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Palin führt die Fakten zusammen, die das Ende der Franklin-Expedition belegen, wobei das Schicksal der „Erebus“ titelgerecht im Vordergrund steht. Die Historie des Schiffs leitet den Verfasser durch die Seefahrts- und Forschungsgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts. Obwohl daraus kaum neue Erkenntnisse folgen, werden bekannte Fakten in einen Zusammenhang gebracht, der auch historische Laien problemlos mit dem Thema vertraut macht.

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„Erebus“ ist ein scheinbar simples, tatsächlich erfreulich solides Stück Buchhandwerk: fester Einband, hochwertiges Papier, dazu ein augenfreundliches Druckbild für eine gelungene Übersetzung. Karten belegen anschaulich die Reiserouten der „Erebus“, zeitgenössische Baupläne sowie zahlreiche Bilder und Zeichnungen zeigen das Schiff und seine (vom Künstler gern dramatisch aufgewerteten) Kämpfe gegen raue See und ewiges Eis.

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Michael Drewniok
Geeiste Zeitkapsel aus nordpolaren Gewässern

Sachbuch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2020

Die Geschichte ist reich an Tragödien, die Menschenleben forderten. Dass sich nicht nur Angehörige und Freunde dafür interessieren, liegt in der Faszination des Grauens begründet, der wir uns gern überlassen, wenn wir nicht selbst betroffen sind. Die Neugier steigert sich, wenn ein Mysterium die Tragödie umwittert. Die Frage nach der Wahrheit wird wichtiger als das oft profane Ereignis dahinter, denn es liegt in der Natur des Menschen, Geheimnisse zu lüften.

Zwar steht inzwischen ziemlich genau fest, was zwischen 1845 und 1848 in der nördlichen Polarregion geschehen ist: Die Franklin-Expedition, an Bord der Schiffe „Erebus“ und „Terror“ aufgebrochen, um nach einer schiffbaren Route - der sagenhaften Nordwestpassage - zwischen dem nordamerikanischen Kontinent und dem Packeis des Nordpol zu suchen, scheiterte vollständig; sämtliche Teilnehmer verhungerten elend, nachdem sie ihre Schiffe verlassen mussten, die ausweglos im Eis steckengeblieben waren.

Nicht sämtliche Fragen sind jedoch geklärt. Um die Franklin-Expedition ranken sich weiterhin Mythen. Sie schließen auch die beiden Schiffe ein. Deshalb war es eine Nachricht von globalem Interesse, als eines davon - die „Erebus“ - im September 2014 gefunden wurde. Das Wrack liegt nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche. Es ist zwar durch Eisdruck beschädigt, doch das eisige Wasser hat es ansonsten vorzüglich konserviert. Die „Erebus“ hat sich in eine Zeitkapsel verwandelt, die über das Schicksal der Franklin-Expedition hinaus Auskunft über die Seefahrt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geben kann. Die Bergung bzw. Auswertung des Inventars wird deshalb trotz aller Schwierigkeiten (und Kosten) fortgesetzt.

Neugieriger Mann will Näheres wissen

Michael Palin (geb. 1943) ist eine bekannte Persönlichkeit. Vor allem als Mitglied der Grotesk-Komiker-Gruppe „Monty Python“ ist er bekannt und berühmt geworden, hat sich aber ein zweites berufliches Standbein als Reiseschriftsteller verschafft. Für das Fernsehen besucht er oft unzugängliche Stätten dieser Welt, auf denen sich historisch Relevantes und/oder Interessantes ereignet hat.

Palin ist kein Wissenschaftler, wie er selbst nie müde wird zu betonen, hat sich aber in der Vermittlung von Fakten einen guten Namen gemacht. „Erebus“ ist kein Buch, das wirklich Neues oder gar Sensationelles enthüllt. Stattdessen nutzt Palin die Entdeckung des „Erebus“-Wracks, um an eine Zeit zu erinnern, als die Erde (nicht nur in ihren Polarregionen) von weißen Flecken übersät war, auf die noch kein Reisender einen Fuß gesetzt hatte. Das Schicksal der „Erebus“ wird zum roten Faden. Ihre Historie reicht in die Jahre vor der Franklin-Expedition zurück; sie hatte sich bereits im Dienst der Forschung bewährt, bevor sie auf ihre letzte Fahrt ging. Als „Bombarde“, d. h. als schwimmende Festung, war sie im Juni 1826 vom Stapel gelaufen, um erst Jahre später auf ihren einzigen militärischen Einsatz geschickt zu werden, der sie ins Mittelmeer führte. Nach neunjähriger Reede wurde die „Erebus“ aufwändig umgebaut und begab sich (zusammen mit der „Terror“) auf eine dreijährige Forschungsmission zum Südpol, deren Höhen und Tiefen Palin dokumentiert.

Dabei entsteht das Panorama einer Epoche, in der sich Großbritannien als Flottengroßmacht dazu auserkoren fühlte, die Welt nicht nur zu erkunden, sondern zu erobern. Palin begnügt sich nicht damit, dies vom Schreibtisch aus zu beschreiben. Er reist zu den zentralem Stätten der von ihm nacherzählten Geschichte/n, um in der Gegenwart nach Spuren der Vergangenheit zu fahnden sowie davon zu berichten, wie sich die einst zivilisationsfernen Reiseziele der Entdecker verändert und nicht selten zu stark frequentierten Touristenzielen entwickelt haben (oder degeneriert sind).

Mysterium, Drama und Rätselraten

In der griechischen Mythologie ist Erebos ein Sohn des Chaos‘ sowie Gott und Personifikation der Finsternis. Dass dieser Name das Schicksal des so benannten Schiffes vorwegzunehmen scheint, ist ein Zufall, denn Bombarden trugen als Kriegsschiffe oft Namen, die den Feind einschüchtern sollten. Dennoch blieben entsprechende Unkereien nicht aus, als die „Erebus“ und ihr Schwesternschiff, die Bombarde „Terror“ - auch kein Name, der Zuversicht schürt -, spätestens 1847 als verschollen galten.

Palin führt die Fakten zusammen, die das Ende der Franklin-Expedition belegen, wobei das Schicksal der „Erebus“ titelgerecht im Vordergrund steht. Zuvor widmet er der ersten und erfolgreichen Südpolar-Reise ebenso breiten Raum. Das ist auch deshalb von Bedeutung, weil wir erfahren, wie intensiv während solcher Forschungsfahrten Buch geführt wurde. Womöglich birgt das Wrack der „Erebus“ entsprechende Aufzeichnungen, die unter Wasser erhalten geblieben sein könnten. (In der Kapitänskajüte der im September 2016 ebenfalls entdeckten „Terror“ zeigte die Unterwasserkamera einen wunderbar erhaltenen Schreibtisch mit verheißungsvoll zahlreichen - und geschlossenen - Schubladen.)

Die Geschichte der „Erebus“ endet somit nicht wie mehr als anderthalb Jahrhundert befürchtet mit ihrem Verschwinden. Palin beschreibt das Wrack als Schatzkammer, die auch über das Alltagsleben jener einfachen Seeleute Auskunft gibt, die normalerweise in der Historie verschwanden, weil sie zwar bordnotwendig, aber nicht prominent = ‚wichtig‘ waren. Dagegen zitiert Palin oft und gern die wenigen, meist kargen Erwähnungen in den zeitgenössischen Unterlagen: Letztlich fanden mehr als 100 Seeleute den Tod; sie gingen höchstens summarisch in die Geschichtsbücher ein, von den meisten sind nur die Namen erhalten, hinter denen Palin exemplarisch dort Schicksale aufhellt, wenn Näheres bekannt ist.

Mehr als eine lehrreiche Tragödie

„Erebus“ ist ein scheinbar simples, tatsächlich erfreulich solides Stück Buchhandwerk: fester Einband, hochwertiges Papier, dazu ein augenfreundliches Druckbild für eine gelungene Übersetzung. Karten belegen anschaulich die Reiserouten der „Erebus“, zeitgenössische Baupläne sowie zahlreiche Bilder und Zeichnungen zeigen das Schiff und seine (vom Künstler gern dramatisch aufgewerteten) Kämpfe gegen raue See und ewiges Eis, geben aber auch der Vorgeschichte der Franklin-Expedition Raum.

Darüber hinaus gibt es viele Fotos. Sie zeigen Relikte, die spätere Reisende auf ihren Suchen nach Franklin und seinen Männern links und rechts der Todesroute gefunden haben oder ihnen von den Inuit ausgehändigt wurden. Es sind gerade wegen ihrer Profanität aussagestarke und traurige Objekte, weil die todkranken Männer bis zuletzt von ihnen nicht lassen wollten: Bücher, persönliche Essbestecke, sogar einer von Franklins Orden.

Weitere Fotos zeigen die Orte der beschriebenen historischen Ereignisse in der Gegenwart. Sie sind vielleicht leichter erreichbar (und zuverlässiger lebendig wieder zu verlassen), doch weiterhin unendlich öde und gefährlich, was die Leistung derer, die sich vor mehr als anderthalb Jahrhunderten mit kleinen Schiffen und ohne Kenntnis der örtlichen Verhältnisse dorthin wagten, nachhaltig belegt. Dies zu verdeutlichen war Michael Palin sichtlich ebenso wichtig wie die Beschäftigung mit dem historischen Rätsel.

Fazit:

Die Historie eines Schiffs leitet den Verfasser durch die Seefahrts- und Forschungsgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts. Obwohl daraus kaum neue Erkenntnisse folgen, werden bekannte Fakten in einen Zusammenhang gebracht, der auch historische Laien problemlos mit dem Thema vertraut macht, zumal Autor Palin schreiben kann und keine Furcht vor vielleicht nebensächlichen, aber interessanten Fakten (und Absonderlichkeiten) zeigt: ein lesenswertes Sachbuch.

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