Eine gefährliche Frau

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  • Erschienen: Februar 2022

Liselotte Prugger (Übersetzung)

Eine gefährliche Frau
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Carola Krauße-Reim
10

Sachbuch-Couch Rezension vonAug 2022

Wissen

Sehr gut recherchiert, aber gerade durch das detaillierte Wissen nicht immer ganz einfach zu lesen.

Ausstattung

Fußnoten und eine Auswahlbibliogaphie ergänzen den Text, wie auch Fotos, eine Landkarte und eine Liste der Namen und Decknamen der Hauptpersonen

Gelungene Biografie über die „meistgesuchte Spionin des Zweiten Weltkriegs“

Die britische Journalistin und Sachbuchautorin Sonia Purnell hat bereits Biografien von Boris Johnson und Clementine Churchill veröffentlicht. In „Eine gefährliche Frau“ beschreibt sie das Leben der Amerikanerin Virginia Hall, die während des 2. Weltkriegs in Frankreich als Spionin und Widerstandskämpferin operierte. Frankreich hat lange die Beteiligung von Ausländern am Widerstand bestritten und verschwiegen. Mit diesem Buch setzt Purnell nicht nur Virginia Hall ein Denkmal, sondern allen ausländischen Personen, die sich gegen die Nazis einsetzten.  

Eine willensstarke Frau

Virginia Hall wuchs in den höheren gesellschaftlichen Kreisen der amerikanischen Ostküste auf. Schon als Kind ging sie lieber Reiten und Jagen als sich zu Hause sittsam auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorzubereiten. Als Erwachsene trat sie in den diplomatischen Dienst ein, was für sie als Frau allerdings mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war. Man verweigerte ihr den Aufstieg, was u.a. mit ihrer körperlichen Einschränkung begründet wurde: Hall konnte sich nach einem Jagdunfall nur noch unter ständigen Schmerzen mit einer Beinprothese fortbewegen. Doch das hinderte sie nicht daran, der „Special Operations Executives“ (SOE), Winston Churchills Geheimorganisation, beizutreten, um als erste Frau der Alliierten in Frankreich eingesetzt zu werden. Sie organisierte Widerstandsgruppen, sorgte für sichere Häuser und sicherte Informationswege. Als ihre Lage immer bedrohlicher wurde, brachte sie sich auf einem sehr beschwerlichen Weg über die Pyrenäen nach Spanien in die vermeintliche Sicherheit. 1944 kehrte Hall als Angehörige des US-amerikanischen Geheimdienstes OSS nach Frankreich zurück, um die Operation Dragoon vorzubereiten. Immer wieder hatte sie als tatkräftige und erfolgreiche Frau mit dem tradierten Rollenverständnis zu kämpfen, was ihr auch nach Kriegsende als Mitarbeiterin des CIA noch Probleme bereitete.

Spannend und enorm viele Informationen

Sonia Purnell beschreibt nicht nur das Leben dieser außergewöhnlichen Frau, sondern gleichzeitig den Zustand der Résistance und deren Arbeit. Die einzelnen Gruppen waren kaum vernetzt, bestanden aus wagemutigen Frauen und Männern, die sich der Gefahren in ihrer ganzen Konsequenz oft nicht bewusst waren, teilweise sehr unvorsichtig agierten und oft nur durch pures Glück überlebten. Purnell zeigt auch die Unterwanderung der Gruppen mit Verrätern, die denunzierend skrupellos die Situation zu ihrem eigenen Wohl ausnutzten. Das Geschehen liest sich spannend wie ein Krimi, wobei die unendlich vielen Namen eine Herausforderung sind. Einige der Hauptpersonen sind eingangs, auch mit ihren Decknamen, aufgelistet, was schon sehr hilft, ebenso, wie eine Karte von Frankreich mit den wichtigsten genannten Orten.

Doch sollte man schon ein Interesse an der damaligen Zeit und der Résistance mitbringen, denn Halls Aktionen in Frankreich stellen den Kern der Biografie dar. Fast schon minutiös werden sie beschrieben, was eindrücklich Halls Schwierigkeiten mit der Situation und den anderen Mitgliedern der Gruppen zeigt, ebenso wie ihre psychischen und, durch ihre Behinderung, auch physischen Belastungen.

Manchmal scheint es, als wollte Hall den Tod herausfordern, als wäre sie immer auf der unseligen Suche nach der Anerkennung der Mutter und der von Männern geprägten Gesellschaft. Dennoch war sie immer sehr umsichtig, behielt den Überblick und handelte klug. Die wenigen Male, in denen sie Mitstreiter verlor, gingen ihr sehr nahe. Nach dem Krieg sorgte sie dafür, dass einige der gefolterten und deportierten Überlebenden ihrer Gruppen Entschädigungen bekamen.

Intensive Recherche gut umgesetzt

Purnell hat sehr eingehende Recherche betrieben, was sich schon aus der Auswahlbibliografie und den zahlreichen Fußnoten mit Querverweisen ablesen lässt. Einige Dokumente wurden erst auf ihre Nachfrage hin öffentlich zugänglich und ergänzten das schon Bekannte, was sich hauptsächlich aus Sekundärliteratur erschloss. Anders als andere hat Virginia Hall sich immer bedeckt gehalten, hat ihre hohen Auszeichnungen nie persönlich genutzt und keine eigene Biografie geschrieben. Da ist es umso schöner, dass Purnell Fotos aus ihrer Kindheit und Jugend zeigen kann oder auch Aufnahmen von ihr nach dem Krieg. Ganz besonders allerdings sind die Fotos ihrer Mitstreiter in Frankreich. Sie machen aus den unzähligen Namen greifbare Menschen mit Gesichtern und damit die ganze persönliche Biografie zu einem weitreichenderen, sehr intensiven Bericht, der nicht immer einfach zu lesen ist, aber dennoch fesselt.

Fazit

Die Biografie einer unglaublich mutigen Frau – spannend, intensiv und inspirierend! Sonia Purell zeigt mit „Eine gefährliche Frau“ das hervorragend recherchierte Leben der Top-Spionin aus dem 2. Weltkrieg und würdigt damit nicht nur Virginia Hall, sondern alle ausländischen Mitglieder der Résistance und anderer Widerstandsgruppen gegen die Nazis. Ein Muss für Jeden, der sich für diese Zeit oder auch für starke, unabhängige Frauen interessiert.

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