Als Ernst Stadler 1902 seine Schullaufbahn im mittlerweile heimischen Straßburg im zweiten Anlauf abschließt, hat er bereits die ersten Gedichte veröffentlicht. Er schließt sich als Abiturient und zu Beginn seines Studiums einem literarischen Freundeskreis an, dessen Leitsterne Wagner und Nietzsche sind und in dessen Mittelpunkt ein literarischer „Erwecker“ steht: René Schickerle. Dieser bricht mit allem Bekannten des Dichtkunst: „Nicht in Berlin, sondern in Straßburg konstituierte sich die Avantgarde der deutschen Lyrik und René Schickele war ihr Prophet“, so Albert M. Debrunner. Stadler ist begeistert von dessen Gedichtband „Sommernächte“ und seiner Art der Lyrik: „Hier war etwas, das sich vom Alten, Gewohnten unterschied, hier war eine Stimme, die die Ängste und die Sehnsüchte einer Generation zum Klingen brachte, die Gefühle hörbar machte.“

Im Laufe eines Studiensemesters in München 1904 ist Stadler literarisch äußerst produktiv und er bringt 1905 seinen ersten Gedichtband „Praeludes“ heraus. Doch die Kritik fällt überwiegend negativ aus. Zu epigonal erscheint das Bändchen, zu sehr scheint Stadler Vorbildern wie René Schickerle, Hugo von Hofmannsthal und Stefan George über die Schulter geschaut zu haben. Und die Reaktionen auf das Erscheinen der „Praeludes“ zeigen Wirkung bei Stadler: „Er hatte geglaubt, gefunden zu haben, was er suchte, und verlor es im selben Augenblick wieder“, so Debrunner. Stadler erkennt, dass es noch ein langer Weg zu seinem „dichterischen Selbst“ sein wird. Die Folge: Nach seinen am Symbolismus orientierten Anfängen wird er fünf Jahre lang kein Gedicht mehr veröffentlichen.

Stadler, der Europäer

Stadler ist ein weltoffener, neugieriger Mensch. Nach seinen Studienjahren in München und Straßburg geht er nach England und arbeitet in Oxford an seiner Habilitation über Wielands Shakespeare-Übersetzungen. Anschließend wird er 1910 Dozent an der Universität Brüssel, wo er Deutsche Philologie lehrt und französische Literatur übersetzt (besonders Werke von Charles Péguy und Francis Jammes weiß er zu schätzen). Dieser Schritt mag überraschen, ist die Stelle doch nur mäßig bezahlt und Stadler nur als einfacher „Dozent mit Lehrauftrag“ angestellt - Hat er doch zuvor bereits in Straßburg als Privatdozent gearbeitet. Aber neben seiner Abenteuerlust nennt Stadler einen weiteren wichtigen Grund für seine Entscheidung: Er wolle „seinen Horizont auch in den französischen Sprachraum hinein erweitern“. Es ging Stadler auch darum, Kultur und Sprache Flanderns kennenzulernen: „Mischkultur ist ein Begriff, der Stadlers eigenes Wesen treffend erfasst. Er selbst war sich der vielfältigen Prägungen bewusst, denen er sein Selbstverständnis verdankte, und statt einem dieser Einflüsse den Vorzug zu geben, suchte er aus freien Stücken noch nach weiteren“, so Debrunner.

1910 wird für Ernst Stadler in vielerlei Hinsicht ein Jahr des Abschiednehmens, aber auch des literarischen Neubeginns, ein „Erneuerungsversuch“ und einer „Hinwendung von der Kunst zum Leben“. Aber nicht nur inhaltlich erfindet sich Stadler durch die zunehmende Abkehr vom Ästhetizismus seiner früheren Lyrik und der Hinwendung zu einer stärkeren Bildlichkeit neu. Die bereits in seinen frühen Gedichten verwendet Form der freirhythmischen Langzeilengedichte erhebt er nun zu einer wahren Kunst. In der Berliner Zeitschrift „Die Aktion“ veröffentlicht er regelmäßig seine Gedichte.  Mit „Der Aufbruch“ erscheint Ende 1913 / Anfang 1914 sein zweiter Gedichtband: Ein Werk, dass Stadler auf dem Höhepunkt seines literarischen Schaffens zeigt und das sicherlich als bahnbrechend nicht nur für den Expressionismus zu bezeichnen ist. Leider sollte es auch sein letzter Gedichtband sein.

Früher Tod

Aber Ernst Stadler macht sich auch zunehmend als Dozent ein Name. Nicht nur bei seinen belgischen Studenten ist er sehr beliebt, er genießt auch einen ausgezeichneten Ruf als Literaturwissenschaftler. 1914 kommt er - nach zähem Ringen mit sich selbst - dem Wunsch der Universität Toronto nach, ihn ab Sommer als ordentlichen Professor einzustellen. Doch dazu soll es nicht mehr kommen. Nach den Schüssen von Sarajewo erlebt Stadler die Schicksalhaftigkeit des alten Europas am eigenen Leib: Er muss bereits am ersten Mobilisierungstag als Reserveleutnant im Ersten Weltkrieg einrücken. Nach drei Monaten fällt er in der Schlacht um Ypern. Die Fassungslosigkeit darüber fasst zwei Jahre später eine gute Freundin Stadlers, Thea Sternheim, in Worte: „Der Tod Stadlers war eine Katastrophe für die Literatur. Da wurde ein Geschütz geladen, irgend ein Tölpel dachte sich nichts dabei, alles ging ganz mechanisch unter Lachen und Fluchen. Aber Stadler lag in seinem Blute. Für was blutete Stadler?“

Fazit

Albert M. Debrunner versteht es ausgezeichnet, ein Bild des außergewöhnlichen Literaten und Menschen Ernst Stadler zu zeichnen, das uns sowohl ein Verständnis für dessen literarisches Wirken gibt, als uns auch Einblicke in dessen Persönlichkeit erlaubt. Ein Buch, das nicht nur literarisch Interessierten gefallen dürfte.

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