Die Galerie des Wahnsinns

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Michael Drewniok
8101

Sachbuch-Couch Rezension vonJan 2026

Wissen

Locker bzw. allgemeinverständlich und mit gut gewählten Beispielen werden (oft nur scheinbare) Seitenwege der Kunst ausgeleuchtet.

Ausstattung

Zahlreiche Bilder in guter Abbildungsqualität unterstützen den Text.

Wie sich das Auge aufs Kreuz legen lässt.

Seit der Mensch gelernt hatte, Dinge in seinen Händen bzw. Fingern zu halten, begann er nicht nur Werkzeuge (und Waffen) zu fabrizieren, sondern auch zu zeichnen, zu malen und zu gestalten. Immer wieder wird die Medienwelt durch die Nachricht bereichert, dass der entsprechende Startschuss um weitere Jahrtausende in die Vergangenheit zurückverlegt werden muss. Inzwischen steht fest, dass bereits die Neandertaler - mit denen wir heutigen Menschen zwar verwandt, aber nicht identisch sind - sich auf Höhlenwänden verewigt oder Knochenfigürchen geschnitzt haben; eine Entdeckung, die ihren Weg auch in dieses Buch gefunden hat.

Der Mensch liebt es zu ‚spielen‘, was geradezu eine Voraussetzung ist, sich „Künstler“ nennen zu dürfen. Man ‚sieht‘ nicht nur mit den Augen, sondern spürt die Welt auch mit anderen Sinnen. Hinzu kommen die Vorstellungen dessen, was möglicherweise, aber nicht sicher existiert. Der Geist kennt keine Grenzen, und er findet immer wieder unbekannte Wege sich mitzuteilen.

Dies unterliegt stets auch politischen, kulturellen und vor allem religiösen Vorgaben, denn der Künstler ist Teil seiner Welt, muss sich ihr anpassen, sich in ihr behaupten – oder sich gegen sie stellen. Daraus folgen zu allen Zeiten seltsame, aufgrund zeitgenössischer Gesetze und Regeln ‚wahnsinnige‘ Kunstwerke, die uns in diesem Buch vorgestellt werden: Wer Grenzen sprengen will, wählt visuelle Chiffren, die Tabus und Verbote umschiffen, weil sie deren Hüter entweder nicht erkennen oder ignorieren.

Hinzu kamen historische ‚Gewissheiten‘, die erst die Zeit (und die Aufklärung) widerlegten: Wer konnte im Mittelalter beweisen, dass es an fernen Orten keinen heiligen Christopherus mit Hundekopf gab oder gegeben hatte? Überhaupt war die Fremde ein ideales Refugium für Ungeheuer, Geister u. a. Kreaturen, an die man zwar glaubte, aber ‚daheim‘ nie finden konnte. In der Ferne erfreuten sie sich nicht nur bester Gesundheit, sondern wurden durch lokale Künstler offensichtlich porträtiert. Was tatsächlich ausgedrückt werden sollte, wurde im geistig abgeschotteten Aus- und Abendland nach Vermögen und Belieben interpretiert. So sind die tatsächlich „wahnsinnigen“ = geistig kranken Künstler in diesem Buch in der Minderzahl. Sie gingen und gehen in ihren Bildwelten noch ein Stück weiter, faszinieren und erschrecken vor allem durch das Ignorieren jeglicher Grenzen.

Zu bedenken ist weiterhin die ‚Inflation‘ des Abgebildeten. Lange galt als existent, was in Worte und eben Bilder gefasst wurde. Der englische Historiker Edward Brooke-Hitching macht deutlich, welche heute nicht mehr nachvollziehbare Wucht ein Bild oder eine Skulptur unter dieser Prämisse entfesseln konnten. Die allgegenwärtigen Medien und das weltweite Internet haben uns abgehärtet. In einer Ära digital bedingter Darstellungsallmacht sind nicht (theoretisch) mehr so leicht zu überzeugen oder gar zu erschrecken.

Nicht „Wahnsinn“, sondern Reichtum des Ausdrucks

Einmal mehr widmet sich Autor Brooke-Hitching den (scheinbar) unbekannten Seiten der menschlichen Kunst- und Literaturgeschichte. Auch die Kartografie hat er bereits auf entsprechende ‚Querschläger‘ untersucht, die sich realiter gar nicht so verbergen, wie es Buchverlage suggerieren, um nach Mysterien lechzende Leser zu veranlassen, den nicht gerade geringen Kaufpreis für solche Werke zu entrichten.

Wenn der Mensch den Pinsel, das Schnitzmesser oder den Steinhammer schwingt, stellt er bildlich nicht nur dar, was ihm vor Augen steht. Das gilt mit ziemlicher Sicherheit auch für unsere Ahnen in der Steinzeit, was die Deutung ihrer Hinterlassenschaften zusätzlich kompliziert: Recht kümmerliche archäologische Befunde können nur ansatzweise klären, was tatsächlich mit einem Kunstwerk ausgedrückt werden sollte. Die Schrift gab es noch nicht, sodass diese Artefakte fremd wirken, ohne es zu sein: Die Zeitgenossen, an die sie sich richteten, wussten, was gemeint war. Das schließt u. a. die legendäre Himmelsscheibe von Nebra ein, die in keiner Weise einen ‚Wahnsinn‘ seines Schöpfers ausdrückt, aber trotzdem in diesem Buch auftaucht.

Schon diese uralten Kunstobjekte sind, wie nun schon mehrfach angemerkt, keineswegs Kandidaten für eine „Galerie des Wahnsinns“. Der Autor selbst macht daraus keinen Hehl, konzentriert sich auf die Besonderheiten einer Kunst, die eigenen Definitionen folgt, und ignoriert weitgehend einen Titel, der ebenfalls wie schon gesagt als Köder dient.

Was sehen wir wirklich?

Die Gegenüberstellung ‚seltsamer‘ Werke und Brooke-Hitchings knappe, aber erhellende Erläuterungen sorgt für einen Wirbel aufregender Aha!-Effekte, der auf solche Manipulation nicht angewiesen ist. Auf hochwertiges Papier gedruckt, können die ausgewählten Werke ihre Pracht (und Eigenheiten) zur Geltung bringen; beeinträchtigt wird dies dort, wo das Format der Vorlage sich der Wiedergabe entzieht, d. h. interessante Details verschwinden, da sie sich auf zweimal 25 x 20 cm nicht mehr erfassen lassen. Dies betrifft vor allem Werke wie 360°-Wandpanoramen, die sich in der Realität über viele Quadratmeter erstrecken und schon deshalb herausstechen.

Selbstverständlich treffen wir auf die üblichen Verdächtigen: Hieronymus Bosch, Franciso Goya, Johann Heinrich Fuessli ... Ihre Zeitgenossen waren oft überfordert von dem, was diese ihnen zeigten. ‚Offizielle‘, d. h. möglichst breit gewürdigte Kunst wird oft als Refugium betrachtet, in dem man sich vor den Wirren der Alltagswelt sicher fühlen möchte. Wer dies in Frage stellt, sorgt für einen Widerstand, der so manchen Künstler in den Ruin, ins Exil oder ins (einst diesen Namen zu Recht tragenden) „Irrenhaus“ getrieben hat! Doch die Provokation starb nie aus, wie schon der Blick auf jene 90 Blechdosen beweist, in die Piero Mazoni 1961 nach ausgiebigen Mahlzeiten die „Merde d’Artiste“ abfüllen ließ. 2016 wurde eine dieser Dosen für 275000 Euro versteigert: Das ist Wahnsinn!

Der Grat, auf dem Künstler wandeln, ist seit jeher schmal. So werden einst gefeierte Werke nachträglich gerügt und verbannt, weil sie in der aufgeklärten Gegenwart als politisch unkorrekte, ‚böse‘ und am besten in dunkle Museumsmagazine verbannte Irrtümer der Vergangenheit gelten. Im Visier stehen gern Werke, die einst fremde Länder und ihre Bewohner abbildeten und sich dabei stilistischer Methoden (sowie Beschreibungen) bedienten, die von den Kritikern der Jetztzeit stellvertretend verdammt werden: Brooke-Hitchins präsentiert uns als Beispiel Bilder von „Kannibalen“, wie sie zeitgenössische Künstler aus Kolonialstaaten detailfreudig abgebildet haben.

Erkenntnis und Überraschung

Ernüchtert stellen wir immer wieder fest, dass der Kunst bei näherer Kenntnis der historischen Entstehungsumstände kein Wahnsinn innewohnen will. Das Publikum sollte stattdessen herausgefordert und erstaunt werden, um darüber ins Nachdenken zu geraten. Brooke-Hitchings präsentiert uns gegen den Strich gebürstete Strukturen oder klug ausgedachte und effektvoll eingesetzte optische Täuschungen, macht aber auch deutlich, dass nicht jedes Kunstwerk als solches entstanden ist.

Wer weiß denn, dass von da Vincis „Mona Lisa“ mehrere (sogar nackte) Versionen existieren? Was der Kunde verlangte, wird zu allen Zeiten geliefert, was den Weg zu jenen Kapiteln ebnet, in denen der Autor das Handwerk der Kunstfälschung thematisiert. Es ist so alt wie die Kunst selbst und blüht heute prächtiger denn je.

Kunst kennt buchstäblich keine Beschränkungen. Brooke-Hitchings stöbert Werke auf, die von Menschen realisiert wurden, nachdem Geister aus dem Jenseits in sie gefahren waren und ihre Hände geführt hatten. Er erinnert an einen Pionier, der das bewährte Malwerkzeug neu erfinden musste, weil er sich in den Kopf gesetzt hatte, unter Wasser zu malen. Außerdem gräbt er einen Künstler aus, dessen Werke Rätsel aufgaben und für Aufsehen sorgten, bis er als Schimpanse geoutet wurde.

Fazit

Nicht „Wahnsinn“, sondern der Wille des Menschen, die Welt nicht nur abzubilden, sondern zu interpretieren, sorgt seit jeher für eine Kunst, die nicht nur Zeitgenossen vor Rätsel stellt, provoziert und zum Nachdenken anregt: ein in Wort und Bild interessantes, mit vielen Überraschungen aufwartendes Werk.

Die Galerie des Wahnsinns

Edward Brooke-Hitching, Knesebeck

Die Galerie des Wahnsinns

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