Irgendwann kommt alles ans Licht.
Aus den Augen, aus dem Sinn ... Der Mensch liebt Binsenweisheiten, die aber auch deshalb so genannt werden, weil sie so eindeutig zutreffen. In unseren Fall beschreiben sie ein Verhalten, das dem Zweck dient, sich entweder etwas vom Hals zu schaffen oder etwas zu schützen, auf das sich begehrlich Augen (und Finger) richten.
Es geht um Müll und Tod auf der einen, kostbare Schätze auf der anderen Seite. Offenbar seit es sie gibt, haben Menschen die Erde unter ihren Füßen als idealen Aufbewahrungsort erkannt: Wenn man tief genug gräbt und die Spuren anschließend verwischt, darf man davon ausgehen, dass ungestört bleibt, was darunter liegt, bis der Zufall (Erdrutsch, Erosion durch Wind bzw. Wasser) erscheint oder neugierige Archäologen mit Bodenradar und Metalldetektoren anrücken.
Erfolgreich sind aber auch oberirdische Verstecke in Höhlen oder Mooren. Sehr effektiv (aber schwierig in der Bergung) ist es, seinen Schatz in einem Brunnen, Fluss oder See zu versenken. Schließlich eignet sich sogar das eigene Heim als Hortplatz; man sorgt für ein getarntes Loch in einer Wand oder im Fußboden und weiß geschützt, was einem wertvoll ist oder besagtes Heim vor üblen Kräften bewahren soll.
Viel später stolpert jemand zufällig über lange verschwundene und vergessene Stücke, oder man sucht gezielt nach ihnen. Bestenfalls tun dies einschlägig ausgebildete Archäologen und Historiker, aber manchmal sind Grabräuber - auch sie gibt es seit Jahrtausenden - schneller. Überall dort, wo Menschen leben und gelebt haben, warten weiterhin unzählige Funde auf ihre Entdeckung. Sie sind eher selten von finanziellem Wert, sondern unverzichtbar als oft einzige Quellen, die über eine schriftlose Vergangenheit Auskunft geben. Deshalb können selbst profane Tonscherben, Metallbrocken oder Pfostenspuren im Erdboden von Bedeutung sein.
Die Öffentlichkeit nimmt solche Funde selten wahr. Das ändert sich, sobald sich einem ausgegrabenen Objekt ein medienwirksamer Stellenwert überstülpen lässt. Dieser muss keineswegs der Wahrheit entsprechen; es geht um die Aufmerksamkeit, die sich mit griffigen Markern wie „Die letzte Zuflucht der lebenden Leichen“, „Das Blutglas von Stade“ oder „Das Herz aus dem Bunker“ wecken lässt.
Die Realität ist spannend genug
Dies sind Überschriften, die Autor Guido Kleinhubbert einigen der kurzen Kapiteln gibt, mit denen er das hier vorgestellte Buch füllt. Er ist Journalist und deshalb bemüht, ein Gleichgewicht zwischen der Vermittlung von Fachwissen und dem Unterhaltungsbedürfnis seiner Leser zu finden. Diese sind mehrheitlich keine Wissenschaftler und schätzen es, wenn sie verstehen, was ihnen erzählt wird. In dieser Hinsicht steht Kleinhubbert auf festem Boden. Er recherchiert oft für Zeitschriften bzw. das Magazin „Der Spiegel“, wo er für Themen aus den Bereichen Archäologie, Alte Geschichte und Anthropologie zuständig ist.
Kleinhubbert ist dort außerdem Verfasser einer Serie namens „Deutschlands düstere Geheimnisse“, auf die sich dieses Buch stützt. Dort geht es um Funde, die an merkwürdigen Orten und unter seltsamen Umständen entdeckt wurden. Findet das auf ehemaligen Friedhöfen, im Fundamentbereich von Kirchen oder an ähnlichen Plätzen statt, wird die Stimmung umgehend „unheimlich“ und „geheimnisvoll“.
Diesem Affen scheint Kleinhubbert ordentlich Zucker zu geben, wenn man sieht, worüber er schreibt und dabei diese Atmosphäre selbst schürt. Doch beinahe unmerklich schwenkt er dann ins Reale über und geht den gefundenen Dingen buchstäblich auf den Grund. Dabei helfen Fachleute, die Kleinhubbert interviewt und zitiert. Stück für Stück verfliegt die Aura des Phantastischen, was allerdings kein Verlust ist, denn die Wirklichkeit schlägt bekanntlich jede Vorstellung. Zudem lassen Objekte wie „Der Glasphallus aus dem Nonnenkloster“ wenig Raum für Rätsel. Ansonsten ist Geduld von Vorteil: Immer wieder kommen aus Archiven Schriftstücke zum Vorschein, die plötzlich darüber Auskunft geben, worüber man sich seit Äonen die Köpfe zerbrach.
Geheimnisse ohne Grenzen
Die Welt steckt voller solcher „Wunder“, doch Kleinhubbert konzentriert sich auf Funde aus Deutschland. Allerdings stammen die Funde oft aus Zeiten, in denen es ein „Deutschland“ überhaupt noch nicht gab. Sie reihen sich in eine Historie ein, die auf heute offizielle Grenzen ohnehin keine Rücksicht nahm. Die Entdeckungen wurden meist in der jüngeren und jüngsten Vergangenheit gemacht; das Werk ist also aktuell, der Autor kramt nicht die üblichen, längst bekannten Rätselstücke wieder heraus.
Ungeachtet oft sehr unterschiedlichen Fundsparten lassen sich Zusammenhänge entdecken. Es ist zwar ein alter Witz unter Archäologen und Ur- und Frühgeschichtlern, dass alles, was sich nicht erklären lässt, einen kultischen Ursprung besitzt. Nichtsdestotrotz stammen viele der hier präsentierten Funde tatsächlich aus einem religiösen Umfeld. Schon die Menschen der Steinzeit schnitzten sich aus Knochen oder Elfenbein Figürchen, die göttlichen Schutz symbolisierten. Solchen „Aberglauben“ konnte auch die Kirche nie wirklich ausrotten: Kleinhubbert beschreibt, wie noch heute mumifizierte Katzen dort zum Vorschein kommen, wo man sie beim Bau eines Hauses als Schutz vor Geistern und Dämonen eingemauert hatte.
Auch in der Draufsicht ‚normal‘ wirkende Grabstätten geben oft Geheimnisse preis. Wurde jemand beispielsweise als Vampir gefürchtet, grub man seinen Sarg wieder aus, brach dem Verstorbenen die Beinknochen, nagelte ihn mit einem Pfahl durch den Körper buchstäblich am Boden fest oder wälzte ihm einen schweren Stein auf den Kopf: So hielt man Verdächtige unter der Erde fest. Quasi zeitlos ist das Verbrechen des Massenmords, denn aus allen Zeiten kommen Gräber zum Vorschein, in denen Menschen verschwinden und aus dem Gedächtnis getilgt werden sollten. Sie waren Opfer von Kriegszügen oder Seuchenzügen, aber sind kein Phänomen alter Zeiten: Immer wieder stößt man auf Exekutionsplätze aus dem „Dritten Reich“ und dort vor allem auf die Überreste mehr oder weniger heimlich ermordeter Juden.
Steter Tropfen höhlt den Stein
Wissen wächst, wenn sich zwischen einzelnen Erkenntnisse Brücken bilden. Je dichter das Netz wird, desto zuverlässiger trägt es. Technische und digitale Fortschritte tragen dazu bei. Heute kann man in den Boden oder durch Wände schauen, ohne graben oder bohren zu müssen. Das funktioniert sogar im flutüberschwemmten Meeresboden. Die Naturwissenschaften sorgen dafür, dass in Erfahrung gebracht werden kann, wie Menschen vor vielen Jahrtausenden gelebt, gearbeitet, gegessen haben, gereist und gestorben sind. So wird eine Grube, in die einst an der Pest gestorbene Mitmenschen geworfen wurden, zu einer wahren Schatzkammer. Permanent wächst das Spektrum der Fakten, die sich aus scheinbar blanken, morschen Knochen lesen lassen.
„Düstere Geheimnisse“ ist auch ein Streifzug durch die Welt einer grundlegend modernisierten Wissenschaft. Das Brüten über staubigen Knochen und Scherben ist längst der Laborarbeit gewichen. Man muss nicht mehr sehen, ob ein Fund Informationen enthalten könnte, denn man weiß, wo und wie man zu suchen hat. Dabei kommen Instrumente zum Einsatz, die man aus diversen „CSI“-Serien oder Science-Fiction-Filmen zu kennen glaubt.
Man erhält mit diesem Buch etwas Besseres als eine munkelschwangere Auflistung ‚unheimlicher‘ Orte: kurze, aber prägnante Informationen, die einen ersten Zugang zum Thema ebnen. Dass der Autor das Publikum mit doppeldeutigem Titel und Kapitelüberschriften lockt, bleibt deshalb ohne Vorwurf: Dem Fisch wird nicht nur der Köder schmecken!
Fazit
Interessanter Streifzug durch die (deutsche) Geschichte, der einerseits sachlich, andererseits unterhaltsam bzw. allgemeinverständlich darüber aufklärt, auf welche erstaunlichen Weisen scheinbar rettungslos verschwundenes Wissen rekonstruiert werden kann: Selbst unscheinbare oder bizarre Objekte können in vergangene Lebensbilder eingebunden werden.



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