Historische Fakten mit fesselnder Familienbiografie verwoben.
Rüdiger von Fritsch (* 1953 in Siegen) war Vizepräsident des BND und hochrangiger Diplomat – zuletzt, bis zu seiner Pensionierung 2019, als Deutscher Botschafter in Moskau. Als Sachbuchautor beschäftigt er sich mit aktuellen politischen Themen, aber auch mit ganz persönlichen, wie seiner Beteiligung an der Fluchthilfe für Verwandte und Freunde aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland und seiner Arbeit an der Botschaft in Moskau. Auch das vorliegende Buch ist sehr persönlich und gleichzeitig doch auch ein Bericht über die Lage der Deutschlandbalten im 2. Weltkrieg.
Alle tragen Geschichten in sich
Wir alle haben Eltern und weitere Vorfahren, die uns geprägt haben. Wir alle tragen die Geschichten unserer Familien in uns. Rüdiger von Fritsch lässt uns an seiner teilhaben. Sie führt uns von der Zeit des 2. Weltkrieges bis in die Gegenwart, denn die Vergangenheit führt über viele Fragen bis ins Heute.
Eine baltisch-deutsche Familie
Von Fritschs Familie stammt aus dem heutigen Litauen. Als Deutsche im „Generalkommissariat Litauen“ waren sie während des 2. Weltkrieges Spielball der Mächte. Sie mussten ihr Gut an der Grenze zu Lettland verlassen, durften wieder zurückkehren, nur um dann endgültig vertrieben zu werden. Von Fritsch erzählt diese Familiengeschichte – von der Großmutter, die noch den Zarenhof kennengelernt hat, über die Verluste während der Kriege, bis hin zur Wiedervereinigung der geflüchteten Familie in Westdeutschland. Doch er belässt es nicht dabei, er erzählt auch von seinem Verhältnis zu seinem Vater. Das wandelte sich vom Kind, das alles hinnimmt bis zum fragenden und zweifelnden Erwachsenen, der den Vater angeht. Der Vater, Thomas von Fritsch, war bis zu seinem Tod überzeugter und bekennender Nationalsozialist. Er ließ seinen Kindern zwar die eigene Meinung, forderte sie dadurch auch heraus sich mit ihm zu konfrontieren. Diese Konfrontationen beschreibt Rüdiger von Frisch und führt uns dadurch auch immer wieder zurück in die Vergangenheit. Damit lässt er ebenfalls Einblicke in die Welt und das Leben der Deutschen im Baltikum bis zur Flucht zu, die bis jetzt nur wenig in der Literatur thematisiert wurden. Dadurch schreibt er nicht nur die Biografie seiner Familie, sondern auch ein Kapitel des 2. Weltkrieges.
Fesselnd und sehr informativ
Immer wieder verknüpft der Autor die Familiengeschichte mit der Gegenwart, den Fragen an seinen Vater und den Auswirkungen, die sie auf sein Leben hat. Das schafft er sehr spannend zu gestalten, wobei der klare und nahezu emotionslose Stil Distanz wahrt und einen neutralen Blick zulässt. Dieses wiederum hilft die Schicksale der Familien von Fritsch und von Hahn als Beispiele deutscher Geschichte zu sehen und nicht primär als individuell Erlebtes. Die Lage der Deutschen im Baltikum ist dabei ein Thema, aber auch die Arbeit von Thomas von Fritsch als SS-Angehöriger und Regierungsrat in der Verwaltung des „Generalkommissariats Litauen“.
Rüdiger von Fritsch versucht zu ergründen, was seine Familie alles von den Vorgängen in Litauen gewusst hat, inwieweit sein Vater an diesen beteiligt war und wie dieser mit den Erkenntnissen aus dem 2. Weltkrieg bis zum Lebensende ein Nazi sein konnte, der hinter der brauen Ideologie stand und den Holocaust verleugnete. Die Flucht aus Litauen wiederum hinterließ nicht nur Wunden, sie veränderte auch das ganze noch folgende Leben der Familien von Hahn und von Fritsch. Auch davon wird berichtet, mündet es doch in die „Geschichte in mir“.
Damit man den Familienverhältnissen und Fluchtrouten besser folgen kann, sind ein Familienstammbaum und diverse Karten dem Buch beigefügt. Leider gibt es keine Fotos, die das Familiengut Plonian vor und nach der Zeit des Krieges und der sowjetischen Besatzung zeigen oder gar Familienporträts. Das wäre eine sehr schöne Ergänzung gewesen, die das Erzählte noch einmal persönlicher gemacht hätte – aber vielleicht ist es vom Autor gerade deshalb bewusst weggelassen worden.
Fazit
Ein sehr persönliches Buch, in dem Rüdiger von Fritsch ehrlich und offen mit der eigenen Familiengeschichte umgeht und damit gleichzeitig einen Blick in die Geschichte der Deutschen im Baltikum bis 1945 ermöglicht. „Die Geschichte in mir“ ist fesselnd und informativ und für alle, die sich für Geschichte interessieren, absolut empfehlenswert.



Deine Meinung zu »Die Geschichte in mir«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!