Die Kreuzzüge

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Andreas Kurth
10

Sachbuch-Couch Rezension vonJul 2022

Wissen

Ausstattung

Adelige, Ritter, Priester und gemeines Volk auf der Jagd nach Absolution und ewigem Ruhm

Am 27. November 1095 rief Papst Urban II. in Clermont zum ersten Kreuzzug auf. Damit begann die knapp 200 Jahre dauernde Epoche, die Thomas Asbridge in seinem Monumentalwerk ebenso kenntnisreich wie spannend schildert. Die hilfreiche Zeittafel in seinem Buch endet mit dem 18. Mai 1291, dem Tag als die letzte Kreuzfahrer-Bastion in Akkon von den Mamelucken erobert wurde. Das mit Bildern, Karten, Anmerkungen und Register 813 Seiten starke Werk ist ein Sachbuch, liest sich aber in vielen Bereichen so spannend wie ein Krimi. 

Wer den dicken Schinken in einem Rutsch durchlesen möchte, muss sich viel Zeit nehmen. Dabei ist das gar nicht nötig. Asbridge hat den kolossalen Inhalt geschickt in Abschnitte, Kapitel und Unterkapitel aufgeteilt. Der Leser kann sich also in beliebig kurzen oder eben längeren Etappen mit Adeligen, Rittern, Priestern und dem gemeinen Volk auf den langen Weg von Europa ins Heilige Land machen. Der Autor macht dabei deutlich, dass es im Grunde unvermeidlich immer wieder zu Kriegen um Jerusalem und das Land drumherum kommen musste - und noch immer kommt.

„Es verhielt sich im Mittelalter nicht anders als heute: Eben wegen seiner unübertroffenen Heiligkeit wurde Jerusalem zum Brennpunkt der Konflikte. Die Tatsache, dass die Stadt entscheidende Bedeutung für die Glaubensinhalte dreier unterschiedlicher Religionen hat, von denen jede überzeugt ist, unverhandelbare, historische Rechte auf die Stadt zu haben, macht sie geradezu zwangsläufig zum Kriegsschauplatz.“

Ein wirklicher Genuss ist für mich die tolle inhaltliche Ausstattung dieses Buchs. Auf den Innenseiten der beiden ausklappbaren Umschlagseite sind zwei Landkarten zu finden. Auf der einen werden Westeuropa und die Mittelmeerländer dargestellt, auf der anderen der vordere Orient zwischen Kleinasien, Persien und Ägypten. Die politischen Verhältnisse sind ebenso nachvollziehbar wie die jeweiligen Wege der Kreuzfahrer. Neben einigen Bildern gibt es im Buch dann noch viele kleinere Karten, vor allem, um spezielle militärische Konstellationen zu verdeutlichen - etwa bei der berühmten Schlacht an den Hörnern von Hattin.

Beide Seiten des dauerhaften Konflikts werden dargestellt

Thomas Asbridge schildert in seiner Einleitung eingehend die politische und religiöse Situation im Mittelalter, und er geht auch ausführlich auf die islamische Welt der damaligen Zeit ein. Diese Berücksichtigung beider Seiten zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch, und macht es außerordentlich wertvoll, denn euro-zentristische Betrachtungen der Kreuzzüge gibt es schon genug. Aufgeteilt ist das Werk in fünf Teile. In “Aufbruch der Kreuzfahrer” geht es um Papst Urban und das Entstehen der Kreuzzugsbewegung, den Kampf um Jerusalem und die Entstehung der Kreuzfahrerstaaten.

Die eigene Welt von “Outremer”, wie der vordere Orient in Franken genannt wurde, schildert der Autor so kenntnisreich wie bunt. Der zweite Teil “Die Antwort des Islam” widmet sich überwiegend der Gegenbewegung in den muslimischen Staaten. Viel Platz nehmen dabei die verschiedenen islamischen Herrscher und Feldherren ein, unter ihnen Nur ad-Din und sein berühmter Nachfolger Saladin, der nach seinem Tod kultische Heldenverehrung in den muslimischen Ländern genossen hat. Die Abschnitte und Kapitel sind hier so gestaltet, dass man bei der Aufmerksamkeit fordernden Lektüre durchaus mal eine Pause einlegen kann, um einzelne Aspekte an anderer Stelle selbst zu vertiefen. Das hat bei mir für einen besonderen Lesegenuss gesorgt.

Thomas Asbridge hat den dritten Teil mit “Kampf der Titanen” überschrieben. Es geht um den dritten Kreuzzug, an dem einige europäische Könige beteiligt sind. Durch Bücher und Filme ist vor allem der englische Herrscher Richard Löwenherz vielen Lesern ein Begriff, der Autor schildert eingehend die wahre Geschichte dieses Königs, jenseits der populären Legenden.

Sicherung der Herrschaft während der Abwesenheit

Was mich immer wieder fasziniert hat, ist die Schilderung der politischen Rahmenbedingungen für die Kriege fernab der Heimat, und für die Adeligen, fernab des eigenen Herrschaftsgebiets. Dabei geht es keineswegs nur um religiöse Motive, sondern wirtschaftliche und politische Faktoren spielen im Laufe dieser 200 Jahre immer wieder eine große Rolle. Aber eben auch ganz praktische Fragen: Wie sichere ich meine Herrschaft während meiner Abwesenheit? Ist die Nachfolge geregelt, wenn der Herrscher beim Kreuzzug stirbt? Das war für Königreiche ebenso kompliziert, wie für kleine Grafschaften, wie Asbridge ausführlich schildert.

Im vierten Teil “Der Kampf ums Überleben” schildert der Autor den allmählichen Niedergang der Kreuzfahrer-Staaten, und im fünften Teil “Sieg im Orient” deren Ende. Das Nachwort von Thomas Asbridge ist dem “Fortwirken der Kreuzzüge” gewidmet, wo er Bezüge zur Gegenwart herstellt.

Als guter Geschichtenerzähler vermag Asbridge seine Forschungsergebnisse in lesenswerter Form zu präsentieren.

Vier Jahre Forschung und Recherche hat der Autor in dieses Buch investiert, in meinen Augen eine unglaubliche Fleißarbeit. Besonders beeindruckend finde ich neben der Schilderung der militärischen Ereignisse, die offenbar ziemlich lückenlos dokumentiert sind, die Abschnitte über die jeweiligen Hauptakteure - auf beiden Seiten. Asbridge hat so manchen Forschungsansatz zu einzelnen Zeitabschnitten und Teilaspekten erweitert und neu gefasst, eine imponierende wissenschaftliche Arbeit. Und selbst wenn der Autor mal abschweift, langweilig wird es in keinem Fall.

Fazit

Wer populärwissenschaftlich geschriebene Geschichtsbücher mag, wird “Die Kreuzzüge” nicht so schnell aus der Hand legen. Es ist ein Quell an spannenden Geschichten, nahezu jeder Teilaspekt dieser 200 Jahre umfassenden Epoche bietet genug Stoff für eigene Bücher. Thomas Asbridge vermag seine Forschungsergebnisse fesselnd und lesenswert zu präsentieren. Ein Standardwerk erster Güteklasse.

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, Pantheon

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