Ein Sommer mit Goethe

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Thomas Gisbertz
9101

Sachbuch-Couch Rezension vonJun 2026

Wissen

Seibt ist ein anerkannter Goethe-Experte. Sein Buch besticht mit einem umfangreichen und fundierten Wissen.

Ausstattung

Passend zu den Themenbereichen und Kapiteln des Buches gibt es zeitgenössische Darstellungen, die teilweise von Goethe selbst gezeichnet wurden. Auf ein Quellenverzeichnis verzichtet der Autor bewusst.

Selten wurde Goethe so nahbar dargestellt.

Wer den großen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe nicht kennt, rätselt beim Titel des Buches vielleicht, warum man mit ihm nun einen Sommer verbringen solle, und alle, die ihn in der Schule lesen mussten, werden in Gedanken daran vielleicht eher leichte Panik verspüren. Muss man sich nun auch noch in der schönsten Jahreszeit mit dem Weimarer Klassiker beschäftigen? Nein, natürlich nicht – aber man würde tatsächlich eine wunderbare Begegnung versäumen.

Dem Essayisten, Historiker und Literaturkritiker Gustav Seibt gelingt es, uns in seiner anekdotenhaften Kurzbiografie den Menschen Goethe und das, was ihn umtrieb, näherzubringen: In fünfzig Kapiteln führt dieses Buch uns mitten hinein in die Welt Goethes, indem der Autor uns auch unter Bezugnahme von Originaltexten verrät, was der große Literat über die Liebe, Freundschaft, Freiheit, Ordnung und die Natur, sogar über Gott oder auch einfach nur über das richtige Outfit und die Kunst von Jungsein und Altern dachte. „Es ist keine Schande, Goethe nicht gelesen zu haben. Es ist nur schade, und man kann es ändern“, schreibt Seibt ganz zu Beginn. Wie recht der Autor damit hat, denn in „Ein Sommer mit Goethe“ erfährt man nicht nur so manches Neue. Das Buch lädt zum Mitdenken, Schmunzeln und Weiterlesen ein – auch über den Sommer hinaus.

Zwischen Pflicht und Wahl

Die Schule ist vielleicht nicht der richtige Ort, um Goethe und seine Werke lieben und schätzen zu lernen. Zu hoch liegt hier wohl die Messlatte, klaffen Anspruch und Wirklichkeit mittlerweile auseinander. Und dennoch: Lernt man ihn dort nicht kennen und erfährt vielleicht den einen Moment, ihm wirklich näher zu kommen, wird man sich später wohl niemals mehr mit ihm beschäftigen. „Glück macht Mut“ schreibt Goethe in seinem „Götz“ und dies gilt in gewisser Weise auch für Seibts kleines Büchlein: Wenn man das Glück hat, es zu finden und zu lesen, wird man sich gewiss auch mutiger an Goethes Texte wagen. Zugegeben: Die schiere Größe und Wucht der Werke Goethes können abschrecken. Autor Gustav Seibt nimmt seine Leser daher an die Hand, nähert sich schrittweise der Person Goethe und seinem Opus, indem er verrät, was ihn selbst an einem der größten deutschen Dichter fasziniert. Dies wird aber – wie man es vom Autor gewohnt ist – niemals oberflächlich oder gar banal. Die Lektüre ist trotz des vergleichsweise „einfachen“ Ansatzes anspruchsvoll, aber stets verständlich.

Goethe to go

So bunt der Titel auf dem Vorderdeckel gedruckt ist, so vielfältig erscheint der Inhalt des Buches. Seibt entschied sich dabei ganz bewusst für eine Kurzbiografie (mit weniger als 300 Seiten), gelte es doch „zögernde oder vielbeschäftige Leser“ zu gewinnen. Gleichzeitig orientiert sich der Autor aber auch an einem bekannten Format. Die beliebte französische Radio-Serie „Un été avec“, die seit 2013 bei Radio France ausgestrahlt wird, stellt in kurzen, 15-minütigen Folgen während des Sommers bekannte Klassiker vor. Ziel ist es, dem breiten Publikum eine sommerliche, anregende und unbeschwerte Lektüre der großen Autoren zu bieten. So ergeht es dem Leser nun auch mit Seibts Vorstellung Goethes. Dabei verzichtet der Autor bewusst auf genaue Quellenangaben, einen zu starren chronologischen Aufbau und eine Überfrachtung der Texte mit Originalzitaten.

Die Kapitel sind nach Themen und Motiven geordnet, denen man sich auch eigenständig widmen kann, ohne die anderen gelesen zu haben. Im Mittelpunkt steht nicht unbedingt der Literat Goethe, sondern der Mensch und seine Gedanken, auch wenn man beides nur schwer trennen kann. So gehe es laut Seibt etwa nicht darum, „wie Goethe altere, sondern was er über das Altern sagte“. Die kurzen, ebenso informativ wie im besten Sinne unterhaltsam gestalteten Kapitel enden jeweils mit einem Goethe-Zitat oder einem Gedicht. Sogar eine Leseanleitung gibt Gustav Seibt allen an die Hand:

Cut off the telephone. Nehmen Sie sich am besten jeweils eine halbe Stunde für die einzelnen Kapitel, zum Lesen – am besten laut – und zum Nachdenken. Betrachten Sie das Büchlein vielleicht als kurzen Lehrgang, als einen von vielen möglichen anderen essential Goethes, der Sie Schritt für Schritt in seine Art des Denkens und Sprechens hineinführt.“

Genau das ist es, was das Buch so lesenswert macht: Es geht weniger darum, was der Dichterfürst gesagt und geschrieben hat. Vielmehr stellt Seibt stets die Frage nach dem „Warum?“.

Mal tiefsinnig, mal humorvoll

Besonders der anekdotenhafte Erzählstil des Buches ist nicht nur reizvoll, sondern voller, teils nachdenklich stimmender, teils lustiger Überraschungen. Als Goethe während einer Reise wegen mächtiger Meeresströmungen in Seenot gerät, droht die Stimmung auf dem Schiff zu eskalieren. Das laute, nervtötende Schreien, Schimpfen und Gezeter der anwesenden Frauen, was die nötige Ruhe für den Kapitän und seine Arbeit störte, kritisiert der Dichterfürst energisch, da „ihr Lärmen und Schreien denen, von welchen noch allein Rettung zu hoffen sei, Ohr und Kopf schwirrten, so dass sie weder denken noch sich untereinander verständigen konnten.“

Stattdessen sollen die Frauen doch lieber beten, während der seekranke Goethe sich nach diesem kraftraubenden Einsatz wieder auf sein Krankenlager in die Kajüte zurückzieht.

Trotz mancher humorvollen Anekdote geht es Gustav Seibt anders als etwa in Charles Lewinskys Roman „Rauch und Schall“ nicht um einen heiteren „Denkmalsturz“ des großen Dichters, sondern um eine vorsichtige und bedachte Annäherung an den Menschen Goethe, die durchaus zu einer größeren Wertschätzung für den Dichter führen darf.

Fazit

Eigentlich passt das Buch in jede Jahreszeit. Aber vielleicht ist es gerade jetzt besonders lesenswert, da der Sommer noch vor uns liegt. Denn dann kann man Seibts gewinnbringende Kurzbiografie zum Anlass nehmen, sich tatsächlich mit Goethes Werken über den Sommer etwas näher zu beschäftigen. Genügend Einstiege dazu bietet „Ein Sommer mit Goethe“ gewiss. Auch erfahrene Goethe-Kenner dürften nach der Lektüre noch einmal in den alten Texten nachschlagen. Es ist eine mehr als lohnenswerte Lektüre – oder um es mit den Worten Goethes zu sagen: „Man liest viel zu viel geringe Sachen, womit man die Zeit verdirbt und wovon man weiter nichts hat. Man sollte eigentlich immer nur das lesen, was man bewundert.“

Ein Sommer mit Goethe

Gustav Seibt, C.H.Beck

Ein Sommer mit Goethe

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